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Das ländliche Leben im 19, Jahrhundert
Aus einem Bericht in einer Hausbibel
48.24
Obwohl der nachfolgende Artikel aus unserem Nachbarort Oiste stammt, soll er hier vorgestellt werden, da sich die dortige
Lebensweise im 19. Jahrhundert mit der in Martfeld deckte. Der Bericht stellt uns den Alltag und Sitten von damals vor.
Niedergeschrieben wurde er in einer alten Hausbibel am 19. Oktober 1891 als eine Art Familienchronik.
Verfasser war der aus Oiste gebürtige Lehrer Ratje Mügge (1815-1892) in Hannover. Er war Vater des Mineralogen Prof. Otto
Mügge (1858-1932) und Großvater des Meteorologen Ratje Mügge (1896-1975).
Der Anfang der Familienchronik befasst sich mit den Lebensdaten von Mügges Eltern und Geschwistern. Danach folgt eine kurze
Beschreibung der Herkunft der Familie, die hier vernachlässigt werden soll, da sie in den Martfeld Live-Ausgaben Nr. 28 und
29 (April/August 2005) bereits verarbeitet wurde. Folgend soll hier nun Ratje Mügge wortgetreu in Auszügen wiedergegeben
werden.
"Meine Großmutter, eine geborene Klinkers (1) stammte aus "Gehrkenhus" 2 in Holtum. Sie verheiratete sich wieder an einen
Ratje Klausen in Ritzenbergen nach dem sog. "Fährmannshus" und ihre Tochter heiratete den Sohn ihres Stiefvaters aus dessen
erster Ehe, Ratje Clausen. Nach dem in den 20er Jahren erfolgten Tode ihrer Tochter, ihres zweiten Mannes und ihres
Stief-, zugleich auch Schwiegersohnes, verblieb sie bis 1840 in dem "Fährmannshus" in Ritzenbergen und kehrte dann nach dem
Tode meiner Mutter in mein elterliches Haus nach Oiste zurück, wo sie, geboren am 14.01.1763, anfangs Oktober 1852 im
Alter von 89 Jahren und 9 Monaten gestorben ist. Sie schnupfte stark, rauchte auch im hohen Alter noch sehr gern ihre lange
Pfeife und spielte dabei mit großer Lust und Sachkenntnis eine Partie Whist, Solol (4) oder Schafkopf (6).
Meine Großeltern mütterlicherseits wohnten in Dahlhausen, einem sehr freundlichen, unmittelbar am Weserdeich zwischen großen
Obst- und Gemüsegärten gelegenen und von den saftigsten Wiesen und Weiden umgebenen Dorfe, eine gute halbe Stunde von Oiste
entfernt. Das Haus dieser Großeltern wird "Rütershus" genannt. Wann und woher ein Hecht (7)in dieses Haus gekommen ist, weiß
ich nicht. Die Vorfahren der Rüter sollen sehr reiche Leute gewesen sein. Sie bauten aus sehr dicken und breiten eichenen
Balken und Ständern Anno 1621 einen Speicher, der noch heute steht, mit der unleserlichen, angeblich eingehauenen Inschrift
an einem Querbalken des Giebels: "»Schön sünd wi nich, aber riek". Auch geht die Sage, dass sie den Weg vom Wohnhaus bis zum
Speicher mit silbernen Geldstücken haben pflastern lassen wollen.
Mein Vater (9), beim Tode seines Vaters erst 12 Jahre alt, hat sich als Anerbe des elterlichen Hofes 10 wegen der
Militärverhältnisse während der französischen Okkupation schon 1810, also in seinem 23ten Lebensjahr, verheiratet, die
Mutter Anfang des 19ten Lebensjahres. Beide Eltern waren einfache, schlichte Bauerleute, beide gesund und frischen, frohen
Sinnes und Mutes. Der Vater war mittlerer Größe, breitschultrig, von starkem Körperbau, mit Blatternarben im Gesicht, sehr
raschen Ganges und ebenso rasch und tätig eingreifend bei allen Arbeiten.
Die Mutter, eine große, stattliche Frau mit blonden Haaren (der Vater mit schwarzen), frohen Gemütes, gern singend,
geistliche und weltliche Lieder, hinter dem Spinnrad sitzend, im Kreise ihrer Mägde und Kinder. Wohnung, Kleidung, Speisen
und Trank, häusliche Sitte und Ordnung, waren damals ganz anders als heutzutage. Wohnhaus und Viehhaus waren durch eine
Wand getrennt. Auf dem sogen. Flett (Flur), hergestellt wie ein flaster aus kleinen, dünnen und glatten Steine, von den
Klippen an der Weser, lag der niedrige offene Feuerherd unter dem sogen. "Rnehmen" mit seinen großen Kesselhaken, an denen
die viel Inhalt fassenden eisernen Töpfe und Kessel hingen. Eine Küche und Schornstein war nicht vorhanden, nur ein
"Waschort" zur Seite der "Halbtür". Der Rauch vom Feuerherd und aus den Öfen biss in die Augen und durchzog das ganze Haus,
so dass auch das Strohdach auf dem Haus an der Innenseite ganz schwarz angeräuchert war. Zwei Wohnzimmer, die sogen. große
und "lüttje Dönze", ein paar Kammern und Butzen waren die Wohn- und Schlafräume.
Die Kleidung meines Vaters: eine schwarz manchestener Kniehose (12), oberhalb des Knies an der Außenseite mit drei großen
und schweren, silbernen Knöpfen, und unterhalb des Knies mit einer starken silbernen Schnalle versehen, an deren starken
Zugbändern die "Strippen" Der langen Stiefel befestigt wurden. Statt der Stiefel wurden auch blaue oder weiße, bis über die
Knie reichende Strümpfe getragen und dabei Schuhe, die auf dem Spann mit großen, schweren silbernen Schnallen versehen
waren. Der Oberkörper wurde für gewöhnlich mit einer Jacke und Weste von blauem Tuch bekleidet, die beiden mit einer
doppelten Reihe von silbernen Knöpfen besetzt waren. Sonntags zum Kirchgang und bei feierlichen Anlässen trug er einen
blauen Tuchrock und einen hohen Hut. Die tägliche Kopfbedeckung war eine Kappe oder eine Zipfelmütze. An den leinenen
zum Teil sehr feinen Hemden war ein breiter Kragen festgenäht. Vorhemden, Manschetten u.w. kannte man nicht.
Auch die Frauenhemden waren mit einem breiten, auf die Schultern und den Rücken geklappten Kragen versehen. Über dem
Miederkorsetts waren völlig unbekannte Dinge, bedeckte Brust und Rücken ein sehr kunstvoll und vielfach gefaltetes Tuch,
dessen Zipfel hinten bis zum Kreuz herabhing. Den Kopf der Frauen, wie der jungen Mädchen, schmückte eine dicht
anschließende, oft sehr kostbare, mit echtem Golddraht und Perlen bestickte Mütze, vorn mit echter handbreiter Spitze
versehen, welche die ganze Stirn bedeckte und hinten im Nacken mit schweren, breiten seidenen Bändern geschmückt, die lang
auf den Rücken herunterhingen. Ein ähnliches Band befand sich an beiden Seiten, welche, die Ohren ganz bedeckend, unter
dem Kinn kunstvoll zusammengebunden wurden. Ein anderes, nur von verheirateten Frauen und Witwen getragenes
Kopfschmuckstück war das sog. "Knöppchen", ein reichlich handbreites, dünn wattiertes, durchnähten und oft auch gesticktes
Kissen, welches vor die Stirn gelegt und hinten am Kopf festgebunden wurde.
Alle Kleidungsstücke, mit Ausnahme der Sonntags- und Festkleider, wurden aus selbstverfertigten Stoffen, Ganzleinenen oder
Halbleinenen, Halbwollenen, auch Baumwollenen verfertigt.
Die Speisen waren sehr einfach. aber meistens nahrhaft, vor allem Milchspeisen. Milch, vermengt mit saurer dicker Milch,
mit Käse, mit Brot und ganz besonders mit Bohnen oder Erbsen, wurden jeden Abend und oft auch des Mittags gegessen.
Braunkohlsuppen, Rüben und Kartoffeln und die sogen. kleinen Bohnen wurden sonntags in solcher Menge gekocht, dass sie für
die halbe Woche ausreichten. Meine Eltern aßen viele Jahre mit Knechten und Mägden und mit uns Kindern an einem Tisch aus
einer großen Schüssel, in die jeder mit seinem hölzernen Löffel hineinlangte. Vor- und Nachtisch wurde gebetet und nach der
Morgen- und Abendmahlzeit auch regelmäßig der Abend- und Morgensegen, entweder aus dem hannoverschen Gesangbuch oder dem
Andachtsbuch von Starcke (13).
Die Eltern, auch Knecht und Mägde und wir Kinder, gingen am Sonntag, sowohl Vor- wie Nachmittags, zur Kirche. Zur Schule
wurden wir sehr regelmäßig und präzise geschickt (14), außerdem aber zu allen vorkommenden Arbeiten angehalten, jeder Junge
nach seinem Alter und seinen Kräften. Mein Vater war als ein in der Erziehung seiner Kinder sehr strenger Mann im ganzen
Dorfe bekannt, aber wir Jungen fühlten diese Strenge gar nicht, weil wir von Anfang an an unbedingten Gehorsam gewöhnt
waren. Als Kinder von 8-10 Jahren mussten wir morgens früh um 4 und 5 Uhr, zu Zeiten noch früher aufstehen, um beim
Dreschen zu helfen, Pferde von der Weide zu holen oder vor der Morgenkost Kartoffeln, große Bohnen und andere Feldfrüchte
zu hacken oder zu reinigen.
Ich habe in meinen Knabenjahren, vom 8.-9. Jahre an, sehr viel die Pferde vor dem Pflug antreiben müssen. Das Essen wurde
mir durch die zum Melken kommenden Mägde mitgebracht. Des Nachts bewachte ich – wohl meistens im Schlafe – in Gesellschaft
des ältesten Bruders (15) in der sog. Schäferkarre die Schafe in der Hürde. Wenn ich nicht auf dem Acker oder bei dem Vieh
mit Füttern beschäftigt war, so musste ich der Mutter bei dem großen Haushalt behilflich sein, dass ich die jüngeren Brüder
wiegen und warten, Kartoffeln usw. schälen, große Bohnen und Erbsen auslöchten, Wurzeln schrappen, Feuerholz herbeiholen und
das Feuer auf dem Herd im Gang erhalten musste. Nebenbei den Ferkeln und Kälbern Futter hinbringen, die große Viehdiele
abfegen, "Spulen machen", wenn die Mägde webten, tagelang hinter der Brake stehen und Flachs "broken" (brechen), wenn die
Mägde "schepten" und die Mutter hechelte. Ich musste die nötigen Ausgänge im Dorf und die gar häufigen Bestellungen bei den
Großmüttern in Dahlhausen und Ritzenbergen machen und mancherlei anderes.
Auch habe ich meine Mutter öfter, wenn sie auf schmutzigen und nassen Wegen Verwandte besuchen wollte, zu Pferde begleitet.
Wir beide auf einem Pferd sitzend, ich vorn, sie hinter mir quer sitzend. Das viele, oft stundenlang dauernde Wiegen der
jüngeren Brüder ist mir wahrscheinlich die langweiligste Arbeit gewesen. Als mein jüngster Bruder geboren wurde, soll ich
denselben mit den Worten empfangen haben: "Nu geit dat verdammte Wegen wedder los". Bei uns herrschte trotz allem
Geldmangel, der in den schlechten, nassen Jahren während meiner Knabenzeit auch in dem Elternhaus vorhanden war, stets ein
fröhlicher, heiterer Geist, große Gastfreiheit, ein freundliches Willkommen für Jedermann.
Henns Harries
1. Catharine Margarethe Klinker war in erster Ehe mit dem Vollmeier Gerd Heinrich Mügge (1751-1800) in Oiste und in zweiter
Ehe mit dem Vollmeier Ratje Clausen (1749-1825) in Ritzenbergen verheiratet. 2 Vollmeierhof Nr. 2 in Altholtum. 3
Vollmeierhof Nr. 5 in Ritzenbergen. 4 Ursprünglich altenglisches Kartenspiel. 5 Variante des Whist. 6 Altbayerisches
Kartenspiel. 7 Harm Hecht und Helene Stöver. 8 Vollmeierhof Nr. 51 in Dahlhausen. 9 Johann Hinrich Mügge (1788-1835). 10
Vollmeierhof Nr. 9 in Oiste. 11 Anna Adelheid Hecht (1791-1840). 12 Die sog. Manchesterhose ist eine Stoffhose aus Chord
gefertigt. 13 Caspar Starke, Superintendent von Eilenburg 1571-1595. 14 Darin könnte auch der Grund liegen, warum nicht nur
Ratje Mügge Lehrer wurde, sondern auch sein jüngster Bruder Diedrich Christian Mügge (1828-1907), der diesen Beruf u.a. in
Vilsen und Heiligenfelde ausübte. 15 Gerd Heinrich Mügge (1811-1848).
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Bratkartoffeln
Quelle:Tantelotti.de
In meiner Kindheit gab es, soweit ich zurückdenken kann, jeden Abend Bratkartoffeln - außer sonntags. Der Sonntag war was
Besseres, also aßen wir Brot mit Butter, Wurst und Käse und tranken dazu Tee. Zu den Bratkartoffeln in der Woche gab es
nichts zu trinken. Wer Durst hatte, löschte ihn außerhalb der Mahlzeiten mit Wasser aus der Leitung oder mit frischer Milch
von den eigenen Kühen, die immer verfügbar war.
Montags bis sonnabends gab es Bratkartoffeln. Bratkartoffeln gab es nur zum Abendessen, mittags waren die Kartoffeln
gekocht. Zum Mittag wurden immer soviel Kartoffeln gekocht, daß für die Bratkartoffeln am Abend noch genügend übrig waren;
denn die Bratkartoffeln wurden aus gekochten Kartoffeln zubereitet, die mindestens einige Stunden gestanden haben sollten,
nie aus grünen Kartoffeln. Die Bratkartoffelproduktion begann meine Mutter mit dem Schneiden des fetten Specks, in dem die
Kartoffeln gebraten werden sollten. Für uns Kinder fiel dabei oft ein fingerdicker Streifen ab.
Der Speck stammte von einem
der zwei Schweine, die üblicherweise im Winter geschlachtet wurden. Geräuchert wurde der Speck mit Sägespänen in einer
Räucherkammer oberhalb des Backofens im alten Backhaus, das neben den übrigen Hofgebäuden stand (und heute noch steht).
Besondere Auswahl der Sägespäne wurde nicht getroffen. Geräuchert wurde also mit dem Holz, daß gerade auf der Brennholzsäge
auf dem Hof gesägt worden war, in erster Linie von Eichen, Birken und Obstbäumen. Buchenholz, dessen Rauch als der beste
galt, war selten verfügbar, da die Buchen bei uns eher selten waren. Sägespäne von Nadelholz wurden nicht verwandt.
Geräuchert wurde mit einer Blechwanne, in die ein glühendes Brikett gelegt und mit Sägespäne abgedeckt wurde. Das Räuchern
dauerte vier, fünf Wochen, dann wurden Schinken, Speck und Würste in Leinenbeutel gehängt, damit die Fliegen keine Eier
darauf ablegen konnten. Die Räucherwaren blieben in der kalten Räucherkammer bis zum Verzehr hängen.
Dem Speckschneiden folgten die Zwiebeln und die Kartoffeln. Nachdem der Speck ausgelassen, die Zwiebeln glasiert und die
Kartoffeln zugefügt und angebraten waren, wurde das mit Holz, Brikett und Koks genährte Herdfeuer abgedeckt und die Pfanne
auf die Herdplatte gestellt, so daß die Kartoffeln langsam vor sich hin braten konnten.
Dann begann meine Mutter, die Kühe
zu melken. Es waren zwischen sieben und neun. Gemolken wurde von Hand, eine Melkmaschine wurde erst sehr spät genutzt.
Nach jeder Kuh wendete meine Mutter die Bratkartoffeln und stellte sie schließlich zum Warmhalten an den Rand der
Herdplatte. Vom Kuhstall in die Küche hatte sie es nicht weit. In dem Niedersachsenhaus führte die Küchentür direkt auf die
Diele mit dem Lehmboden, an deren rechter Seite die Kühe standen.
Die Milchkannen, in die die Milch durch einen großen
Filtertrichter hinein gegossen wurde, standen in einem kleinen Durchgangsraum direkt neben der Küche. Die Katzen waren
immer in der Nähe, weil sie etwas von der warmen Milch abbekamen. Manchmal fraßen sie den kompletten Wattefilter, mit dem
die Milch gefiltert worden war. Der nachfolgende Verdauungsprozeß dauerte. Die große Pfanne mit den Bratkartoffeln kam
mitten auf den Tisch. Wir bedienten uns reihum, beginnend mit meinem Vater. Zu den Bratkartoffeln gab es Gemüse oder Obst:
Apfelmus, saure Gurken, süßsauer eingelegte Aziagurken, Rote Beete, eingekochte Birnen, süßsauer eingelegter Kürbis. Die
Reihenfolge entspricht der Häufigkeit, an die ich mich erinnere. Fleisch oder Wurst gab es grundsätzlich nie dazu. Nur nach
dem Schlachten konnte es vorkommen, daß zusätzlich gebratene Blutwurstscheiben oder auch mal eine Pfanne voll Knipp auf
den Tisch kamen.
Knipp ist eine helle Grützwurst ohne Blut, die in der Pfanne knusprig braun gebraten wird.
Nachdem mein Vater in die Hühnerhaltung eingestiegen war und deshalb häufig Knickeier anfielen, gab es zu den Bratkartoffeln
für jeden ein Spiegelei - jeden Abend. Bratkartoffeln gab es immer gleich, sommers wie winters. Der zweite Gang des
Abendessens variierte nach Jahreszeit. Im Winter gab es Milchsuppe, im Sommer kalte Milch. Die Milchsuppe folgte einem
verläßlichen Programm: montags mit Haferflocken, dienstags Griessuppe, mittwochs mit Mehlklößchen, donnerstags mit
Sternchennudeln, freitags Puddingsuppe. Sonnabends war es verschieden. Manchmal gab es "Stuten un Mölk", wenn meine Mutter
für den Sonntagskaffee Butterkuchen gebacken oder beim Bäckerwagen gekauft hatte. Dann wurden beim Butterkuchen die
Randstücken abgeschnitten und nach den Bratkartoffeln zusammen mit heißer Milch gegessen. Haferflocken und Mehlklößchen
waren mir ein Graus.
Ich bekam dann Käse mit Milch aus dem Sommerprogramm. Im Sommer gab es nach den Bratkartoffeln meist "Kese un Mölk". Der
Käse war ein Quark, den meine Mutter aus einem Gemisch von Magermilch, Buttermilch und Vollmilch selbst bereitete. Der Topf
mit dem Milchgemisch stand auf dem großen Heizungsherd neben dem Feuer, damit er nur lauwarm wurde. War die Milch geronnen,
kam das Dicke in einen Durchschlag und blieb darin in der Speisekammer stehen, bis die Masse fest war. Nach den
Bratkartoffeln nahm sich jeder einen oder zwei Löffel von dem Quark, zerdrückte ihn im Teller und goß frische Milch darüber.
Dazu wurde ein Stück Schwarzbrot gegessen. Manchmal gab es statt des Quarks Rote Grütze in die Milch. Noch seltener wurde
statt Käse und Milch Dickmilch gegessen, die mit zerbröseltem Schwarzbrot und Zucker überstreut wurde.
Diese Art des Abendessens blieb im Prinzip solange unverändert, wie auf dem Hof meiner Eltern Landwirtschaft betrieben
wurde. Erst als es damit vorbei war und die Versorgung aus dem Supermarkt immer größere Bedeutung bekam, änderte es sich.
Vom Abendessen her war nun immer Sonntag, weil es jetzt fast immer Brot mit Wurst und Käse gab und auch immer was zu
trinken.
Wie erwähnt gab es zu den Bratkartoffeln gelegentlich süß-sauer eingelegte Aziagurken. Da ich ein entsprechendes Rezept
noch nirgendwo gedruckt gesehen habe, wird es hier abgedruckt:
Süß-sauer eingelegte Aziagurken
Reife Aziagurke schälen, aufschneiden, Kerne entfernen, in mundgerechte Stücke schneiden, in einem Topf mit Essig bedecken
und einen Tag stehen lassen. Den Essig abschütten, Gurkenstücke mit Zucker bestreuen (auf 2 kg Gurken 1 kg Zucker). Keine
weiteren Gewürze zufügen. Kein Wasser zufügen. 20-30 Minuten kochen, bis Gurkenstücke glasig sind. In Gläser füllen,
Gläser verschließen. Gurken sind lange haltbar.
Burkhard Bösche
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Martfelder Magenwurst
für die Bauern ein Fest
Quelle:Tantelotti.de
Ein oder zwei Schweine wurden früher auf dem Bauernhof pro Jahr geschlachtet. Also gab es ein oder zweimal Magenwurst pro
Jahr, denn jedes Schwein hat nur einen Magen. Magenwurst ist eine Köstlichkeit aus der Gegend südlich und südöstlich von
Bremen (vielleicht gibt es sie aber auch noch woanders in ähnlicher Form). Magenwurst besteht zur Hälfte aus schierem
Schweinefleisch und im übrigen aus Speck, Zwiebeln, Hafergrütze und Brühe.
Der Magen wird mit der Masse gefüllt und verschlossen, dann gekocht und schließlich geräuchert. Gegessen wurde die
Magenwurst, nachdem man sie auf dem Grünkohl hatte ziehen lassen. Da die Schweine früher beim Schlachten größer waren als
heute, hatten auch die Mägen ein anderes Volumen. Um die Magenwurst aufzuessen, wurden gute Freunde, Nachbarn und Verwandte
eingeladen. Es war ein richtiges Fest. Blieb was übrig, wurde die Magenwurst am nächsten Tag in Scheiben geschnitten und in
der Pfanne aufgebraten.
Magenwurst ist eine Hausschlachter-Spezialität und in Läden kaum zu kaufen. Wir kennen nur zwei Hersteller, aber vieleicht
melden sich Leser dieser Information, die noch mehr über Magenwurst und deren Produzenten wissen. Inzwischen haben wir
erfahren, dass es in Norddeutschland auch eine Tradition gibt, den Magen mit Schwarten und insbesondere Fleisch vom
Schweinskopf zu füllen, also "Schwartenmagen" oder "Presskopf" herzustellen. Dies ist aber etwas anderes, als die Martfelder
Magenwurst, die wir zunächst so genannt haben, um sie regional einzugrenzen. So wurde sie von den Hausschlachtern gemacht:
Fleisch aus der Schweineschulter (es ist fester und trockener als Nacken- und Beinfleisch!) in grobe Würfel schneiden. Speck
(frischer) ebenfalls gewürfelt. Zwiebeln grob würfeln. Grütze und Brühe (Brühe fiel aus den vorgekochten Fleischstücken,
Backenknochen usw. für's Wurstmachen an). Mit Salz, schwarzem oder weißem Pfeffer (grob gemahlen) abgeschmeckt wird die
Masse in den gereinigten Schweinemagen gefüllt und mit Wurstband (Bindfaden darf nicht zu scharf sein, weil es sonst zu
sehr einschneidet und nicht hält) verschlossen. Zwei bis zweieinhalb Stunden garen in ziehendem, nicht kochendem Wasser,
unter ständigem Niedertauchen mit der Schöpfkelle. Der Magen kommt gleich zu Anfang in den Wurstkessel und überdauert den
ganzen wechselnden Kochvorgang der anderen Würste. Auf dünner Strohunterlage trocknet der Magen nach dem Kochen. Danach
nach Geschmack geräuchert.
Charlotte Homfeld
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Handmelken
Als die Kühe noch von Hand gemolken wurden
Quelle:Tantelotti.de
Je nachdem, wie das Wetter im Frühjahr den Graswuchs gefördert der gehindert hatte, war der Austrieb des Milchviehs auf die
Kuhweiden früher oder später im Mai. Die Kühe blieben bis zum Herbst ganztags draußen und hatten meistens im Winter gekalbt.
Das war für Vieh und Melker eine große Umstellung. Das Füttern und ausmisten fiel weg, aber dafür kam das Melken draußen bei
jedem Wind und Wetter. Das war ein Gang bis zu dreimal am Tag in die Weiden, die bei uns aber nur, einen Feldweg entlang,
gut 500 Meter entfernt lagen.
In meinen Kinderjahren hatten wir außer den 20-Lier-Eimern für das Joch, eine 60 Liter große Kanne für das Sammeln der
gemolkenen Milch, die auf einer zweirädrigen Karre transportiert wurde, das reichte für die sechs bis sieben Kühe, die wir
hatten. Diese Kanne konnte nur mit zwei Personen entleert werden, und auch das Reinigen war eine Strapaze. Durch Anheben der
Deichsel ließ sich das Gefährt bewegen und wir zogen mit zwei Personen oder hatten unseren Hund mit vorgespannt. Der musste
während der Melkzeit ruhig davor liegen und bekam zum Lohn etwas Milch zum Schlecken.
Das Melken im Alleingang dauerte eine Weile, denn die Kühe grasten oft weit auseinander und der Eimer musste jedes Mal mit
einem Gang zum Milchwagen entleert werden. Anschließend kam das Abwaschen des Melkeimers und das Einfüllen von Trinkwasser
für die Kühe aus der Kuhle oder der Wätern jenseits des Weges. Zwei Bottiche mussten gefüllt werden und oft tranken sich die
Kühe während des Einfüllens einmal satt. Hatten wir ab 1929 im neuen Vorderhaus schon eine Selbsttränke im Kuhstall, so
fehlte in den Weiden jede Pumpe.
Nur Wasserlöcher und kleine Teiche dienten zum Tränken und die Gräben nächst den Weiden waren in trockenen Sommern oft sehr
knapp gefüllt. Mit sechs Jahren habe ich schon Melken gelernt, das war freiwillig. Mit 14 Jahren musste ich mittags mit
Joch und Eimer zum Melken, weil ein paar Kühe etwas mehr Milch hergaben. Das war in der Hitze eine Strapaze, wenn (ach!!)
die Kühe in der Kuhle standen, um den Bremsen zu entgehen. Hatte man sie endlich aus dem Teich raus, tropfte nasser Sand
vom Euter herab und musste entfernt werden. Schon brummte eine Fliege, und die Kuh suchte erneut Zuflucht im Wasser. War
das ein Segen, als diese (dreckige!) Wasserstelle eingezäunt wurde.!! Das Melkergebnis war an solchen Tagen minimal, aber
der Gang musste sein, so streng war es früher.
Sonst war eine Kuh draußen sauberer als im Stall. Das Säubern vorm Melken war einfacher, aber sie stand unangebunden in der
Weide. Dass Kühe sich bereitwillig hinstellten und den Melker ruhig neben sich hocken ließen und auch das Euter durch
richtige Beinstellung freigaben, hat mich von Kind an verwundert. Sie gaben den weißen Saft gerne her, weil er auf die Milch
drüsen drückte und bekamen Lob und Streicheln, wenn sie brav den Melkvorgang lang still standen und nicht so schlimm mit
dem Schwanz umher geschlagen hatten. Das tat sehr weh, wenn er das Gesicht beim Melken traf. Nur die jungen Kühe, die zum
ersten Mal nach dem Kalben Weidegang hatten, waren manchmal "Biester“. Sie wollten nicht stillstehen, schlugen nach dem
Melker und auch den Eimer um, was sie dann noch mehr in Panik brachte. Da musste dann schon eine kräftige zweite Person
das Tier mit einfangen und es festhalten. Das kam auch vor, wenn eine Kuh sich an den Strichen verletzt hatte und Schmerzen
beim Ziehen spürte. Zum Verzweifeln war der Melkgang, wenn Gewitterluft und Bremsen die Kühe beunruhigten. Wie ein wild
gewordener Haufen rannten sie quer durch die Weide, dass die Milch dabei aus den Zitzen spritzte. Standen sie mal kaum zum
Melken bereit, ließ das Brummen einer Fliege ("Gewitterbolzen") den Schwanz steil hoch steigen. Mit einem Satz war die Kuh
über den Eimer getreten und verschwunden. "De Keih birst“ ("Die Kühe haben das Rennen") war gleichbedeutend mit einig
Milchertrag und Anzeichen für ein kommendes Gewitter. Beim Melken vom Gewitter überrascht zu werden, war mit Angst
verbunden. Kühe, die unter Bäumen Schutz vor Regen und Hagel suchten, wurden nicht selten vom Blitz erschlagen, und ebenso
Melkerinnen, die unter den Kühen saßen.
An Tagen, wo nicht zusätzliche Feldarbeit den Tagesablauf bestimmte, konnte das melken mit friedlichen Kühen großer Spaß
sein. Mit einem Schemel war das eine Arbeit im Sitzen und ließ schon mal ein Lied nach dem anderen über die Lippen kommen,
was auch den Kühen behagte. Nun, gesungen wurde in jener Zeit ohne Radio und Fernsehen so wie so noch viel. Allerdings ist
das Handmelken keine leichte Arbeit gewesen. Die ersten Milchstrahlen kamen in die Hand zum Prüfen, ob die Milch
einwandfrei war. Dann nahm man Melkfett, was das Ziehen am Euter erleichterte und es pflegte. Da war auch bei jeder Kuh
die Anstrengung des Melkens nach Euterlage, Zitzengröße und deren Durchlässen grundverschieden und man hatte seine
"Lieblinge“ dafür. Da war das Auswählen der Tiere beim Melken zu zweien schon ein Streitthema. Aber das wurde vorher
gerecht geregelt und war morgens, wenn meist zu zweit gemolken wurde, ohne Worte abgetan, denn jeder molk "seine“ Kühe.
Auch mit der Milch dann zu Hause war das eine Team-Arbeit. Das Durchsieben der Milch aus der großen Kanne durch ein Siebtuch
musste vorsichtig geschehen. Das Einschütten in den Zentrifugenbehälter zur sofortigen Durchdrehen der Milch, weil sie warm
besser entrahmte, musste ebenfalls sorgfältig sein. Wenn alles Milchgeschirr dann abgewaschen war, gab es das erste
Frühstück.
Als die 20-Liter-Kannen und die Anfuhr zur Molkerei auch bei uns endlich praktiziert wurden, fuhren wir mit den Kannen im
Handwagen zum Melken. Da wurde die gemolkene Milch gleich durch ein Sieb, nun mit auswechselbarer Filtereinlage, in die
Kanne geschüttet. Da war dann zu Hause nur noch das Kühlen dieser Kannen erforderlich und das Abwaschen von Sieb und Eimern,
hier oder auf der Weide.
Der Herbst brachte Dunkelheit und Nebel. Da war morgens um fünf Uhr, und auch eine Stunde später, das Auffinden der Kühe
schwer, die meist noch irgendwo an nach ihrem Instinkt ausgesuchten geschützten Stellen lagen. das Geräusch vom Rülpsen und
das "Flantern“ einer aufgestandenen Kuh wies uns die Richtung. Dass der Fuß dann oftmals in etwas sehr weiches trat,
gehörte dazu. Abends war es noch heller, aber das Heimgehen ohne Lampen, wie am Morgen, fand im Dunkel auf dem "Pattweg“
neben dem Sandweg statt. Man begegnete höchstens anderen Melkerinnen, und die waren vom "Klötern“ des Wagens gewarnt und
es gab keine Zusammenstoß.
Es gab aber nach dem Umtreiben in den Kuhweiden im Herbst noch weitere Wege, in das Nachgras der Heuwiesen. "Maase“ hieß
sie bei uns, an der großen Forst "Hoyaer Weide“ gelegen. Da gab es viel Bremsen, da gab es Störche, denn die Wiese war
feuchter, da gab es Hecken von Kopfweiden und damit viel Zecken, vor denen wir uns früher nicht fürchteten. Sie hingen oft
in Daumengröße am Euter und wir zerdrückten sie.
Es gab aber auch Fahrten zum weit entfernten "Dodenbruch“ an der Grenze nach Hoyerhagen, wo die Rinder weideten. War das
Gras knapp geworden, kamen auch die Kühe, mit Hintreiben, für ein paar Wochen auf in die "Große Weide“. Da musste man
früher aufstehen, um den Milchwagen nicht zu verpassen. Es gab vor dem 2. Krieg auch schon die Vorrichtung, vorn am Fahrrad
zwei Milchkannen anzuhängen. War der Milchertrag aber höher, wurde der alte Kutschwagen genommen. Der hintere Sitz war zur
Ladefläche gemacht worden und bot Platz für alles Melkzeug. Wenn die Pferde keine Pfug- oder andere feldarbeiten zu tun
hatten, wurde die Zeit zu diesen Melkfahrten wahrgenommen, und das war sehr bequem. Unvorstellbar, dass meine Tanten einst
diese langen Wege drei mal am Tag zu Fuß und mit Joch und den schweren Eimern mit Deckeln gegangen sind!! Und meine Mutter
erzählte, wie sie noch erlebte, dass Melkerinnen mit dem Eimer auf dem Kopf, durch ein Ringkissen geschützt, strickend die
holperigen Wege in den Bruch zum Melken gegangen sind, und das war von ihrem Heimatort Wechold kilometerweit entfernt.
Melken war schön, wenn es nicht donnerte, regnete oder stürmte oder die ersten Fröste die Finger erstarren ließen. Da
freute man sich auf das Einbinden. Das war dann wieder ein ganz anderes Melken im Stall. Da standen die Kühe in der Reihe
angebunden mit dem Kopf zur Diele und Futterkrippe. Über die hinweg und durch die Stallbäume hindurch stieg man mit dem
Schemel, Eimer, Putztuch und Melkfett, das man sich an den Schemel klebte.
Das Füttern und Ausmisten war Männersache in der zeit der Feldruhe. Aber das vierte Melken von den frisch gekalbten Kühen
mit den großen Eutern abends um 10 Uhr war immer die Arbeit von Frauen. Umziehen nach der Gemütlichkeit der Handarbeit in
der Wohnstube, Melken, Abwasch von Sieb und Eimer, oft auch Kälber tränken nach dem Melken, wäre heute eine Zumutung, damals
aber eine Selbstverständlichkeit. Die Kühe bei uns kalbten meist in den Stallmonaten. So konnte man das Vieh besser
beobachten und sie brachten beim Austrieb einen zweiten Schub an Milchleistung. Wir hatten aber einmal vor Weihnachten
fünf trockenstehende Kühe, wie das vier Wochen vor dem Kalben nötig war, und nur noch eine Kuh gab etwas Milch. Da war bei
Mutter Not für die Fettversorgung im Haushalt, denn zugekauft wurde damals nichts. Für Braunkuchen und die vielen
Butterkuchen zu Weihnachten sollte gespart werden. So gab es "Pannenbodder“ aus Mehl, Milch (Wasser) und ein paar Eiern.
Das schmeckte morgens warm auf trockenem Schwarzbrot. Das erste Schlachten verhalf mit Griebenschmalz und Knipp zum
fettigeren Genuss am Morgen.
Gefrühstückt wurde im Winter nur einmal. Man stand später auf und der Mittagsschlaf fiel wegen des früheren Feierabends auch
aus. Am Nachmittag gab es Graubrot mit Marmelade, da war Butter nötig, denn Margarine wurde nicht als Brotaufstrich gekauft.
Abends waren Bratkartoffeln und heiße Milchsuppe das Winteressen. Mit fünf frischmelkenden Kühen ist es dann noch ein
"fettiges Fest“ geworden. Es war auch eine Ausnahme. Aber wir Frauen hatten Weihnachten nun viel zu melken und wollten
abends doch gern mal ausgehen. Sogar das Dienstmädchen war um 10 Uhr zur Stelle, wenn abends das Melken anstand. Wir haben
uns abgewechselt, und so ging es zufriedenstellend.
Unser Kuhstall war nach dem Neubau des Vorderhauses 1929 nicht mehr so eng wie zuvor in dem 200jährigen Fachwerkhaus. Er
war bequemer zum Ausmisten mit zwei Klappen zum Misthaufen und zum Melken und Einstreuen der nicht mehr so eng stehenden
Kühe. Darf ich gestehen, dass wir diesen Ort auch gern zum Verrichten des "kleinen Geschäftes“ benutzt haben, wenn uns im
Winter der Gang über den Hof zum "Klo“ im Schweinestall zu weit und zu kalt war? Da war es bei den warmen Kuhleibern
gemütlicher und sie störten sich nicht beim Liegen oder Stehen an diesem Besuch, wo ja dort sowieso auch ihre
"Erleichterung“ stattfand.
Wenn ein Milcherzeuger von heute diesen Bericht liest, wird er nur Kopfschütteln für die früheren Melk- und
Aufstallungsmethoden übrig haben. Mit den Molkereien und der Ablieferungspflicht für die Milch kamen schon damals höhere
Ansprüche an Reinheit, Frische und Hygiene, das sich beim Maschinenmelken steigerte und beim heutigen "Computermelken“
anspruchsvoll ist. Wir haben aber in unserer Zeit so gemolken und das Vieh so versorgt, wie es möglich war und waren
gewiss schon viel fortschrittlicher als die Generationen vor uns. Und das glaubt wohl jede Generation, die der anderen
folgt! Staunenswert ist dabei, dass dennoch oft auf uralte Methoden zurückgegriffen wird, Sie haben und hatten sich bewährt.
Die Milchverwertung und das Buttern in der Handmelkzeit.
Vom Melken mit der Hand ist berichtet worden. Was in meiner Jugendzeit danach aus der gewonnenen Milch wurde, soll hier
beschrieben werden.
Das Abheben oder Abpusten des "Flotts“ (Rahm) von den Milchsatten war bald nach dem 1. Weltkrieg vorbei, zumindest bei
Betrieben mit mehreren Kühen. Milchzentrifugen waren aufgekommen und trennten mit ihren schnellen Umdrehungen per Hand oder
Strom den Rahm von der Vollmilch zur Magermilch durch je einen Ablauf aus dem Seperator. Da es in unserem Haus die
Elektrizität schon seit dem 1. März 1914 gab und ein Motor in der Waschlüche Wasser in ein Bassin für die Selbsttränke der
Milchkühe an der Diele pumpte, wurde dieser Motor auch für den Antrieb der Zentrifuge gebraucht. Nur bei Stromausfall
wurde mit Handkraft durchgedreht.
Wenn diese fortschrittliche Einrichtung der Milchtrennung eine große Hilfe war, nahm sie dennoch viel Zeit und Mühe der
Erwachsenen in Anspruch. Als Kleinkinder, und auch später, waren wir immer irgendwie in diese Arbeit mit einbezogen, weil
die Mutter damit zu sehr beschäftigt war.
Auch der Rahm aus der Zentrifuge musste in Steintöpfe solange säuern, bis er zum Buttern taugte. So standen sie im Sommer
im Keller und im Winter in der Warmen Küche.
Das Kälbertränken war eine der ersten Arbeiten nach dem Melken, da die ganz jungen Tiere noch die kuhwarme Vollmilch der
Mutter bekamen, die nach und nach durch Magermilch ersetzt wurde. Die größeren Kälber bekamen reine Magermilch, diese zur
Entwöhnung mit immer mehr Wasser gemischt.
Nun blieb bei gutem Milchertrag noch ein gut Teil Magermilch übrig. Zum Trinken stand immer in einem Eimer Magermilch in
der Küche, wo sich jeder nach Belieben mit einer Kelle bediente. Dann kamen mehrere Töpfe mit Magermilch an den Herdrand
zum "Käsen“. Ein kleiner Schuss Buttermilch half in kalten Jahreszeiten zum Gelingen. Von dem Quark brauchten wir viel.
Immer standen mehrere Durchschläge mit abtropfender Molke im oder auf dem Küchenschrank.
Morgens gab es fein gerührten Quark mit Zucker als Brei zum Brotbelag neben Butter, Schmalz und Sirup. Wir Kinder löffelten
ihn von unseren zugeteilten Tellern. Zum zweiten Frühstück gab es neben Wurst, und wenn es nicht zum Feld gebracht werden
musste, den Schichtkäse. Da war der Quark abwechselnd mit saurer und etwas Kümmel in ein spezielles Heck eingeschichtet
und gestürzt worden. Stippkäse gab es ab und an mit Früchten als Nachtisch am Mittag und am Abend war im Sommer nach den
Bratkartoffeln das Löffeln von Käse (wie wir den Quark nur nannten) und Milch gang und gäbe. Das waren früher immer nur
die mageren Sorten und schmeckten dennoch gut.
Zum Kochkäse war der Quark dann in Beuteln trockener gepresst worden und in Schüsseln gerieben. Die standen winters oft
oben auf dem Stubenschrank in der Wärme und zeigten mit Geruch die Reife des Quarks an. Diese zähe Masse wurde mit etwas
Milch und mehr oder weniger Butter, Salz und Kümmel zu einem leckeren Brotaufstrich gekocht, der in kleinen Schüsseln
erkaltete. Wenn Besuch kam, wurde aus kühlem, frischen Rahm Schlagsahne für die üppigen Torten geschlagen, was früher ohne
Kühlschrank im Sommer oft schlecht gelingen wollte. Für den Sonntagabend gab es für jeden Hausbewohner ein
Halbliterglasschälchen voll dicker Vollmilch mit Schwarzbrot und Zucker und in der Heuzeit konnten wir so einen
Leckerbissen manchmal noch abends nach dem Badengehen im entfernt gelegenen Kanal genießen.
Wenn noch Magermilch übrig blieb, ging sie, wie auch die Molke, in den Schweinestall zur Ferkelfütterung.
Die Zentrifuge erhielt nach jedem Gebrauch eine gründliche Reinigung mit heißem Wasser und dem damals gebräuchlichem "IMI“
Das galt besonders für die Schleuderbecher, die in der Trommel aneinander saßen und wo sich gerne Schmutzpartikel absetzten.
Die durften beim Abwasch nicht durcheinander gebracht werden und kamen auf einem speziellen Rohr ins Wasser und trockneten
darauf locker über dem Herd. Wenn der Motor auch viel Kraft beim Durchdrehen der Milch sparte, so erforderte das Zerlegen,
Reinigen und wieder Zusammenbauen der Zentrifuge viel Arbeit und Zeitaufwand.
Nun kam aber noch das Buttern. Es gab zwar schon in unserem Nachbarort Schwarme seit 1889 eine Molkerei. Auch unserer
Kirchdorf Martfeld hatte eine seit 1908. Mein Vater war absolut nicht für diese gemeinschaftlichen Unternehmungen. So
musste meine Mutter lange Jahre die schwere Arbeit des Butterns verrichten, denn dafür fühlte sie sich verantwortlich. Der
Zeitpunkt für die reife des Rahms verlangt Feingefühl. Nun wurde das meterhohe hölzerne Butterfass, je nach Jahreszeit,
mit heißem oder kaltem Wasser ausgespült und dann der Rahm hineingeschüttet. Mit gleichmäßigem Stampfen wurde der dicke
Stiel mit dem gelochten Brett in Größe des Fasses auf und ab bewegt, bis sich die Butterkügelchen von der Buttermilch
trennten. Das konnte eine halbe Stunde bis zu Stunden dauern. Wenn im Sommer bei heißem Wetter die Fettpartikel nicht
klumpen wollten, dann wurde kaltes Wasser zugegossen, im Winter auch mal heißes, und die Buttermilch schmeckte dann
wässriger, die in vielen Varianten doch auch ein wichtiges und leckeres Nahrungsmittel war und den Durst gut löschte.
Mein technisch pfiffiger zweitältester Bruder, der als Schüler schon mehrere Stabilbaukasten-Wettbewerbe gewonnen hatte,
erleichterte Mutter in den ersten dreißiger Jahren das Buttern mit einer Transmission, vom Motor der Pumpe und Zentrifuge
abgeleitet, durch eine mechanische Vorrichtung zu Auf- und Abheben des Butterstampfers. Die war auch für den hölzernen
Waschbottich brauchbar, der vorher auch manuell betrieben wurde.
Das war schon ein Kräftesparen für Mutter, die die Butterherstellung nicht gern aus der Hand gab. Nach dem Stampfen und
Herausholen der Butterstückchen wurde die Buttermilch abgegossen zur Aufbewahrung. Nun kam das Kneten der wässrigen Butter
in Holzmollen , die auf einer Seite einen eingeschnitzten Ausguss zum Entfernen der Molke hatten. Es war eine Kunst, die
Butter mit dem breiten hölzernen Knetlöffel festzuhalten, damit die beim Ausgießen nicht rausrutschte. Dieser Löffel
drückte dann beim Kneten so lange durch die Buttermasse, bis keine Tropfen mehr heraustraten. Dann wurde zwecks besserer
Haltbarkeit noch etwas Salz hineingeknetet. Hatte sie nun endlich die richtige Beschaffenheit, wurde für den Haushalt der
nötige Teil abgenommen und der Rest wie ein Brot geformt, gewogen und mit Kerben der Pfundsanzahl versehen. Der blieb im
Keller in der Buttermolle, bis der Butter- und Eierhändler ihn abholte und in dickes Pergamentpapier gepackt hatte. Das war
ein völlig freier Handel ohne Absprache. Mutters Butter war immer sehr begehrt und sie blieb nie damit sitzen. Die Händler,
die zum Bremer Wochenmarkt fuhren, schauten wöchentlich vorbei. Für unsere Mutter brachten sie das Haushaltsgeld.
Dennoch hat Mutter sich lange mit der Butterei quälen müssen. Als nach 1934/35 die Zwangsbewirtschaftung der Milcherzeugung
erfolgte, duldete mein Vater nur die Lieferung von erst 20, dann höchstens 40 Liter Milch von unseren 6 – 7 Kühen. Mutter
blieb die Verarbeitung der restlichen Milch, die das nicht aufbrachte, was die Molkerei heraus holte. Es kam auch bald ein
Strafbefehl für meinen Vater wegen der Nichtlieferung der Milch, der ihm aber beim nächsten "Führer-Geburtstag“ erlassen
wurde, weil er nun das Liefern der ganzen Milchproduktion zuließ. Mutter knetete in die Butter der Molkerei Salz, so
schmeckte sie schon mehr nach selbstgemachter, und Vater war zufrieden. Zufrieden war auch Mutter mit der
Arbeitser- leichterung und Füllung des Haushaltsbeutels durch den besseren Auszahlungsbetrag der Molkerei. Nur in den
Kriegsjahren, als es alles auf Zuteilung gab, war Mutter sehr bestrebt, aus "Biestmilch“, das ist die erste Milch nach dem
Kalben der Kühe, die wegen der Verklebung der Molkereizentrifugen einige Tage nicht geliefert werden durfte, goldgelbe
Butter zum Kochen und zum Backen zu zaubern. So saß sie, die so bange dem Einmarsch der Engländer entgegensah, seelenruhig
in einem abgelegenen Raum und drehte einen Sahnezubereiter zur Herstellung von ein bisschen Butter. Das war, als am 7.
April 1945 nachmittags die Rohre der Panzer auf unser Dorf gerichtet waren und auch ein Haus in Brand geschossen wurde.
Ab diesem Tag ging das Zentrifugen und Buttern für kurze Zeit wieder richtig los, weil die Molkerei den Betrieb einstellte.
Die Zentrifugen waren plombiert, unser Nachbar hatte eine in Funktion. Also schleppten wir die Milch über den Zaun und
nichts war mehr zu schwer und zu lästig. Da wurde nach den Bombennächten eine kurze Zeit üppig gelebt, wie nie zuvor, bis
die Besatzungsmacht die Ablieferung wieder regelte und alles noch knapper als vorher wurde.
Schon 10 Jahre nach dieser Zeit erlebt die Milcherzeugung und –verarbeitung soviel Modernes und die Mechanisierung, dass
die Zeit des Handmelkens, der Milchverwertung und Vermarktung total rückständig erscheint.
Charlotte Homfeld
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Vorratshaltung von Feuerholz
Als noch der Holzkasten neben den Herd stand
41.22
Dieser Kasten, aus Holz gezimmert, zur Vorrathaltung von Feuerholz für den Kochherd daneben gestellt, ist, wie der Salzkasten
(Söltfatt), der meist darüber hing, schon fast eine vergessene Einrichtung in den Küchen. Knappe einhundert Jahre lang
wurde er gebraucht, dann schon versorgten Gas, Strom und Öl die Heizanlagen und machten ihn überflüssig, wie die
Brennholzbeschaffung.
Der Behälter war praktisch bei den neuen geschlossenen Kochherden, die seit 1850 sehr langsam die üblichen offenen
Feuerstellen ersetzten und seit 1860 von der Firma Senking, Hildesheim, in Fabrikherstellung vertrieben wurden. Der
Mauerkessel im Kochbereich hatte sich schon länger für Wäsche, Schlachten und Futterkochen bewährt, aber die Schornsteine
für den Rauchabzug fehlten meist in den Häusern, der doch eigentlich das Wichtigste in der neuen Entwicklung war, weil sie
die Hausfrau, im wahrsten Sinne des Wortes, aufatmen ließ. Dennoch hat es offene Herdstellen bis ins 20. Jahrhundert hinein
gegeben. Der "Sparherd", wie die neue Kochstelle auch genannt wurde (im ostfriesischem Raum "Kochmaschine"!), hatte nur
eine kleine Tür für das Feuerfach. Dort, wo schon immer mit Torf geheizt wurde, gab es kein Problem mit dem Nachlegen, aber
die großen Holzscheite, die im offenen Herd hochkant den Kessel besser erreichten, passten nicht durch die Tür oder Ringe
beim abgehobenen Topf auf der Herdplatte. Doch der Mensch passte sich von jeher den Gegebenheiten an und schaffte sich
Vorrat an Kleinholz in harter Winterarbeit.
Hier die Zwischenbemerkung: Seit einiger Zeit ist es wieder "in", einen Holzvorrat für Kamine und Zusatzöfen zu halten. Die
Holzstücke wurden wieder größer, die mollige Wärme geben und teures Gas, Öl oder den Strom ersetzen. Zudem erleichtern mit
Strom, Benzin oder Akku betriebene Geräte die Brennholzgewinnung. Sie war doch einst eine schwere Handarbeit, von der man
sagte, sie heize viermal: Beim Bäume fällen, beim Sägen, dann beim Hacken und zuletzt im Herd oder Stubenofen. Mit Säge, Axt
und Beil wurden die Bäume gefällt und die Hecken ausgelichtet oder gerodet (hier sei bemerkt: Die Axt ist eines der ältesten
Werkzeuge der Menschheit und das Beil ersetzte lange das Messer zum Teilen und Zerhacken von Fleisch!). Alles im Wald und
Flur in Überfluss gewachsene war dienlich zum Heizen. Auch der große Backofen fürs Schwarzbrotbacken brauchte alle drei bis
vier Wochen sein Quantum für die große Hitze.
Nutzholz waren die an Wätem und Weidenrändern angepflanzten Kopfweidenbäume, dessen Zweige alle sechs bis neun Jahre
"geköpft" wurden, sodass nur der Stamm für neuen Austrieb blieb. Man brauchte "Sprickelholz" zum Feueranmachen und
schnellem Kochen. Die Älteren unter uns kennen noch das "Uthöltern" an frostigen Wintertagen auf gefrorenen Boden bei den
nassen Stellen der Weiden nach dem Mittagessen bis zur Futterzeit, wenn die Dämmerung kam. Das Geäst wurde auf Langwagen
zum Hofplatz gefahren und der gelagerte Haufen nach und nach mit dem Beil und Hackklotz zu handlichen Stücken zerhackt.
Keine produktive Arbeit!! Starke glatte Zweige langten für Stiele, dicke zum Zersägen und alles Zerkleinerte trocknete im
Holzstall oder in Fiemen.
Diese Arbeit wurde sehr vereinfacht und erleichtert durch eine ganz patente Hackmaschine für Buschholz, die kurz vor dem
2. Weltkrieg aufkam und per Stromantrieb mit wuchtigen Stößen in kurzer Zeit einen großen Haufen Holz zerhackte. Allerdings
hatten in diesen Augenblick viele Helfer eifrig zu tun, das stampfende Maul laufend zu füllen, das die Sträucher gierig
hineinriss. Die Maschine hat sich bewährt, man hört sie immer noch mal und dieses Jahr mehr, wo auch auffällig viele geköpfte
Weiden gespenstisch die Nebenstraßen säumen, denn Brennholz ist wieder gefragt. Der Sägebock für das mühsame Handsägen hatte
meist ausgedient, als nach 1912 mit der Elektrizität eine Kreissäge diese Arbeit ungeheuer erleichterte, nicht nur beim
Tischler und Zimmermann, auch in der Brennholzgewinnung. Nun kreischte die Säge vielfach übers Dorf. Sie jaulte wie ein
wundes Tier, wenn ein Astloch oder Knorren das Trennen erschwerte und mehrere Ansätze nötig waren, aber sie sang in kurzen
gleichmäßigen Tönen beim glatten Durchschneiden. Dafür mussten die Zähne ab und zu scharf gefeilt werden. Die Hausfrau sackte
gute Späne beim Sägen von Laubholz - gern Buchen – ein für das bewährte Räuchern des Geschlachteten in Räucherkammern.
Tannenholzspäne gaben dem Rauch einen Teergeschmack. Die abgesägten Pflöcke, auch Trendel oder Kloben genannt, konnten nun
zu "Splätern", die plattdeutsche Bezeichnung für die handlichen Holzstücke gehauen werden. Ein ausgesuchter kurzer
Baumstamm mit Knorren, der nicht von den harten Schlägen auseinander fiel, diente zum Hauklotz als fester Untergrund. Nun
schlug man mit der langstieligen Axt, die man mit beiden Händen hielt, mit kräftigem Hieb einen zersägten Pflock mittendurch.
Dann konnte das Beil, von einer Hand gehalten, mit mäßigem Zuschlagen die Hälfte zu Splätern aufteilen. Die Holzart war
entscheidend für leichtes oder schweres Hacken. Das nun fertig geschlagene Brennholz trocknete im zugigen Holzstall oder
wurde draußen zu runden Fiemen aufgestapelt, die außen Stück für Stück zur stabilen Mauer gelegt und innen lose gefüllt
wurden und oben spitzrund das Regenwasser ablaufen ließen.
Axt und Beil mussten auf dem Schleifstein geschärft werden, wenn sie stumpf wurden. Der per Handkurbel drehbare Stein, in
einen Bock gehängt und durch Wasser im Gefäß unten angefeuchtet, schliff bei geschicktem Gegenhalten die Schneiden. Das war
eine sehr konzentrierte Tätigkeit für den Schleifer, aber eine ungeliebte, monotone Beschäftigung für den Dreher, meistens
Kinder. Besonders ergiebiges Brennholz ergaben die Stubben großer gefällter Bäume schon immer mit ihren Knorren und Knaggen.
Sie zu teilen (klöben) war besonders schwer. Man brauchte dafür Eisenkeile und Vorschlaghammer. Den hier fließenden Schweiß
gaben sie beim Brennen später mit großer Hitze zurück und hielten, wie Briketts, lange das Feuer. Die Briketts kamen nach
1900 in den Handel. Die Braunkohleerzeugnisse halfen sehr, die Kachelöfen zu heizen und wohlige Wärme zu schaffen. Außerdem
hielten die Briketts das Feuer in Gang, im Herd bis zum nächsten Kochvorgang, wo schnell zu dem Kleinholz oder Splätern im
Holzkasten gegriffen werden konnte. Mit einer derben Überbindeschürze vorm Bauch war rasch Nachschub aus dem Holzstall
geholt und in die breite Öffnung fallen gelassen.
Ein Brett an der Rückwand, quer über, bot Platz für Kleinkram wie Streichhölzer, Untersetzer und auch Topflappen. Der
Strohwisch aus Roggenstroh lag abends, von der Streu auf der Diele geholt, im Kasten fürs Feuerwachen am Morgen. Feuerhaken,
Handul, Fegeblech und ein "Gänseflunk" waren hier greifbar aufbewahrt fürs Staken und Säubern.
Epilog_
Mit dem Holzkasten in unserer Küche in Kleinenborstel verbinden mich Erinnerungen an die Jugendzeit. Mutter saß dort auf der
abgerundeten Öffnung und trank starken Kaffee bei Kopfschmerzen oder den "Wörmkentee" (Wermut) bei Unpässlichkeiten. Wir
Kinder hockten dort gern und sahen beim Kochen zu. Kamen die Butterhändler und Eiersucher, um für ihren Bremer
Wochenmarkthandel zu sammeln, setzten sie sich ohne Aufforderung auf den Holzkasten. So konnten sie bequem und in Ruhe die
angebotene Butter in dickes Pergamentpapier wickeln, die Eier zählen und in ihrem Korb mit Häcksel legen, bezahlen und noch
einen Schwatz halten. Es war ein zwangloser Platz, man war nicht Gast, aber erwünscht, man war aus dem Weg und konnte die
Füße ausruhen. Der schlichte Holzkasten war der Ruhepol in der Küche, mehr als der Lehnstuhl an der anderer Herdseite, der
Platz des Hausherrn bei Tisch.
Hamfelds Lotti
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Selbstversorgung
Von der Viehhaltung für die Selbstversorgung und als Einnahmequelle
Quelle:Tantelotti.de
Wir Eingesessenen der niedrigen Geest, nur wenige Kilometer von den fruchtbaren Lehmböden der Wesermarsch entfernt, bauten
noch vor 70 Jahren auf den sandigen Äckern fast nur Kartoffeln, Roggen, Hafer und Futterrüben an und verbrauchten die Ernte
in eigener Wirtschaft. So war es seit der Kultivierung der Landschaft üblich. Es war ein Kreislauf: Der Mensch sorgte für
das Vieh und das Vieh sorgte für den Menschen.
Hier über das Mistfahren und dessen Ausbreiten auf dem Acker, das Pflügen, Eggen, Graben, Säen, Pflanzen, Legen Hacken, das
heuen, Kornmähen, Binden, Aufhocken, und Einfahren, vom Dreschen und von Kartoffeln- und Rübenernten im Einzelnen zu
schreiben, würde zu weit führen.
Dabei sind diese Arbeiten die Grundbedingungen für die Ernährung von Vieh und Mensch gewesen und nur reiche ernten
bescherten Wohlstand. Die Kühe waren in den täglichen Versorgungsabläufen die vorrangigen Tiere auf dem Hof, hauptsächlich
wegen der Einhaltung der Melkzeiten.
Das Heu, oft in zwei Mahden im Sommer auf den Wiesen geerntet, bildete neben Stroh das Rauhfutter für Rindvieh und Pferde
im Winter. Die Runkelrüben, das Saftfutter für das eingestallte Vieh, waren die zweite Grundlage für die Winterfütterung.
Zuckerrüben wurden erst nach dem Kriege bei uns angebaut und unterbrachen dann mit Kartoffeln und Korn den langen
Selbstverbrauch der gezogenen Früchte durch Verkauf an Zuckerfabriken.
Die saftigen Runkelrüben hatten mit ihren besseren Erträgen und neutralem Geschmack die Steckrüben und den Strunkkohl als
Futter im Anbau verdrängt. Auch Futterwurzelfelder sah man seltener. Kohl und Steckrüben gaben der Milch einen strengen
Geschmack. Das war auch zu spüren bei überreichlicher Fütterung von Stoppelrüben, die als Nachfrucht ein streckendes
Herbstfutter vom Acker weg bildeten.
Schon die selbst gemachte Butter ließ sich mit einem guten Geschmack besser verkaufen, und nichts geht über eine "Maibutter“
vom ersten Weidegang und über die "Grasbutter“ überhaupt. Klee mag dafür noch besser sein. Bei uns sah man solche Felder
selten.
Die Kühe und Rinder mussten aber ohne frisches Gras durch den Winter kommen. Das Heu lag auf dem Dachboden über der Diele.
Die geernteten Runkeln lagerten gut bedeckt in großen Mieten. Sie wurden bei Bedarf fuderweise in die Runkelkammer an der
Diele geholt. Wenn es nötig war, säuberte man sie von der anhaftenden Erde. Ein Rübenschneider zum Drehen – später mit
Motor – zerkleinerte sie zur besseren Futteraufnahme. Das hatte man früher mit einem Stampfer in den Händen tun müssen.
Der geschnittene Haufen wurde mit Haferspreu vermengt und den Kühen in die Krippe geschoben. Je nach Kuh und ihrer Leistung
wurde Sojaschrot und Kraftmehr darüber gestreut. Das war die erste Mahlzeit. Morgens wurde vorher gemolken. Früher war es
so, um Zeit für die Verarbeitung der Milch zu haben, später, um den Milchwagen beim Abholen der Kannen nicht zu verpassen.
Die Kühe standen beim Melken ruhiger, wenn sie nicht nach Futter langten. Abends war der Stall beim Rübenfressen ausgemistet
worden und zum Melken schön sauber. Auch Kühe wurden mit Kardätsche und Striegel gepflegt und ihnen lange Schwanzhaaren
entfernt. So hingen nicht mehr die langen "Klatten“ an ihren Schenkeln, wie in den Zeiten der Tiefställe.
Über das Melken selbst wurde an anderer Stelle geschrieben. Das Heu war die nächste Mahlzeit. Danach wurde noch Haferstroh
vorgeschoben. Deren Rest ergab mit dem vom Strohschneider in drei Teile geschnittenen Roggenstroh die Einstreu. Das
Mittelstück des Roggenstrohbundes blieb zusammen und ließ sich prima über den Hof zu anderen Viehställen tragen. Mit dem
Reisigbesen musste immer wieder gefegt werden, auch die Futterkrippen und zum Futterabschluss die Diele.
Alles hatte gewissermaßen seinen Rhythmus. Aber das Kalben einer Kuh konnte den Tagesablauf ganz schön durcheinander
bringen. Nicht immer kalbte eine Kuh allein. Wir holten die Nachbarn zu Hilfe, die Nachbarn holten uns (Meist waren es die
Männer!).Das konnte nachts und tagsüber stundenlanges Warten auf die Geburt bedeuten, um dann mit Zughilfe der Kuh das
Kalben zu erleichtern. Unterhaltung und ein paar Schnäpse hielten wach und munter. Eine gute Geburt tröstete über den
entbehrten Schlaf oder die verlorene Zeit. Was waren Nachbarn früher für wichtige Menschen!
Die Geburt eines Kalbes mag hier als Hinweis dienen, dass ein gekörter Bulle im Ort, bei einem Bauern aufgestallt und
versorgt, für diesen Nachwuchs sorgte. Die rindernden Kühe wurden am Strick dorthin geführt. Bei uns überwinterte der schon
größere Rindviehnachwuchs in einem Laufstall in der großen Scheune. Der war für drei Jahrgänge unterteilt, damit die großen
Tiere die kleineren nicht bedrängten. Dieses Jungvieh bekam auch einen Teil des geschnittenen Saftfutters hergetragen und
vom Heu, je nach der Ernte, größere oder kleinere Mengen. Sonst füllte Haferstroh den Rest an hungernden Mägen. Die Rinder
hatten oft bis zum Frost und Schnee Weidegang gehabt, je nach Jahr und Wetter. Die dreijährigen Ochsen daraus waren gut
befleischt verkauft worden, ehe der Graswuchs zu sehr nachließ, und ebenso die tragenden Rinder vor dem ersten Kalben. So
war wieder Platz für die heranwachsenden Kälber im Stall.
Der Erlös aus dem Rindviehhandel war neben den Mastschweinen die Geldquelle des Landwirts. Da waren Handelspreise ganz
entscheidend für gute oder schlechte Einnahmen, aber auch die Qualität der Tiere nach futterreichen oder armen Sommern.
Eine "Starke“, wie bei uns das Rind hieß, das zum ersten Mal kalbte, mit einem guten Euteransatz und einer leistungsstarken
Mutter behielt man gern für sich und verkaufte eine nicht so gute Milchkuh dafür. Auch wir trachteten nach guten
Milcherträgen von dem geernteten Futter, wenn wir auch kein eingetragenes Herdbuchvieh hatten und nicht für Versteigerungen
mit Höchstpreisen züchteten.
Man stand gewissermaßen unter Leistungszwang. Herdbuchgesellschaften waren Vereinigungen und nichts für meinen Vater, wie
alle Genossenschaften. Dabei ergaben die späteren Milchkontrollen im Stall über Fett- und Milchleistungen der einzelnen
Kühe eine sehr gute Steigerung der Milchproduktion durch Ausmerzen der leistungsschwachen Tiere. Weil vom Fettgehalt der
angelieferten Milchmenge entscheidend die Auszahlung durch die Molkerei abhing, halfen die Anstrengungen bei der Zucht,
die Milch zu einer immer wichtigeren Einnahmequelle zu machen.
Die Schweinehaltung war das nächste Standbein für die Selbstversorgung und die Einnahmen in der Landwirtschaft, und bei
guten Schweinepreisen war oft das Beste. Nach der Inflation 1921/23 entwickelte sich die Mast mit dem "Hoyaer Landschwein“
bis hin zum kleinsten Anbauer, und ihre Produkte waren bis ins Ruhrgebiet gefragt. So rollten die Fuhrwerke mit den
schrägen Brettern als Schutz vor Überspringen und die brieten Federwagen mit den hohen Seitenhecks von den Wiegestellen
beim örtlichen Gasthaus zum Güterbahnhof in Bruchhausen-Vilsen, natürlich von pferdebespannt, zum Verladen der quiekenden
Fracht in die Viehwagen der Kleinbahn. Mit fetten Schweinen musste man behutsam umgehen. Schweine haben ein schwaches Herz
und verfettet verkraften sie schlecht Aufregungen und kippten tot um.
Zur Viehwaage bei der Gastwirtschaft wurden sie deswegen gern langsam hingetrieben, damit war ihnen das Greifen und
Hocheben erspart worden, denn nicht jeder Hof besaß eine Rampe zum Rauflaufen auf den Wagen. Für den Mäster selbst waren
solche Anlieferungstage meist ebenfalls sehr anstrengend. Das Treffen und Reden mit anderen Anlieferern entwickelte sich
oft zum vielen Zuprosten. So kam es zu einem beschwerlicheren Heimweg, als es morgens das Hintreiben mit den Schweinen war.
Die Schweine hatten vielfach ein eigenes Gebäude auf dem Hof, und sei es nur ein Bretterkoben. Mein Vater sah in der Mast
den Profit und erneuerte 1926/27 den alten Stall (mit einem Plumpsklo von außen) zum modernen Neubau mit einer großen
Futterküche vornan, daneben ein Raum, der nochwenige Jahre als "Knechtskammer“ diente, dann Lager- und Abstellraum wurde,
war der Stall sinnvoll eingerichtet. Im Dachraum über der holzverschalten Stalldecke lagerten die gedroschenen Strohbunde
für die Einstreu aller Tiere, die auf der Diele zerschnitten wurden. Wie es schon immer in Schweinställen üblich war,
teilten halbhohe Wände die Boxen. Vorn zum Gang befand sich der Trog mit einer schwenkbaren Klappe zum Einschütten für den
Drank und daneben eine gleich hohe Tür als Zugang. So waren beidseitig die Ställe angelegt. Güste und tragende Sauen
teilten sich vorm Ferkeln einen Raum. Muttersauen lagen mit ihrem Nachwuchs darin allein im Stroh. Später war ein
Nebenstall mit verschließbarem kleinem Durchlauf für die Ferkel der Ort, wo den Ferkeln zugefüttert wurde und wo ihnen
niemand was wegfraß. Abgesetzt von der Mutter bekamen sie noch den gewohnten Auslauf neben dem Stall, wie sie es mit der
Mama kannten.
In diese Zeit fiel das Kastrieren der männlichen Ferkel. Noch eine schmerzhafte Prozedur war das "Wiern“ der größeren
Läufer, die mit ihren Rüsseln zu sehr den Auslauf umwühlten. Spezielle Drahtkrampen wurden mit ebensolcher Zange unblutig
vor die Nasenlöcher gesetzt und verhinderten mit der Empfindlichkeit das Wühlen, nicht aber das Fressen-können.
Die Sauen hatten nachmittags ihren täglichen Auslauf im Apfelgarten. Muttersauen wurden für kurze Zeit von den Ferkeln
getrennt. Der Auslauf bedeutete Bewegung und Futterersparnis. Hier war Gras unter den Obstbäumen, im Herbst auch Fallobst.
Willig rannten die Tiere den Weg zur Weide, eilig folgten sie abends dem Lockruf „Jüch, Jüch, Jüch!“ von meinem Vater,
wenn das Futter im Stall bereit stand und kamen allein zurück.
Die Mastställe lagen im Quergang des Gebäudes. Es gab damals schon Belüftungswege in den Mauern unter den Fenstern. Eine
große Grube unter dem Gebäude sammelte die Jauche, die auch vom Kuhstall hierher geleitet wurde. In sehr kalten Wintern
konnte dieser Gang zufrieren, das war übel. Über der Jauchegrube im Stall, aber nur von außen betretbar, und durch
hochgezogene Wände ohne den Geruch von Schweinen, befand sich der neue Abort mit hölzernem Sitz. Dieser nun gescheuert,
mit weiß getünchten Wänden, mit Türfenster und Zeitungspapier war ein Luxus gegenüber den "einsichtigen“ alten Klos.
Dabei war doch schon jene Aufstellung vor Jahren ein riesiger Fortschritt zur Verrichtung der Notdurft der Menschen
gewesen! (Heute verschwenden wir dazu das gute Wasser!!).
Die Sauställe wurden wöchentlich ausgemistet. Die Ställe der fetten Schweine bekamen kein Stroh. Ihr weicher Dung, den wir
"Schweineknipp“ nannten, musste täglich mit einer Kastenschiebkarre weit ab vom Haus in eine Grube gefahren werden, denn
der stank. Das wurde später ein starker Dünger auf dem Feld für Runkeln.
Man konnte Schweine langsam heranmästen, die blieben durch Auslauf beweglich und setzten gutes Fleisch an. Speckiger wurde
es durch Schnellmast. Mastschweine waren auch empfindlich für Rotlauf, die bei hohem Fieber mit hinzukommender
Lungenentzündung zum Tode führte. Pest und die Maul- und Klauenseuche gingen auch früher schon mehr oder weniger
verlustreich durch den Viehbestand und waren hart für den Bauern. Mit allen Mitteln der Desinfektion und amtstierärztlicher
Behandlung, die nötig war, wurde dennoch nicht so viel Aufhebens davon gemacht, wie heute.
Einkuhlen durfte man die Tierleichen seit 1862 nicht mehr. Mit dem Abdeckerzwang holte nun ein Fuhrwerk aus Asendorf die
Kadaver in die dortige Abdeckerei. Mit einer Winde wurden sie auf den speziellen Wagen gezogen. Schrecklich war das Bild,
wenn der "Peitschenknallende“, meist betrunkene Fahrer über die Landstraßen fuhr und die vier oder mehr Beine von Rindvieh
oder Pferden steif und steil in die Luft ragten. Die nützliche Verwertung der toten Tierkörper ist noch heute üblich, aber
jetzt in Steyerberg. Ich wurde als junges Mädchen per Rad zur Abdeckerei geschickt, um Pferdefett für die an "Gelber Galt“
erkrankten Kuh zu holen. Unser "Tierheilpraktiker“ im Kirchspielort, der bei leichten Krankheitsfällen geholt wurde (weil
er billiger als ein Tierarzt behandelte), hatte das zum Einreiben des Euters empfohlen. Es hat geholfen, das quittengelbe
Fett!!
Um den lebenden Kreislauf im Schweinestall mit immer vollen Ställen zu haben - bei uns war es eigene Aufzucht – mussten
die Sauen gedeckt werden. Unser nächster Nachbar hielt dafür einen gekörten Eber, da war das Hintreiben der Sau kein
Problem. In meinen Kinderjahren stand der Deckeber in Hollen, zwei km von uns entfernt. Meine älteren Brüder mussten die
Sau dort hinleiten; ich bin mitgelaufen. So fiel keine Arbeitskraft der Großen aus. Den halben Weg lang standen Lindenbäume
an der Landstraße. In Hollen waren es Apfelbäume. Da war kein Vorwärtskommen, wenn die Sau unter jedem Baum nach Äpfeln
suchte. Beim zweiten Gang rannte sie meist schon schneller zu dem Eber.
Nach 110-118 Tagen hieß es dann "im Schweinestall sitzen“, um eine verlustlose Geburt der Ferkel zu begleiten. Manche Sauen
waren durch die Wehenschmerzen so wütend, dass sie nach den Neugeborenen schnappten und sie tot bissen, aber auch den
Aufpasser angriffen, wenn er helfen wollte. Andere lagen wiederum allein ferkelnd und friedlich säugend im Stroh und hatten
dem Züchter keine schlaflose Nacht gebracht. Das war in Erntezeiten gut so. Noch besser wurde es, als die Infrarotlampen
aufkamen und die Ferkelaufzucht durch das Überhängen dieser Lampen verlustloser werden ließ.
Die Fütterung war maßgebend für den Erfolg der Mast. Gute Zucht allerdings auch, darum gab es bei Schweinen Landwirte mit
Herdbuchaufzuchtnachweisen. Alles, was im Haushalt anfiel, wurde in die Drankeimer unter der Spüle in der Abwaschküche
geschüttet. Die holte mein Vater, er war der "Futtermeister“ im Schweinestall, zu den Futterzeiten. Dazu gehörte "Wattje“,
wie wir die Molke nannten und auch Magermilch für abgesetzte Ferkel.
Kartoffeln wurden früher täglich im Mauerkessel in der Futterküche gekocht und heiß durch den Quetscher in den Dranktrog
gedreht, worin das Futter angerührt wurde. Bald kamen Dämpfer auf, die mit wenig Wasser und weniger Brennstoff die
Kartoffeln schneller garten und sich dazu durch Kippen schneller leeren ließen.
Der Anbau von stärke- und ertragreichen Kartoffelsorten ließ als nächsten Fortschritt das "Einsäuern“ aufkommen. Lange
Erdauswürfe wurden mit Steinen ausgelegt. Dahinein schüttete man den gekochten Erntevorrat. Nun dämpfte eine Dampfkolonne,
die von Hof zu Hof zog, in einem Arbeitstag die Kartoffeln. Dafür war natürlich viel Wasser und Heizmaterial nötig, um die
Kartoffeln zu waschen und um die nacheinander garenden Kessel zu heizen. Mit Säcken und dann mit Erde wurden die heiß
eingefüllten Kartoffeln bedeckt. Bald konnte die breiige Masse das ganze Jahr über ohne Verlust verfüttert werden.
Hier sahen die Molkereien ein Geschäft mit ihren überflüssigen Dämpfen der Kesselheizung und bauten Dämpfanlagen. Dorthin
fuhr man nach abgemachtem Termin mit einer Fuhre loser Kartoffeln und kam bald mit einer heiß dampfenden zum Entleeren in
die Grube heim. Das war preiswerter und nicht so arbeitsaufwendig wie ein Dämpftag mit der Kolonne, auch wenn man diese
Fahrten öfters wiederholen musste, bis die Grube gefüllt war. Mit diesen Kartoffeln und dem gemahlenen Roggen lief die
Schweinemast vorzüglich. Eine Handvoll Fischmehl gehörte als Eiweißgabe für gutes Gedeihen dazu. Nur durfte man es hiermit
nicht übertreiben, damit das Fleisch – wie auch die Hühnereier – nicht tranig schmeckten.
Die Sauen bekamen dünnere Suppen und im Sommer neben Weidegang gemähtes Gras. Ackerspörgel oder Seradella. Im Winter
ersetzten Runkeln dieses Grünzeug. Das zu schlachtende Schwein wurde von den fetten genommen, aber auch güste Sauen wurden
herangemästet für mehr Wurst und ein jüngeres manchmal als "Bratenschwein“.
Auch bei den Schweinen bestimmten Nachfrage und Qualität den Preis. Nicht immer war die Arbeit für einen Stall voller
gemästeter Schweine gut bezahlt. Eigen erzeugtes Futter war die Grundlage für einen erfolg. Deswegen machten viele aus dem
Boden gestampfte Mästereien, die nach der Inflation in der Schweinemast eine Goldgrube sahen, bald pleite. Sie hatten den
teuren Kornpreis nicht berechnet, den sie für diesen Kauf bezahlen mussten. Die alte Eichelmast war schon lange nicht mehr
üblich.
Eine Nahrungsquelle bildete ebenfalls die Hühnerhaltung. In einem wesentlich kleinerem Maßstab bereicherte sie dennoch den
Haushalt mit den Eiern und dem Fleisch zu der Milch und Butter, zu Schweinefleisch und Wurst. Das Krähen eines Hahns, ob
kleines oder größeres bäuerliches Anwesen, gehörte mit der Hühnerschar dazu. Früher hatten die Hühner vielfach ihren
Wiemen über dem Kuhstall im Hause. Eine Leiter vorm Hause mit kleinem Durchschlupf ließ sie zum Schlafen nach oben klettern.
Wir hatten einen Stall mit Stangen und Nestern an der Frontseite der großen Scheune, woran der Rinderstall grenzte.
Ein Hühnerloch in der Tür erlaubt deren Geschlossenhalten bei schlechtem Wetter, sonst gab ein flacher Schuppen (Schauer)
draußen zusätzlich Unterschlupf bei Regen und zuviel Sonne. Dort wurde auch im Sand gebadet. Stroh und Porzellaneier lockten
in den Nestern zum Legen, damit man nicht versteckte Gelege suchen musste. Es kam schon mal vor, dass plötzlich eine Henne
mit frisch ausgebrüteten Küken angegluckt kam.
Wasser stand in ausgedienten Pötten immer bereit und Muschelkalk gab es für feste Eierschalen. Das war so wichtig, wo der
Sammler die Eier lose in große Weidenkörbe legte, die dann eine Wagenfahrt nach Bremen auf schlechten Pfaden überstehen
sollten. Häcksel war hier eine stoßdämpfende Hilfe.
Morgens bestand das Futter aus den gekochten Schweinskartoffeln mit Hafermehl und ein bisschen Fischmehl. Nach dem
Nachmittagskaffee gab es die Haferkörner frei hingestreut mit manchmal etwas gekauftem Mais für gelbe Dotter. Dafür half
auch das Gras. Jetzt wurden die gelegten Eier den Nestern entnommen und im Keller gelagert.
Frühe Dunkelheit und Kälte änderten den Plan. Zeitig suchte das Federvieh die Sitzstangen auf und war bei Schnee im kleinen
Raum dämmerig eingesperrt. Durchgeschnittene Runkeln ersetzten das Gras, aber wenn diese und auch das Wasser im Stall
einfroren, "gefror auch den Hühnern der Hintern“. So nannten wir es, wenn sie dann das Legen aufgaben. Da war es gut, wenn
sich die Hausfrau einen Vorrat an Eiern in Kalkwasser zum Konservieren eingelegt hatte. Eine Holzasche soll auch gut dafür
gewesen sein, erzählt man.
In frostfreien Zeiten hatte die Hühner große Freiheit und fanden sogar den Weg zum Blumen- und Gemüsegarten zum Ärger der
Hausfrau. Überall wurde gescharrt und der Misthaufen war ein geliebtes Ziel, die Würmer daraus zu picken. So war auch ihr
eigener Dreck überall verteilt, wo sie nach etwas suchten. Daran erfreuten sich nur die Schweine, wenn sie zur Weide liefen,
und schmatzten diesen Leckerbissen als ein für sie nötiges Antibiotikum hinein.
Zwischen den Hühnern liefen einige Gänse für einen Braten und etwas Weihnachtsgeld. Meist waren auch noch ein paar Enten
mit ihrem Geschnatter da, die so gern das Hühnertrinkwasser verdreckten und auch sonst den Hofraum stark verschmutzten.
Zwerghühner mit den schönen Kämmen waren das Hobby meiner Brüder, und dazu kamen noch Puten mit einem schrecklich
aufgeregten "Mann“. Das waren Festtagsbraten und Nebenverdienst durch Verkauf.
Einen Taubenschlag gab es oben in der Scheune auch eine Zeit lang. Heute ist unsere Gegend ein Land der Reisebrieftauben,
als Hobby und für Wettbewerbe, geworden. Ebenso wird Rassegeflügel gezüchtet und in Ausstellungen mit Preisen bewertet.
Nur wer Lust und passenden Stall mit Auslauf hat, hält sich noch Hühner für den Eigenverbrauch und verkauft den Überfluss
an Freunde und Bekannte.
Wir zogen unser Federvieh durch Brüten selbst heran. Gluckte eine Henne, man merkte es am Nesthocken und an ihrem
glucksenden Laut, ließ man sie brüten. Wenn zu viele Hennen, sperrte man sie in Käfige. Sie vereinnahmten sonst die Nester,
die die anderen Hühner zum Legen brauchten. Fürs Brüten wurde im ruhigen, dämmerigen Apfelkeller auf dem Boden ein Nest mit
Steinen geformt und mit Heu ausgepolstert. Die ausgesuchten Eier von guten Legern sollte die Glucke nun mit ihrer
Körperwärme ausbrüten. Täglich wurde geprüft, ob sie alle Eier richtig bedeckte. Man hob eine eifrige Brüterin für kurze
Zeit zum Fressen und Trinken und Darmentleeren vom Nest herunter, denn 20-21 Tage dauerte es, bis die Küken schlüpften.
Sie kamen dann zusammen in einen Drahtkasten auf der Diele, um hier vor Katzen und anderem Getier geschützt, aufzuwachsen.
Bald spazierte die Gluckhenne mit ihnen über den Hof und scharrte eifrig nach Würmern, wenngleich Kükengrütze und Wasser
die Hauptnahrung war. Immer besser werdende Gefäße für sauberes Wasser und Futterentnahme sorgten bei allem Federvieh für
weniger Verluste. So ertranken keine Küken mehr in den alten Pötten.
Auch die Puten-, Enten- und Gänseeier brüteten meist die Hühnerglucken aus. Die Leghornrasse hatte selten die Ausdauer für
die Brütezeit von 25-33 Tagen, die je nach Art, diese Eier brauchten. Da brüteten Rhodeländer und dicke Mischhennenrassen
besser. Diesen Glucken machte es hinterher nichts aus, die artfremden Zöglinge auszuführen, die meist Wasserpfützen mehr
liebten, als das Kratzen am Misthaufen. Wenn genug gegluckt war, hatte die Henne auch wieder Lust zum Eierlegen und ließ
von den Küken ab. Ihr Instinkt wollte die nächste Brut vorbereiten.
Heranwachsende Hähnchen wurden für ein leckeres Sonntagsessen geschlachtet. Hühnersuppe und Ragout, wie wir das Frikassee
nannten, waren für uns nicht nur ein Hochzeitsessen. Es war aber lange üblich, den damals im Hause feiernden Nachbarn ein
Suppenhuhn zu bringen, dazu ein Stück oder ein Pfund Butter. Auch zu Beerdigungen gehörte lange die Butterspende für den
Kuchen der Trauergäste, die früher im Hause bewirtet wurden. Nachbarn, ich schrieb es schon einmal, waren früher ganz
wichtige Menschen.
Im Haushalt wurde manchmal mit Eierkost gegeizt, um durch Verkauf ein bisschen Mehr Geld zu haben. Ein Rezept wie folgendes,
dem Rezeptbuch "As’n fröher ääten hett“ vom Plattdeutschen Verein Verden entnommen, wäre in meiner Jugendzeit schon nicht
mehr denkbar gewesen:
Brottorte mit 24 Eiern. 24 Eigelbe mit 500g Zucker 3/4 Stunde schlagen. 320g altes geriebenes Schwarzbrot, 250g geriebene
Mandeln, 10g Nelken, 32g Zimt, 1 abgeriebene Zitronenschale, 125g geriebene Schokolade und Mark eine Vanillestange der
Reihe nach unterschlagen. 24 Eiweiß zu Schnee schlagen und unterheben. Eine Form mit Butter ausfetten und Zwiebackkrumen
ausstreuen. Bei Mittelhitze backen. Nicht die Ofentür während der Bachzeitöffnen!
Die Länge der Backzeit war nicht angegeben. Diese Menge hätte für 2 - 3 Mahlzeiten für die vielen Esser in der Woche
gereicht. Ein Spiegelei pro Person zu Kartoffelsalat, extra eins nach schwerem Arbeitstag zu Bratkartoffeln, Rührei oder
gekochte Eier am Sonntagabend, wenn die Hühner fleißig legten und die Eier billig waren, das reichte. Zu Pfannkuchen,
gelbem Pudding und Klütschenstippels wurden mehr Eier verbraucht, und natürlich ebenso für Topfkuchen und Torten. "Arme
Ritter“, Schwarzbrot mit zwei Eiern in der Pfanne gebraten, war für uns Kinder absolut kein "armes“ Essen, wenn wir spät
von der Schule kamen und vom Mittagstisch nichts Ordentliches mehr übrig geblieben war. Zum Osterfest gab es gekochte Eier
satt.
An ein schönes Federvieh sei noch gedacht: Ein radschlagender Pfau zierte manche Hofstelle früher mit seiner Gattin. Heute
hört man manchmal noch so einen aufgeregten "Frau-Frau-Ruf“ über das Dorf schallen. Auch die Perlhühner gicksten mit ihren
unüberhörbaren Lauten auf einigen Höfen. Davon gibt es im Nachbarort, als begehrtes Fleisch und für gute Einnahmen, seit
einigen Jahren Massensaufzucht in Freilandhaltung. Puten dagegen werden in großen Ställen gemästet. Sie sind sehr
empfindlich. In Martfeld existiert seit 15 Jahren die Mastküken-Brüterei Weser-Ems am Ende des Ortes in großen Hallen.
Dennoch ist der kleine idyllische Hühnerhof nicht ganz passe. Liebhaber erhalten ihn zu mancher stillen Freude.
Der Bericht von den "ernährenden Tieren“ hätte eigentlich die Pferde an die erste Stelle setzen müssen. Sie waren früher
die wichtigsten Tiere, um eine Landwirtschaft in Bewegung zu halten. Ohne sie wäre Saat und Ernte nicht möglich gewesen,
um uns und das andere Vieh zu versorgen. Allerdings ist Tatsache, dass sie mit ihrem Fleisch und ihrer Wurst auch eine
Nahrungsquelle waren. Kenner und Liebhaber aßen Pferdefleisch; es war bei uns nicht üblich.
Für uns bedeutete ein Pferd Mobilität! Wer gute Tiere züchtete und verkaufte, hatte ein zusätzliches Einkommen. Hier, um
Verden/Aller, wurden und werden die Hannoveraner gehalten. Sie sind gute Zugpferde gewesen. Sie waren und sie sind beste
Reittiere. Auch früher gab es Reitvereine und Turniere. Reiter begleiteten einen Hochzeitszug und ritten im Festumzug mit.
Nur waren es damals fast ausschließlich junge Männer, die diesen Sport ausübten. Das kam sicher aus der Tradition der Väter,
die als Husaren und Ulanen dienen mußten, wie mein Großvater früher neuen Jahre lang in Verden. Zu Erntezeiten gab es
damals langen Urlaub mit dem Pferd, um auf dem Hof der Eltern beizustehen und die Bergung der Ernte zu sichern.
Nicht nur Hannoveraner waren die Helfer vor Pflug und Wagen. Schwere Warmblüter gab es ebenso. Wir hatten vor dem Kriege
Oldenburger, Max und Moritz hießen sie. Max musste in den Krieg. Ihre – sie war eine Stute – aufgeregte Art hat sie sicher
bald kaputt gemacht. Ruhige Pferde waren leichte Kaltblüter. Sie wurden viel von kleineren Betrieben als Einspänner
gehalten. Früher passierten viele tödliche Unfälle durch wild gewordene Pferde, wo der Fuhrmann vom Wagen überrollt wurde.
Die Sägereien und die Fuhrbetriebe spannten die Belgier, die ganz schweren Kaltblüter, vor ihre Wagen. Drei bis vier solcher
Pferde zogen die Langholzwagen mit den schweren Baumstämmen auf tief verschlammten Wegen aus unserem Staatsforst "Hoyaer
Weide“.
Pferdemarkt war seit alten Zeiten am letzten Dienstag im August in Bruchhausen auf dem Marktplatz. "Brokser Heiratsmarkt“
nennt man ihn noch heute, weil sich bei dieser Begegnung von weit her kommende für’s Leben kennen gelernt haben. Heute
dauert er mit seinen vielen Buden und Angeboten von Freitag bis Dienstag nach Mitternacht. Pferdemarkt, aber auch
Kleinviehangebot ist noch immer am Dienstag. Früher war nur der Sonntagnachmittag zusätzlicher Markttag. Am Dienstag
setzten Händler und Bauern mit Handschlag ihre Pferde um. Frühmorgens zogen schon die Pferde, hintereinander gebunden,
reihenweise auf den Landwegen zum Markt. Radfahrer und Kutschwagen füllten die Landstraße mit Verkehr. Nach 1930 verkehrte
ein Mietauto zwischen den Ortschaften und manche unternahmen das Wagnis, damit schnell zum Platz zu kommen. Dienstboten
bekamen frei und Extrageld für den Marktbesuch. Die Hausfrau musste Melken gehen. So war es Tradition.
Pferde mussten gepflegt werden. Sie repräsentierten stets den Besitzer. Vor dem Anschirren wurden sie gestriegelt und blank
geputzt. Gutsitzende Geschirre sind Kunstwerke des Sattlers. Sie waren wichtig für gute Zugleistungen. Ebenso das Futter.
Grobgeschroteter Hafer mit leicht angefeuchtetem Häcksel bildete das Kraftfutter. In der Krippe hielt ein tiefes Loch den
Eimer für das Trinkwasser fest, damit er nicht umkippen konnte. Zum Häckseln wurde Haferstroh durch die Häckselmaschine
getrieben, die mit großem Schwungrad und den zwei Messern darin das Stroh in kurze Stücke schlug. Diese Maschine wurde vor
der Elektrizität mit dem Pferdegöpel oder per Hand betrieben. Ich habe das Rundgehen der Pferde vor einem Göpel für das
Dreschen noch bei einem Nachbarn erlebt.
Nun durften die Pferde nach getaner Arbeit ohne Göpeldrehen ruhen und nach dem Kraftfutter Heu fressen. Grobes Heu bekam
ihnen besser durch intensiveres Kauen. Kolik war und ist ein gefürchtetes Pferdeleiden. Die Pferde waren nicht nur Motoren
vor Ackerwagen und allen möglichen Ackergeräten. Wie bei dem Backbericht schon erwähnt wurde, war ihr Anspannen mit einem
Extrageschirr vor Kutschwagen nötig, wenn nachbarliche Taufen und Hochzeiten anstanden, für die Fahrt zur Kirche. Zu
Begräbnissen zogen sie langsam den Leichenwagen oder auch den Kutschwagen mit den Angehörigen. Hochzeitsfahrten waren
dagegen schnelle Fahrten ohne Anhalten, denn Anhalten brachte dem jungen Paar Unglück, wie ein alter Aberglaube besagte.
Zu Familienfahrten fuhr man zweispännig, zu den Gottesdiensten an Sonn- und Feiertagen und zu den Verwandten zog unser
"Moritz“ allein. Verwandtenbesuche endeten meist in der Dunkelheit. Moritz hätte ohne Lampe zielsicher heimgefunden.
Vorschrift waren die beidseitigen Wagenlampen mit Kerzen, später auch ein Rückstrahler hinten. Der Wind pustete die Lichter
oft aus. Ein Fuhrwerk begegnete uns selten. Man kann es sich fast nicht vorstellen, dass vor siebzig Jahren kaum ein Auto
unterwegs war! Die in den dreißiger Jahren beginnende Entwicklung wurde durch den Krieg unterbrochen. So blieben noch
einige Jahrzehnte die Pferde die unentbehrlichen Helfer für das Vorwärtsbewegen auf dem Lande.
Die Pferdezucht für Nachwuchs blühte nach dem Kriege auf und damit auch wieder der Reitsport. Luftbereifte Räder machten
Kutschfahrten bequemer. Die vielen Nachkriegshochzeiten brachten prächtige Kutschwagenkorsos.
Allmählich kam die Mechanisierung. Melkmaschinen lösten das Handmelken ab und der Traktor die Pferde. Auch ein Auto zum
Ausfahren konnte man sich bald leisten. Der Pferdestall wurde auf den meisten Höfen leer. Andere Tiere nahmen ihn in
Beschlag. Dennoch sind Pferde geblieben. Vielfach stehen sie auf Reiterhöfen in Pflege. Heute reiten Kinder, junge Mädchen
und junge Frauen neben wenigen Männern. Zuhause ist oft kein Platz für ein Pferd. Es gibt aber noch Höfe, wo Pferde
gezüchtet und betreut werden. Auch sind Pferde mit allen möglichen Wagenarten zu mieten, sogar mit Hochzeitskutschen.
Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass noch in vielen Kleinbetrieben Kühe- und Ochsengespanne bis nach dem zweiten
Weltkrieg die Hilfen zur Bewirtschaftung der Wiesen und Felder und zur Heranschaffung von Gütern gewesen sind. Sie müsste
man in ihrer Doppelfunktion im Nachhinein als die 100%igen Nutztiere bezeichnen. Kühe gaben neben ihrem Arbeitseinsatz
Milch und Butter, Ochsen ließen sich als Schlachttiere verkaufen und Mist zum Düngen der Äcker machten sie noch dazu.
Interessant mag es für manchen zu lesen sein, dass es bis weit über 1920 hinaus in den Dörfern und Flecken Kaufleute,
Beamte, Ärzte, Apotheker, auch der Pfarrer, der Kantor und Lehrer ein Pferd zum Fortkommen, Kuh oder Kühe oder Ziegen für
Milch und Butter, Schweine zum Schlachten und Hühner für die Eier hielten und mit Hilfe von Dienstboten Äcker und Wiesen
bewirtschafteten.
Pfarrhöfe waren früher Meierhöfe zur Selbstversorgung. Ehe es die Besoldung der Lehrer gab, wohnte der Kantor frei im
Küsterhaus mit zugehörigem Land für seine Ernährung.
Sind Hunde Nutztiere? Ein Hund gehörte immer zu einem bäuerlichen Anwesen, das mag groß oder klein gewesen sein. Er war
Wächter, Helfer beim Viehtreiben, scheuchte Hühner auf Befehl aus dem Garten, zog den Milchwagen und die Kinder auf dem
Schlitten und war im Allgemeinen Hausgenosse, Freund und Kamerad.
Unser "Waldo“, sonst ein toller Hund, war in den Kriegsjahren ein Melder bei Luftangriffen, ohne dass es Alarm gab, ebenso
bei Gewitter. Er öffnete die Tür von der Diele zum Flur und musste unbedingt in den Keller. Dort lag er auf dem Tisch und
hechelte vor Aufregung und löschte die Kerzen mit seinem Geifer. Da hatte er Schiss!
Auch die Katzen konnte man nicht entbehren. Was wäre aus der eingebrachten Ernte geworden, hätten Katzen sie nicht vor
Mäusefraß geschützt?! Der Hund schlief im Heuhaufen auf der Diele. Die Katzen hatten ihr Napf auf der "Hillen“, dem Raum
über dem niedrigen Kuhstall, wo das Streustroh lagerte, um dort, vom Hund ungestört, fressen zu können. Warme Kartoffeln
mit Magermilch oder Reste vom Eintopf war das Futter für Hund und Katzen gleich nach unseren Mahlzeiten. Keiner soll heute
sagen "Unmöglich!“ Sie waren prächtig genährte Tiere. Schmuse-katzen mit viel Vertrauen zum Menschen hatten wir auch.
Unsere "Minchen“ meldete stets ihre schwere Stunde zum Gebären an und kam dazu in die Küche. Wir mussten ihr in der
Häcksellade auf der Diele ein Nest herrichten. Später zeigte sie uns schnurrend ihren Nachwuchs. Gestreichelt wollte sie
werden. Gestreichelt mochten alle Tiere gern werden, dennoch gab’s auch Prügel. Geprügelt wurde früher überhaupt viel,
beim Vieh und auch beim Tanzen.
Eine oder mehrere Ziegen gehörten schon immer zu einem Häusling, sie war die "Kuh des kleinen Mannes“. Häuslinge gab es
viele. Den nachgeborenen Kindern blieb früher auf den Höfen oft keine andere Möglichkeit, als untergeordnet auf dem Hof
mitzuarbeiten oder anderswo. Als diese Häuslinge nach der Feldmarkverteilung unserer Landschaft vor 160 Jahren und später
eigene kleine und kleinste Anbaustellen mit Land kaufen konnten, hielten sie Ziegen noch immer zu einer Kuh, um bei deren
Trockenstehen, vier Wochen vor dem Kalben, Milch und Butter zu haben. Es gab viele Ziegen in dicht bewohnten Dörfern und
den Flecken bis nach dem 2.Weltkrieg. Dazu gehörte immer ein gehörnter Gemeindeziegenbock zum Decken. Für den jeweiligen
Halter brachte er ein Zubrot.
Ziegen waren genügsam im Futterverbrauch, sie brauchten wenig Platz zum Aufstallen und ließen sich an kleinsten Grasstellen
anpflocken. Man benötigte keine Weide. Sie waren ganz wichtige Ernährer der minderbemittelten Bevölkerung. Als die Männer
dann Arbeit in Industrie und Gewerbe fanden, auch die Frauen sich bezahlte Beschäftigungen suchten, war es mit der
Ziegenhaltung vorbei.
Da aber "Bio-Kost" "in“ ist und Leute Lust auf leckeren Ziegenkäse haben, hat sich ein junges Paar im Ort ein bäuerliches
Anwesen zur Haltung von Ziegen und Schafen gekauft und stellt erstklassigen Käse mit dem Namen "Windhof“ her. Sonst sieht
man Ziegen mehr als Ziertiere auf Weiden laufen.
In den frühen Kinderjahren bin ich eigentlich mit Ziegen und den frechen kleine Zicklein aufgewachsen. Einer unserer
Nachbarn hielt zu seinen 3 – 4 Kühen, die er meist an Wegrändern hütete, einige Ziegen, weil sie deren Milch und Butter
liebten. Dort spielte ich viel. Als ich einmal ein Gerstenkorn im Auge hatte, musste ich mich vor einer Ziege hinknien
und mich von ihrem Atem bepusten lassen. Es hat geholfen – oder ging es so weg? Ich weiß es nicht mehr. Eine der Ziegen zog
im Geschirr den Handwagen mit dem gehinderten Sohn. Das war damals keineswegs ungewöhnlich. Ziegen zogen willig ein Gefährt,
und das nützen vielen für kleine Frachten aus, wenn ihr Hund zu klein dafür war.
Bei uns stand im Kuhstall eine Zeit lang ein Ziegenbock angebunden. Er sollte mit seinem Gestank das krankhafte Verwerfen
der Kühe verhindern. Obwohl ich viel Umgang mit den anschmiegsamen, gelehrigen und sauberen Tieren hatte, gemolken habe ich
nie eine und auch keine Ziegenmilch getrunken. In den Außendörfern des Kirchspiels Martfeld sah man weniger Ziegen bei den
Häuslingen. Dort gaben Graswege zu den Äckern und Wiesen die Möglichkeit, Kühe zu hüten. Solche Wege wurden früher von der
Gemeinde aus an Häuslinge verpachtet, oder sie bekamen sie unentgeltlich zum Jahreslohn, wenn sie Wegschaufler, Schul- oder
Gemeindediener oder Feldhüter (Schütter) waren. In gut wachsenden Jahren konnten sie dort sogar ein bisschen Heu ernten.
Sonst wurde bei Auktionen Gras zum Heuen himtsaatweise (12 Himtsaat = 1 ha) gekauft, um die Kuh durch den Winter zu bringen.
Kühe hüten war Geduldsarbeit. In Martfeld ist Nordhausen Becka unvergessen, die ihre Kuh am Strick mit Hut und Handschuhen
am Landstraßenrand zwischen den Lindenbäumen grasen ließ. Unser alter Nachbar, Sudmeyers Opa, saß auch einem Klapphocker
bei seinen lose laufenden Kühen und freute sich auf ein Gespräch. Manche alten Leuten hüteten strickend das Vieh, bis die
Kinder sie nach der Schule ablösten. Das war langweilig für sie bei Regenwetter. Klar, dass andere Dorfkinder Gesellschaft
leisteten. Zeitvertreib gab es mit dem Flechten von "Poggenstühlen“ aus dem Risch. Geschnitzt wurde alles Mögliche aus
Hasel-, Weiden und anderem Holz.
Erste Rauchversuche mit den Fruchtbechern der Eicheln oder ausgehöhlten Kastanien mit einem Mundstück und trockenem Laub
gehörten dazu. Streichhölzer? Niemand durfte von solchem Besitz wissen, aber käsige Gesichter machten die Erwachsenen doch
ein wenig stutzig. Bei uns zuhause wurde nicht geraucht. Nur ei Besuch zog Zigarrenduft durch die Räume. Mein Vater liebte
es nicht und meine Brüder mussten auf die immer mehr aufkommenden Zigaretten verzichten, wir Mädchen sowieso ("Das gehört
sich nicht!“). Dabei ist mein Großvater ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher gewesen mit einer langen Pfeife. Gepriemt
wurde noch von vielen älteren Leuten in meiner Jugend. Manchem lief die braune Soße durch die Bartstoppeln. Vor den
Mahlzeiten klebten sie den Priem irgendwo fest, um ihn nachher wieder in den Mund zu stecken. Blechschachteln mit dem
Kautabak, oder Stücke, steckten mit kleinen Pfeifen in den Taschen.
Von einem Hausschlachter wird noch heute erzählt, er hätte vielfach die Wurst versalzen, weil er beim Abschmecken stets
den Priem im Mund behielt. Dieses hier zu erwähnen war ein Abstecher zum Thema "Genussmittel Früher“!
So ein Genussmittel hat sicher auch ein Schäfer früher hinter seine "Kusen“ (Backenzähne) geschoben, wenn er die Schafherde
hütete. Die gab es vor hundert Jahren noch auf einigen Höfen. Für die eigene Wollversorgung sind immer Schafe gehalten
worden. Manche gaben sie den größeren Schafhaltern in Pension. In meinen jungen Jahren sah man so ein Tier seltener.
Nach dem 2. Weltkrieg holte man sich die sparsamen Fresser wegen der Wolle wieder auf die Hausstellen. Noch heute sieht
man die "Rasenmäher“ bei Häusern und auf Weiden aus vielerlei persönlichen Gründen grasen.
Eine Kaninchenhaltung war die Nebenversorgung für die Häuslinge und die Liebhaber. Nach dem Krieg boomte sie als
Zusatzversorgung. Flüchtlinge, Ausgebomte und Heimatvertriebene bauten sich manchen Stall in einer Ecke auf den Höfen, um
einen Braten zu bekommen. Heute ist die Kaninchenzucht ein Hobby mit Ausstellungen und Schönheitswettbewerben.
Bienenkörbe standen einst nicht wenige im Immenschauer von Landwirten mit Lust und Liebe zur Imkerei. Im Frühjahr nährten
Lindenblüten und die ganze Flora in der Nachbarschaft die Völker. Zur Heideblütenzeit wurden sie mit Pferdegespannen,
später mit kleinen Lastkraftwagen, hinter Verden/Aller zu abgemachten Plätzen gebracht. Dort kümmerte sich manchmal der
Stellplatzgeber um sie oder der Eigentümer schaute mit einer Tagesreise nach ihnen bis zur Tracht. Den Honig konnte man
beim Imker scheibenweise kaufen, oder man holte ihn geschleudert in mitgebrachten Gefäßen. Der Imker hatte "seine“ Kunden.
Als noch Rübsenfelder für Lampenöl blühten und reiften und es Ölmühlen dafür allerorten gab – bis nach dem 1. Weltkrieg
- hatten die Bienen mehr Nahrung im Frühjahr. Lange wurde bei uns die Wintersaat, wie wir Rübsen nennen, grün als Dünger
untergepflügt. Lupinen wurden dafür auch ausgesät. Da gab es keine Blüte.
Heute blüht und duftet im Frühjahr die ganze Umgebung gelb von Rapsfeldern, die zum Verkauf reif geerntet werden.. Die neue
Zwischenfrucht, die blaue "Phaelia“ zieht mit ihrem süßen Duft die Bienen an und ist beim Imker beliebt. Es gibt sie noch
immer in jedem Ort, die Hobby-Bienenzüchter! Nur die geflochtenen Bienenkörbe sind durch Kästen ersetzt worden und werden
auch nicht mehr von allen Imkern in die Heide gebracht. Dieser Raps- oder Sommer-Blütenhonig schmeckt auch ohne Heide gut.
Wer ihn verkauft hat sich an die Lebensmittelkenn- zeichnungsverordnung zu halten und muss ihn in 1-Pfunds-Gläsern anbieten.
Grüne Kontroll-klebestreifen mit Unterbezeichnung und Herkunft garantieren den deutschen Bienenhonig darin. Da ist etwas
mehr Mühe im Glas als früher im Freiverkauf.
Gefischt wurde früher im Moorgraben und in den Wätern, den Wasserläufen unserer Region, dazu in Kuhlen, die auch dem
Löschen bei Bränden dienten. 1910 liest man im Gemeindeprotokollbuch des Vorstehers: "Die hiesige Fischerei wird auf sechs
Jahre an den Lehrer Jeinsen für jährlich drei Mark verpachtet". Damals zog die Gemeinde Profit aus diesen Wässern. Sicher
darf heute niemand ohne Schein der Fischerei nachgehen. Es ist und war ein Hobby. Was damals der Lehrer in seinen Reusen
fing, kann ich leider nicht beschreiben. Der 1885 gebaute Meliorationskanal und das Flüsschen "Eyter“ haben sicher
besondere Ausschreibungen zur Fischereiberechtigung gehabt.
Die Feldmarksjagd ist eine alte Einrichtung in unserer Landgemeinde Kleinenborstel und auch sonst überall gewesen. Betuchte
und dieser Passion verfallene Leute waren die Jagdpächter. Acht Taler und sechs Groschen hat sie 1853 für ein Jahr gekostet.
1925 betrug die Pacht 1.000 Reichsmark für die 862 Hektar. Damals wurde das Pachtgeld für Gemeindelasten verwendet. Hasen
und Rehe konnten immer gut in unserer mit Waldstücken vermischten Landschaft gedeihen. Die Staatsforst "Hoyaer Weide“ lag
daran, gehörte aber nicht zum Jagdrevier. Fasanen und Rebhühner hatten in den Feldern tolle Verstecke und erschreckten uns
oft beim Auffliegen mit ihrem lauten Schrackern. Für die Jagdpächter waren Wildbraten zusätzliche Genüsse. Ein Verkauf der
Beute half, den Pachtpreis und die Ausrüstung zu finanzieren.
Die letzten beiden Themen entsprechen vielleicht, wie auch sonst ein paar Abweichungen im Text, nicht ganz der Überschrift
des Artikels. Ich fand sie wichtig zu erwähnen. Sie zeigen einen alten Nahrungserwerb. Aus der alten Notwendigkeit ist
allerdings schon lange eine Liebhaberei zum Fischen und Jagen geworden, zu der aber auch die Hege gehört und nicht nur der
Genuss.
Somit sind wir wieder bei den Anmerkungen der ersten Seite. Es ist ein Kreislauf: Der Mensch sorgt für das Vieh, das Vieh
versorgt den Menschen.
Charlotte Homfeld
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Drei adelige Trauungen in Martfeld
45.20
Obwohl es in Martfeld nie einen Gutshof gab, fanden doch adelige Personen Eingang in die Martfelder Kirchenbücher. In den
Jahren 1814 und 1818 wurden insgesamt drei adelige Ehen hier geschlossen. Wir müssen uns dabei die Frage stellen, warum
drei Töchter vom Schwarmer Gutshof nicht dort, sondern in der Martfelder Kirche getraut wurden. Ausschlaggebend war
sicherlich nicht der kirchliche Neubau in unserem Dorf in den Jahren 1809 bis 1813. Eher werden Unstimmigkeiten mit dem
Schwarmer Geistlichen als Grund anzusehen sein. Dies bleiben aber lediglich Vermutungen. Vielleicht waren auch andere
Gründe ausschlaggebend. Bemerkenswert ist jedoch, dass des damaligen Schwarmer Pastoren Christian Ernst Friedrich Bauer
(1812-1821) Kinder von 1814 und 1816 zwar in Schwarme getauft, aber in Drakenburg geboren wurden.
Die drei Kirchenbucheintragungen lauten wie folgt:
1814 (Eintragung Nr. 17)
"Herr Wilhelm Gruppe ehemaliger Rittmeister unter dem westphälischen auch preußischen National-Husaren-Regiment in
Aschersleben, aus Halberstadt gebürtig, und das Fräulein Caronline von Sternfeld weyl: Herr Hauptmanns Casimir von
Sternfeld in Schwarme Tochter wurden alhir am vierzehnten August Mittags 1 Uhr getrauet."
1818 (Eintragung Nr. 1)
"Der Herr Major beym 4tn Landwehr Bataillon Hoya William Heydenreich, und die Fräulein Hedewig von Sternfeld weyland
Hauptmanns Casimir von Sternfeld in Schwarme älteste Tochter wurden allhir am 18ten Jannuar Morgens 9 Uhr in der Kirche
nach vorgezeigter Dispensation des Königl: Consistorii nach öffentlichem Aufgebote getrauet".
1818 (Eintragung Nr. 16)
"Der H. Hauptmann Rhode v: Wersebe im 3tn Bataillon des 7tn königl Hannoverschen Invant: Regiment Sohn weyl: Hauptmann von
Wersebe zu Cassebruch Kirchspiels Hagen im Bremischen und Fräulein Christiane von Sternfeld weyl: Hauptmanns Casimir von
Sternfeld zu Schwarme jüngste Tochter wurden allhir nach dem Zweymaligen Aufgebote in Hoya am VIII u IX p: Tr: und Hagen
öffentlich in der Kirche am 26tn Julius Morgens 10 Uhr getrauet".
Bevor wir uns weiter mit den drei einzelnen Familien beschäftigen, soll auf die Familien auf dem Schwarmer Gut eingegangen
werden. Erster uns bekannter Gutsherr war 1278 Hinrich Schlichting. Ohne weitere Angaben kennen wir noch Hinrich von
Schlichting (1462), die Vettern Dietrich, Hirnich und Christoller Schlichting (1612/1619) und Heinrich Schlichting (1635).
Mit Jobst Schlichting (1566 - 1668) tritt erstmals eine Gestalt mit etwas Hintergrund aus dem Schatten. In der "Chronik von
Lunsen", die im Lunsener Kirchenarchiv aufbewahrt wird, ist über sein Ableben vermerkt: "Am 30.08.1668 starb der alte
kümmerliche Jost Schlichting zu Schwarme, ein steinalter aber sehr frommer Mann". Angeblich wurde er 102 Jahre alt. Seine
Frau war Margarethe von Mohr, wahrscheinlich Tochter des Generalmajors Patrick Mohr, der 12.000 Reichsthaler an die
Vormünder der Erbhofbesitzerin in Thedinghausen verliehen hatte . Vom Gutshof aus soll auch der Vollmeierhof Nr. 11 in
Schwarme bewirtschaftet worden sein, der bis heute den Hofnamen "Schlichens" trägt.
Der Nachfolger Dietrich Schlichting starb am 10. Juni 1694, sechs Tage vor seiner Frau Catharina Margaretha von Horn, wohl
eine Tochter des Wulmstorfer Erbherrn Hermann Lorentz von Horn und dessen Ehefrau Lucia von Brobergen. Jedenfalls wird sie
1681 im Lunsener Kirchenbuch bei der Taufe einer von Horn-Tochter aus Wulmstorf als Patin erwähnt ("Frau Schlichtingsche
von Schwarme").
Das Ehepaar Schlichting hatte nach derzeitigem Forschungsstand nur eine Tochter namens Typke. Sie heiratete 1683 den
Schwarmer Pastorensohn Heinrich Christian Otto (1657 - 1727) und erbte von ihren Eltern den bereits vorher erwähnten
Vollmeierhof in Schwarme, den die Familie bis zum Verkauf im Jahr 1840 bewirtschaftete. Das adelige Gut jedoch wurde
bereits vor 1687 verkauft. Käufer war der vermeintliche Schwager Caspar Ludwig von Kempinski (1640 - 1698), ein Leutnant,
der mit Catharina von Horn verheiratet war. Sie war sicherlich die Schwester von Catharina Margaretha Schlichting geb. von
Horn. Auch Catharina von Kempinski wurde bei der Taufe einer von Horn-Tochter im Lunsener Kirchenbuch in 1687 erwähnt
(bemerkenswerterweise unter dem sog. Hofnamen als "Catharina Schlichtings").
Wie bei vielen adeligen Familien wurden auch im Niederadel mehrere Verbindungen unter gleichen Familien geschlossen. Die
Kempsinki-Tochter Maria Elisabeth heiratete 1703 den Wulmstorfer Erbherren und gleichzeitigen Vetter Claus Heinrich von
Horn. Ihr Bruder Hermann von Kempinski (1683 - 1731) erbte das Schwarmer Gut. Dieser ehelichte 1717 in Daverden Catharina
Magdalena von der Lieth, eine Tochter des Erbherrn Johann Eberhard von der Lieth und seiner Frau Magdalene von Sandheck auf
Wiegersen und Lessel. Ihre Base heiratete übrigens drei Jahre vorher den Erbherrn Dirich Gevert von Horn auf Wulmstorf,
einen anderen Vetter ihres Gatten.
Dieses eheliche Zusammenspiel dieser Familien ging auch in der kommenden Generation in die nächste Runde. Während drei
Töchter aus der Ehe Kempinski / von der Lieth bereits im Kindesalter starben, verheiratete sich die Hoferbin in erster
Ehe 1742 mit ihrem Vetter Johann Eberhard von der Lieth in Lessel bei Daverden. Zweiter Ehemann wurde 1754 Claus Hinrich von
Horn, einem Sohn aus der vorgenannten Verbindung von Horn / von der Lieth. Um es noch etwas komplizierter zu machen: Auch
dieser ging nach ihrem Tod eine zweite Verbindung ein, mit Gertrud Anna von der Lieth!
Nach diesem ganzen familiären Wirrwarr nun wieder zurück zum Schwarmer Gutshof. Nachdem Hermann von Kempinski 1731
verstorben war, wurde das Gut verkauft. Käufer war ein Herr Meinking. Seinen Vornamen kennen wir nicht, und leider befindet
sich die Akte über den Schwarmer Gutshof im Hauptstaatsarchiv Hannover in der Restauration, sodass die Möglichkeit der
Einsichtnahme nicht gegeben ist.
Jedenfalls veräußerte Meinking den Hof 1734 an Justus Hermann Schröder von Sternfeld (1676 - 1740), einem hessischen
Oberkammerrat aus Melle. Dieser wurde am 29. Oktober 1716 von Kaiser Karl Vl. nobilitiert (geadelt). Hintergrund war seine
Ehe mit Ernestine Sophia von Creenburg. Um diese Heirat zu ermöglichen, richtete der Vater, der osnabrücksche Amtmann
Heinrich Schröder, die Bitte um Nobilitierung an den kaiserlichen Hof in Wien. Justus Hermann Schröder von Sternfeld hatte
nachweislich drei Kinder, die nur noch den Familiennamen von Sternfeld trugen:
1. Heinrich Casimir, der Oberstleutnant in Nienburg war und 1764 das adelige Gut in Oberboyen erwarb,
2. Amalia Catharina, die in zweiter Ehe Siebrand Gerlach von Sckölln in Stedebergen heiratete (ein Verwandter – Garlef
Jürgen von Sckölln – ehelichte 1700 übrigens wieder eine Tochter aus der großen Familie von der Lieth)
3. Friedrich Franz Carl, der das elterliche Gut in Schwarme erbte.
Friedrich Franz Carl von Sternfeld starb nur wenige Jahre nach seiner Hochzeit 1751. Gutsherrin war bis zur Volljährigkeit
des Sohnes seine Witwe Hedwig Lucia von Harling aus Oldendorf. Der Erbe Christian Hermann Casimir von Sternfeld (1747 -
1812) war der letzte männliche Gutsherr aus dieser Familie in Schwarme. Er heiratete 1790 in Blender Wilhelmine Elisabeth
Friderica Carolina de la Rouselle, eine Fähnrichtochter aus Bruchhausen. Während die älteste Tochter mit knapp zwei Monaten
Lebenszeit früh verstarb, wurden die anderen drei Töchter sämtlich in Martfeld getraut.
Hier soll nun wieder der Anschluss an die vorgenannten Eheschließungen folgen. Hedewig Augusta Ernestina von Sternfeld
heiratete Wilhelm Heydenreich, einen Major in Hoya. Von ihm ist mir nichts bekannt.
In den Kirchenbüchern der Ev.-luth. Kirchengemeinde Hoya fand ich die Taufeintragungen der Kinder Hedewig Friedericke
Louise (1819) und Johann Rudolph (1822). Caroline Margarethe von Sternfelds Mann war der Rittmeister Wilhelm Eberhard
Gruppe aus Halberstadt, der mit seiner Familie auch in Hoya lebte. Dort fand ich die Taufeintragungen der Kinder Friedrich
Wilhelm Carl (1825) und Carl Rudolph Rohde (1828). Die Eltern und der jüngere Sohn starben alle innerhalb weniger Wochen
1828 in Hoya. Die jüngste Tochter Christiana Friederica von Sternfeld verehelichte sich mit dem Hauptmann und Erbherrn
Johann Nicolaus Rhoda (1791 - 1842) von Wersabe auf Kassebruch. Das älteste von sieben Kindern war August Anton Diedrich
von Wersabe, der 1856 als Amtsgerichtsassessor in Achim starb.
Alle drei Töchter waren Erben des Schwarmer Gutshofes zu gleichen Teilen. Da sie nicht in Schwarme, sondern in Hoya bzw.
Kassebruch lebten, entschlossen sie sich bzw. deren Erben, den Hof zu verkaufen. Mit Kaufvertrag vom 30. Januar 1838 ging
das Eigentum für 7.450 Reichsthaler an den Leutnant Ernst Heinrich August Ahlborn über. Damit endete für den Schwarmer
Gutshof die Funktion als Residenz des Niederadels.
Zum Abschluss möchte ich in kurzen Sätzen das weitere Schicksal des Adeligen Gutes und der Familie Ahlborn beschreiben. Die
Familie Ahlborn selbst wohnte nicht in Schwarme, sondern auf den Vollmeierhof Nr. 16 in Uenzen. 1854 beantragte Ahlborn die
Übertragung des Stimmrechts für die Hoya-Diepholz'sche Landschaft auf den Uenzer Hof. Dies wurde am 28. Mai 1857 genehmigt.
Der Schwarmer Hof wurde zwischen 1853 und 1856 einzeln veräußert. 1854 brannte das große Gutshaus mit fast sämtlichen
Wirtschaftsgebäuden ab.
Ernst Heinrich August Ahlborns Sohn August Gottlob heiratete 1855 in Vilsen eine Amtsrichtertochter aus Melle und pachtete
ab 1859 die Domäne in Ehrenburg. Der Uenzer Hof wurde 1876 nach seinem Tod verkauft.
Für Familienforscher aus unserer Region ist noch folgendes von Interesse: Ernst Heinrich August Ahlborn (1791 - 1852) war
Sohn, des Weggeldeinnehmers Johann Heinrich Christian Ahlborn in Thiedenwiese bei Pattensen. Weitere Söhne waren Wilhelm
Ulrich Ahlborn (1797 - 1855), der erst reitender Vogt in Balge und später Amtsgehilfe in Intschede war, und Hermann Heinrich
Wilhelm Ahlborn, Steuereinnehmer in Moor/Bruchhausen. Des Letzteren Sohn heiratete 1866 in zweiter Ehe Adelheid Mügge aus
Hollen (Nr. 37).
Henns Harries
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Zeitgeschichte 1942/43
"Meine Liebe Elli...!"
47.25
Wer mit Namen wie Günthers Günther, Brüns Dietrich, Rippen Heinrich, Theo Dethlefsen oder Liesbeth Rodekohr etwas anfangen
kann, gehört in Martfeld der älteren Generation an. Diese Älteren werden schon Freude an den heimatlichen Bezügen einer
Ausstellung haben, die Anfang September im Heimatmuseum in Hoya eröffnet wird. "Meine Liebe Elli...!" ist eine Sammlung von
Bildern und Briefen aus der Ukraine:
"Kiew, 2. August 1942 – Draußen ist es zum Spazierengehen noch viel zu warm und so will ich noch einen Brief schreiben. Ich
schreibe augenblicklich ja viel, so brauche ich nicht noch nebenbei ein Tagebuch zu führen, aus meinen Briefen geht später
ja das Meiste wieder hervor..."
Rund zweihundert Briefe und über einhundert Fotos dokumentieren die zeitgebundene Sicht des als Sonderführer im Osten
eingesetzten Landwirts. Jahrzehntelang ruhten die Papiere auf dem Dachboden in Loge, bis der jüngste Sohn, Harald Bösche,
sie neu entdeckte.
Als Hochschullehrer in Münster gelang es ihm schnell über einen sprachkundigen Studenten eine Verbindung nach Kiew zu
schaffen, wo man sich höchst interessiert zeigte. So wurde das »Projekt Iwankiw« aus der Taufe gehoben, ein
deutsch-ukrainisches Jugendforschungsprojekt, gefördert von der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft".
Partner des Unternehmens waren je eine Schülergruppe des Annette – von – Droste – Hülshoff - Gymnasiums in Münster und der
Allgemeinbindenden Mittelschule Nr. 2 in Iwankiw. lwankow (so der russische Name) war der Einsatzort Bösches in den
Jahren 1942 und 1943.
Zwei Bücher entstanden zu einer Ausstellung, die in beiden Ländern gezeigt wird. Das ukrainische Werk nimmt die Belege der
Mordtaten unmittelbar nach der Eroberung mit auf, nennt die Namen der Opfer. Das deutsche Buch beschränkt sich eng auf
Bösches Briefe und Bilder ein Jahr später. Sie wurden wenig kommentiert und geben einen unmittelbaren Eindruck vom Denken
und Fühlen der Besatzer und von ihrer Anteilnahme am Geschehen in der Heimat. Wenn die heutige Generation fragt, was sich
in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in den Köpfen "normaler" Deutscher abgespielt hat, hier gibt es eine
Antwort darauf.
Das Buch "Meine liebe Elli...!" ist nach Eröffnung derAusstellung in Hoya erhältlich, kann im Internet unter diesem Titel
auch schon probegelesen und bestellt werden (www. fh-muenster.de).
Siehe auch Martfeld-Live Heft:35 Seite 14
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100 Jahre Beckmann Grotte
Das Leben des Lehrers Beckmann
47.21
Anlässlich des 125. Jubiläums zur Errichtung der "Beckmann-Grotte" in Hustedt soll hier kurz das Wirken des Namensgebers
und seine Lebensgeschichte näher beschrieben werden. Hinzu kommt noch der von mir bereits gewohnte familiäre Hintergrund.
Jobst (später Justus geschrieben) Heinrich Christian Beckmann war von 1827 bis 1874 Lehrer in Hustedt (vorher wirkte er in
Weseloh und in Ochtmannien). Über seine Zeit in diesem Ort wurde bereits im Band 6 der Schriftenreihe des Heimat- und
Verschönerungsvereins Martfeld geschrieben. Für diejenigen, denen dieser Text nicht vorliegt, soll der Inhalt hier etwas
verändert vorgestellt werden.
Bereits 1828 finden wir eine erste Bewertung Beckmanns Arbeit. Der Martfelder Pastor überliefert uns, dass Beckmann zwar
in jeder Hinsicht schwach wäre, jedoch vielen guten Willen beweist. Ein Jahr darauf habe er überhaupt zu wenig Verstand und
wäre in allen Kenntnissen gerade noch mittelmäßig. Darüber hinaus sei er etwas eingebildet, wodurch er wohl des Öfteren in
Unannehmlichkeiten stecken würde. Beckmann scheint etwas aufbrausend gewesen zu sein, da über ihn berichtet wird, er würde
im Unterricht "poltern".
Obwohl er als Lehrer nicht die Leistung seiner Vorgänger erbrachte und demzufolge den Kindern nicht so viel Wissen
vermitteln konnte, hielt der Martfelder Pastor an ihm fest. Denn den kirchlichen Ansprüchen genügte er. Die Hustedter
Schule zeichnete sich nämlich durch Bibelkenntnisse aus. Da schien es nicht sonderlich ins Gewicht zu fallen, dass Ordnung,
Fleiß und Aufmerksamkeit mittelmäßig waren, wie auch die sonstigen Kenntnisse aller Kinder.
Als der Pastor in Martfeld wechselte, sah auch dieser, dass Beckmann den Ansprüchen nicht genügte. Doch ändern konnte er
nicht viel. Beckmann konnte an seiner Fortbildung nicht arbeiten. Nicht, weil er zu viele Kinder betreuen musste, sondern
weil er mit seiner großen Familie beschäftigt war.
Dies ermöglicht es uns, seine Herkunft und Familie etwas genauer zu betrachten. Jobst Heinrich Christian Beckmann wurde am
28. Februar 1801 als ältestes Kind des Vilser Organisten und Küsters Franz Christian Beckmann dort geboren. Seine Taufpaten
waren seine Großväter Jobst Hinrich Wolf, ein Bürger und Knopfmacher in Moor, und Christian Beckmann, der unten weiter noch
erwähnt werden soll. Beckmann erhielt bis 1821 noch acht Geschwister, wovon jedoch sechs bereits im Kindesalter starben.
Lediglich seine Schwestern Sophie Elisabeth (* 1803), die 1824 ihren Vetter Johann Hinrich Koch – einen Bäcker in Vilsen
– ehelichte und Christine Caroline (* 1817) wurden erwachsen.
Beckmanns Eltern waren Franz Christian Beckmann (1774 - 1832) und Margarethe Caroline Wolf (1779 - 1848). Sein Großvater
Christian Beckmann (1745 - 1800) stammte aus Neuenkirchen bei Bassum und war erst Lehrer in der kleinen Gemeinde Apelstedt,
dann in Scholen und ab 1775/76 Küster in Hassel, wo er auch verstarb. Seine zweite Ehefrau heiratete nach seinem Tod den
Bücker Küster.
J.H.C. Beckmann selbst war zwei Mal verheiratet. Am 10. August 1828 ehelichte er in Oiste Anne Marie Dunker (1809 - 1872),
die eine Halbkötnerstelle mit in die Ehe brachte. Jener Hof wurde aber bereits am 28. September 1832 verkauft. Aus dem
Erlös dieser Stelle lebte die Familie in den folgenden Jahrzehnten. In zweiter Ehe verheiratete er sich am 24. September
1872 in Oiste mit der Witwe Catharine Margarethe Meyer geb. Boymann (* 1821).
Aus seiner ersten Ehe hatte er elf Kinder, wobei wir nur zwei kurz näher beschreiben möchten. Die Tochter Sophie Anne
Adelheid (* 1832) ging mit Georg Heinrich Friedrich Quade die Ehe ein, der erst Lehrer in Ubbendorf und danach in Wechold
war. Später sind sie in die USA ausgewandert. Eine weitere Tochter namens Johanne Christine Margarethe Catharine (1839 -
1873) ehelichte den Lehrer Heinrich Friedrich Wilhelm Armbrecht (1829 - 1876) aus Ristedt. Sieben weitere Kinder erlangten
das Erwachsenenalter, ihr weiteres Schicksal ist uns aber leider nicht bekannt. Sicherlich werden sie auch als Lehrer oder
ähnliches tätig gewesen sein, oder Lehrkräfte geheiratet haben.
Aus Beckmanns zweiter Ehe sind keine Kinder hervorgegangen. Er selber starb als pensionierter Lehrer am 5. August 1882
in Seestedt.
Henns Harries
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Ab ins Oldenburger Land
Auswanderung in neue Kolonien
32.12
Wenn wir heute von ausgewanderten Verwandten sprechen, meinen wir meist diejenigen, die sich vor allem nach Nordamerika oder
nach Australien bzw. Neuseeland aufgemacht haben. Kaum jemand weiß, dass es auch einige Personen aus der heutigen Gemeinde
Martfeld gab, die zwar das damalige Königreich Hannover verlassen haben, jedoch in Deutschland verblieben sind.
Solch eine erste Auswanderungswelle gab es am Anfang des 19. Jahrhunderts. Die hohen Grundsteuern, Zehnten, Zins - und
Korngefälle, unsoziale Verbrauchs- und Personensteuern veranlassten damals viele Hannoveraner, auszuwandern. Da war es ihnen
recht, dass im Großherzogtum Oldenburg zeitgleich Kolonien gegründet wurden. Zwei von ihnen hatten es den Leuten aus dem
Kirchspiel Martfeld vor allem angetan: Tweelbäke und Adelheide.
Tweelbäke
In Oldenburg wurden nach der "Napoleonischen Zeit" wieder Pläne aufgenommen, einen neuen und kürzeren Postweg von Oldenburg
nach Bremen zu bauen. Dieser sollte durch das Bümmersteder Moor führen. 1820 wurde der Damm für die Straße hergestellt und
zwei Jahre später das Zollhaus an der Tweelbäke errichtet. Dieser kleine Graben zehn Kilometer vor Oldenburg gab dem neuen
Ort den bleibenden Namen.
Nun erkannte bereits 1819 der Gemeinheitsbeauftragter Johann Conrad Wilhelm Niebour (1786 - 1849), der aus dem Königreich
Hannover stammte, die große Verkehrsbedeutung des Postweges und wies darauf hin, welch schlechten Eindruck es auf die
Reisenden machen müsse, wenn sie vor den Toren der Residenz ein kulturfähiges Moor völlig ungenutzt liegen sähen. So machte
sich Niebour daran, umliegende Bauern bei der Aufteilung des Moores abzufinden und Anbauer aus seinem vormaligen Vaterland
anzuwerben. Jeder der sechsundfünfzig Kolonisten sollte eine Fläche von zwanzig Jück erhalten. Ein Jück entspricht 0,5603
Hektar.
Das Oldenburger Vorland ca. 30 Jahre vor der Gründung der Kolonie Tweelbäke.
Als der Gemeinheitsbeauftragte mit der Werbung anfing, meldeten sich viele Bewerber aus dem Kirchspiel Martfeld. Bevor sie
jedoch eine Anbauerstelle zugewiesen bekamen, mußten sie einen Vermögensnachweis über mindestens zweihundert Reichstaler und
ein Leumundszeugnis ihres Amtmanns beibringen. Darüber hinaus mussten sie ordnungsgemäß in den oldenburgischen
Untertanenverband aufgenommen werden. Zwischen 1821 und 1828 meldeten sich neun Martfelder, zwei Tuschendorfer und einer aus
Hollen.
Bewerber waren
- der Kleinbrinksitzer Johann Henrich Brinkmann 1778 - 1839), Martfeld Nr. 16
- dessen Bruder und Häusling Johann Friedrich Brinkmann (1785 - 1844)
- der Brinksitzer Henrich Knüppel 1788 - 1837, Martfeld Nr. 114
- der Häusling Carsten Rennig Bormann 1794 - 1865, Martfeld Nr. 117
- der Häusling Johann Friedrich Schmidt 1793 - 1877, Martfeld Nr. 73
- der Häusling Carsten Heinrich Schwecke 1793 - 1852, Martfeld Nr. 1
- der Häusling Albert Diedrich Masemann 1792 - ?), Martfeld
- der Häusling Johann Didrich Büsselmann 1796 - 1855, Martfeld Nr. 51
- der Kleinbrinksitzer Johann Diedrich Ernst Backhaus 1790 - 1860, Martfeld Nr. 63
- der Brinksitzer Johann Henrich Grieme 1790 - 1841), Tuschendorf Nr. 5
- der Brinksitzer Johann Albert Heinrich Asendorf 1788 - 1846), Tuschendorf Nr. 7
- der Häusling Johann Hinrich Meyer aus Hollen.
Von diesen zwölf Bewerbern, erhielten acht einen Bauplatz. So errichteten Knüppel 1821, Asendorf 1824, Bormann, Schmidt und
Meyer 1826, Schwecke und Masemann 1827 und Büsselmann 1828 ihre Wohnhäuser. Die übrigen vier blieben im Kirchspiel Martfeld
und bewirtschafteten entweder ihre Höfe weiter oder verdingten ihren Lebensunterhalt weiterhin als Häuslinge. Die Familien
Knüppel, Schmidt und Schwecke sitzen auch heute noch auf ihren angestammten Höfen.
Weitere Anbauer aus der Grafschaft Hoya siedelten sich an, so dass sie der neuen Siedlung längs der Poststraße bald den
Namen "Hannöversche Riege" gaben. Eigenartigerweise haben die Häuser auf der Nordseite der Straße - wie die von Schmidt,
Schwecke und Masemann - ihre große Einfahrtstür der Straße abgewandt und dem Moor zugekehrt.
Bemerkenswerterweise erhielten die abzweigenden Straßen bei den Höfen von Schwecke und Schmidt die Namen Schweckenweg bzw.
Schmidtsweg.
Adelheide
Zwischen Delmenhorst und Ganderkesee liegt die große Annenheide. Der Oldenburger Teil wurde auf Vorschlag des Amtes
Ganderkesee 1815/16 vermessen. Diese Teile wurden von der Gemeinheit in privates Eigentum überführt. Durch die Erschließung
von Ödland und Moor sollte landwirtschaftliche Nutzfläche gewonnen werden. Den Namen Adelheide erhielt die Kolonie zu
Ehren der 1817 mit dem Oldenburger Großherzog vermählten Prinzessing Adelheid von Anhalt – Bernburg - Schaumburg.
Nachdem 1814 bereits zwei Gesuche um Anbau einer neuen Stelle bewilligt wurden und noch weitere Bewerbungen für die Gründung
von neuen Hofstellen eingegangen waren, entschloß sich das Amt Ganderkesee, neue Anbauflächen auszuschreiben. Hilfe bei der
Durchführung erhielt das Amt vom Gemeinheits beauftragten Johann Conrad Wilhelm Niebour.
Von den Bewerbern aus den Jahren 1817 und 1818 stammten zehn aus dem Großherzogtum Oldenburg und zwölf aus dem Königreich
Hannover. Hiervon kamen drei aus Martfeld, einer aus Normannshausen und zwei aus Hollen.
Bewerber waren
- der Häusling Johann Diedrich Köster 1775 - 1844), Martfeld
- dessen Bruder, der Häusling Rennig Hinrich Köster 1772 - 1849), Martfeld
- der Häusling Johann Hinrich Masemann 1776 - 1829), Martfeld
- der Häusling Christian Burhoop, Normannshausen
- der Großbrinksitzer Henrich Homfeld 1775 - 1833), Hollen Nr. 51
- der Schuhmacher und Dachdecker Johann Albrecht Kölle 1771 -?), Hollen Nr. 50
Alle Bewerber bekamen einen Placken von acht oder neun Jück zugewiesen. So bauten J. D. Köster 1817, Burhoop und Kölle 1819,
Masemann und R. H. Köster 1820 und Homfeld 1823 ihre Wohnhäuser.
Interessant sind hierbei noch die Qualifikationsnachweise der einzelnen Ansiedler: "Christian Burhoop aus Normannshausen ist
ein Tagelöhner, die Bescheinigung ist günstig, er soll 250 Taler Vermögen haben; Johann Albrecht Kölle: Die Erscheinung ist
günstig, Vermögen nur 200 Taler; Johann Hinrich Masemann, ein Tagelöhner aus dem Amte Hoya, die Erscheinung ist günstig,
hat aber nur 200 Taler Vermögen; Rennig Hinrich Köster: Gegen die Erscheinung ist nichts einzuwenden, hat etwa 500 Taler
Vermögen; Henrich Homfeld aus Hollen hat ein sehr vorteilhaftes Attestat, er hat ein Vermögen von tausend Taler".
Ende 1818 teilte Niebour mit, dass er drei weitere Anbaustellen hat ausweisen lassen. Am 5. März 1820 wurde dem Häusling
Harm Hinrich Steineke aus Loge der Placken Nr. 28 bewilligt, nachdem er nachgewiesen hatte, dass er 300 Reichstaler
Barvermögen, zwei Pferde, zwei Kühe, sieben Schafe etc. besaß. Jedoch hat er den Placken nicht behalten, so dass dieser am
23. April 1823 erneut vergeben wurde.
Doch damit endete nicht die Bereitschaft hiesiger Familien, nach Adelheide überzusiedeln. So kaufte der Brinksitzer Johann
Heinrich Ahlenstorf (1785 - ?), Tuschendorf Nr. 10, 1825 den Brinksitz Nr. 11 in Adelheide für 300 Taler Gold und siedelte
dorthin über.
Einige der genannten Familien behielten nicht lange ihr neues Zuhause. So verkauften Homfeld 1834, Ahlenstorf 1843 und Kölle
1847 bereits wieder ihre Höfe. Homfelds ältester Sohn gründete jedoch 1834 schon wieder eine neue Stelle. Nur die Familie
Burhoop ist auch heute noch im Besitz des ursprünglichen Hofes.
Familienverbindungen
Der Fortzug aus der Heimat in ein neues Land führte auch zu einigen Verbindungen unter den einzelnen Familien. Manchmal war
sie gar der Grund, mit ins "Ausland" zu gehen. So hatten Bormann und Büsselmann in Tweelbäke 1820 bzw. 1828 zwei Dunker -
Schwestern von Martfeld Nr. 22 geheiratet. Daher folgte Büsselmann seinem Schwippschwager ins Oldenburger Land. Schweckes
Sohn Johann Heinrich (1822 - 1874) aus Tweelbäke heiratete die Nichte von Schmidt, die von Martfeld Nr. 73 kam. Und ein Sohn
von Knüppel ehelichte eine Meyer aus Bockhorn im Kirchspiel Ganderkesee. Deren Eltern waren dort Häuslinge und stammten
ebenfalls aus Martfeld.
Auch in Adelheide wurde untereinander geheiratet. Johann Diedrich Köster ging 1835 eine zweite Ehe mit der Witwe von Johann
Hinrich Masemann ein. Zu guter Letzt soll noch erwähnt werden, dass Johann Hinrich Masemann in Adelheide und Albert Diedrich
Masemann in Tweelbäke Brüder waren.
Henns Harries
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Zuteilung der Deutschen Mark
Transport am 01.06.1948 nach Kleinenborstel
42.22
Ich, der heute 83jährige Fritz Laue, Sohn des damaligen Kleinenborsteler Bürgermeisters Heinrich
Laue, weiß noch ganz genau, wie das neue Geld, die DM, zu uns transportiert wurde. Ein Polizist
mit Karabiner auf einem Motorrad "Vorkriegsmodell" fuhr bei uns auf den Hof. Begleitet wurde der
Polizist von einem nachfahrenden Auto, in dem das Geld deponiert war. Meinem Vater wurde das
abgezählte Geld nach Einwohnerzahl in einem Karton überreicht.
In der folgenden Nacht bewachten vier Feuerwehrmänner das Zahlungsmittel. Korn und Kartenspielen
hielten die Männer bei Laune. Am nächsten Tag war Auszahlung. Jeder Bürger bekam 40 DM.
Die zugelassenen Fahrzeuge hatten damals das Kennzeichen BN für Britisch-Niedersachsen. Die
Grundfarbe war schwarz. Buchstaben und Zahlen waren in weiß gehalten. Nach der Gründung der
Bundesrepublik hatten die alten Kreisbuchstaben wieder ihre Gültigkeit.

Auf dem nachgestellten Foto verkörpert August Wessel den Polizisten, Friedrich Holtorf stellte
sich mit seinem alten Auto als Geldtransporter zur Verfügung und Fritz Laue fungierte als
Geldpaketempfänger.
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140 Jahre (neuer) Friedhof in Martfeld
41.12
Bis 1869 wurden die Toten im hiesigen Kirchspiel um die Kirche herum bestattet, wie es damals allerorts üblich war und heute
auch noch in vielen Orten ist. Der Grund für die Neuanlegung eines neuen Friedhofes war die hohe Bevölkerungszahl und die
Anzahl der damit verbundenen erhöhten Sterbefälle, so dass der alte Kirchhof die Begräbnisse nicht mehr fassen konnte.
Hierzu Auszüge aus einer Beschreibung des Pastoren Johann Georg Ludwig Heise aus dem Jahre 1810 (Oktober): "[...] Der
Kirchhof liegt mitten in Martfeld bey der neuen Kirche, und die ganze Gemeine begräbt ihre Todten daselbst. Im ganzen
Kirchspiele sterben jährlich im Durchschnitt von 10 Jahren 50 Personen, obgleich nun darin Luft genug darüber ziehen kann,
so ist doch deßen Lage bey der Kirche sehr unangenehm, und da man die Todten kaum 4 Fuß verscharret, bey großer Hitze im
Sommer die Ausdünstung bemerklich. Bey der alten kleinen Kirche war der Kirchhof groß genug; jetzt aber da die neue Kirche
einen soviel größeren Raum und Umfang hinwegnimmt, ist es wahrscheinlich, daß derselbe für ein Kirchspiel von 2000 Seelen
oder Personen, wovon bisweilen bey Epidemien über 100 sterben können, viel zu klein seyn wird. [...] Da die Lage mitten im
Dorfe ist [ ... ] ist des hiesigen Kirchhofs Lage nicht die beste. Bey dem flachen begraben der Todten weht der Wind die
Leichenausdünstungen aus allen Gegenden immer über einen Theil des Dorfes, es wäre daher sehr zu wünschen, daß jedes Dorf
des Kirchspiels oder die Außengemeinen ihre eigenen Leichenhöfe draußen vor ihren Dörfern anlegten, und Martfeld besonders,
da es dazu den besten Raum und Gelegenheit ohngefehr auf 2000 Schritte von Dorfe in einer trockenen Ebene hat".
Also schon fünf Jahrzehnte vor der Neuanlegung des Friedhofes wünschte sich der damalige Pastor einen neuen Friedhof in
Martfeld und auch eigene Begräbnisstätten für Hustedt, Loge, Tuschendorf und Kleinenborstel Hollen und Normannshausen. Doch
sahen sich weder die Obrigkeit noch der Kirchenvorstand bzw. die Gemeinde genötigt, diesen Missstand abzustellen. Dass die
Leichen lediglich vier Fuß (1 Fuß = 0,2922 Meter (Kurfürstentum Hannover 1811)) tief vergraben wurden, mag wohl daran
gelegen haben, dass es in Martfeld keinen Kuhlengräber gab, sondern die Nachbarn oder Freunde die Gräber ausheben mussten.
Und will man es ihnen verdenken, dass diese ungemütliche Arbeit schnellst möglichst erledigt werden sollte und daher nur
soweit gegraben wurde, dass der Sarg einigermaßen tief in den Boden eingelassen werden konnte?
Ob schon in den Jahren vor 1869 an einen neuen Friedhof gedacht wurde, lässt sich aus den Akten des Kirchenarchivs nicht
ersehen. Erst das Sitzungsprotokoll des Kirchenvorstandes vom 13.02.1868 ergab einen ersten Hinweis auf den neuen Kirchhof
(im Übrigen sind diese Protokolle ob der lausigen Handschrift sehr schwer zu lesen). Dort wird folgendes vermerkt: "[...]
Nachdem vom Königlichen Cons. (= Konsistorium) die Vergrößerung des Kirchhofes durch Erweiterung eines Anschlusses
abgeschlagen und die Anlage eines neuen Kirchhofes außerhalb des Dorfes beschlossen worden ist, hat der Kirchenvorstand
gezwungen nachgegeben und eingewilligt, daß der neue Kirchhof auf einem von dem Halbmeier Lakmann angekauften oder
einzutauschenden Grundstück angelegt werde. Die Frage, ob das Grundstück mit Gelde oder durch Abtretung von Kirchenländereien
erworben werden beschloß der Kirchenvorstand vorläufig bei Seite zu setzen, vorläufig sollten zu dem neuen Kirchhof die von
dem Herrn Kirchenkommissar Meyer außersehnenen 6 Himtsaat die der Halbmeier Lakmann abzutreten habe angeschafft werden. Es
handelt sich demnach um die Befriedigung desselben durch eine zu pflanzenden Hecken um diesen Platz in Weißdorn. Man
beschloß die Anlegung zu verdingen. Es meldete sich zur Übernahme der Anlegung: der Häusling Johann Heinrich Glück zu
Martfeld, er forderte 1 rt (= Reichsthaler) 15 mg (= Mariengroschen) für die Ruthe (Flächenmaß: 1 Quadratrute = 21,8425 m2
(1938).
Der Entschluss, den alten Friedhof zu erweitern bzw. einen neuen Friedhof anzulegen, scheint bereits vor 1868 gefasst worden
zu sein. Der vorgenannten Niederschrift nach zu schließen, hätte es der Kirchenvorstand lieber gesehen, den alten Kirchhof
zu erweitern. Doch wurde von der Aufsichtsbehörde die Neuanlegung favorisiert, deren Entscheidung sich der Kirchenvorstand
dann auch gezwungenermaßen beugte. Wo der Friedhof heute eine Ummauerung aus Ziegelsteinen als Einfriedung aufweist, war der
Kirchhof ursprünglich mit einer Weißdornhecke umgeben.
Über den weiteren Verlauf der Verhandlungen und Bewerkstelligung dieses Projektes liegen mir leider keine Akten vor, jedoch
ist im Buch "Friedhof Martfeld - Altes Friedhofsbuch ab 1869, Betrifft: Feld A" aus dem hiesigen Kirchenarchiv (Signatur
HS 11a) auf den ersten Seiten folgender Eintrag zu lesen: "Der neue Kirchhof, neben "Lackmanns Hause" (heute von
Hollen-Kirstein) ist 2 Morgen und 80 Quadratruten groß. Das noch nicht eingefriedigte Reservestück hält 40 Quadratruten.
Dieses Land ist von Lakman, Friedr. eingetauscht, der selbe erhält dafür Kirchenland und zwar für 1 Himtsaat 1½. Der
Assessor, jetzt Amtshauptmann Meyer in Bruchhausen hat nach langen Verhandlungen mit dem Kirchenvorstande die Anlage dieses
Kirchhofes bewirkt. Der Kirchhof ist in zwei Theile getheilt, die südliche Hälfte ist zu Erbbegräbnissen, die nördliche zu
Reihebegräbnissen bestimmt. Ein Erbbegräbnis von 1 Quadratrute kostet 10 rt. Für ein Reihebegräbnis wird nichts bezahlt. Es
ist ein Kuhlengräber angestellt, der für 5 mg ein Grab graben muß. Der zuerst angestellte Kuhlengräber ist Johann Heinrich
Glück.
Eingeweiht ist der neue Kirchhof durch Wort Gottes und Gebet ohne weitere Ceremonie am Tage nach Johannis; den 25. Juli 1869.
Die Einweihung geschah bei der ersten Leiche, welche auf den neuen Kirchhof gebracht wurde; dieselbe war die Schwiegermutter
des Friedr. Lakmann, die Ehefrau Marg. Adelh. Runde. Herr Pastor coll. (= Collaborator, Hilfsprediger) Witzel hielt am
Grabe die Weihrede über Hes. 6. Herr Pastor Stißer war auch zugegen, der Küster August Kramer ist zum Aufsichtsführenden des
neuen Kirchhofs bestimmt; ebenso ist ihm die Eintragung des Begrabenen in vorliegendes Register und auf die Karte übertragen,
damit nachgewiesen werden kann, wer an betreffender Stätte ruht. Als Vergütung für diese Function ist ihm die Nutznießung
des Grases überwiesen, die ihm als Küster ex officio gebührt. Da dieses aber bei Anlegung eines neuen Kirchhofs in Frage
gestellt werden kann, so wurde diese Function der Registerführung als Anquivalent (Equivalent, identisch) der Grasnutzung
angenommen.
Der Friedhof hatte somit eine ursprüngliche Größe von 6.989,60 m2. Auch aus diesem Eintrag ist zu erkennen, dass der
Kirchenvorstand zur Neuanlegung des Friedhofes "überredet" werden musste. Ironie des Schicksals ist es wohl, dass
ausgerechnet ein Mitglied der Familie Runde / Lackmann, von der dieses Grundstück erworben wurde, als erster Leichnam auf
dem neuen Kirchhof begraben wurde.
Interessanterweise erhielt der Küster das gemähte Gras auf dem Kirchhof als Entlohnung für seine Tätigkeit als Aufseher des
neuen Friedhofes und als Registerführer des Friedhofsbuches. Doch war dies sicherlich keine schlechte "Bezahlung", konnte er
damit doch sein Vieh füttern, denn zu jener Zeit betrieb auch ein Lehrer noch nebenbei Ackerbau und Viehzucht. Auch einen
Kuhlengräber hatte man eingestellt, so dass die ordnungsgemäße Bestattung gesichert war und der Sarg auch tief genug im
Boden lag, um unangenehme Ausdünstungen zu vermeiden.
Auch heute sind rechter Hand des Haupteingangs noch die meist alten Familiengräber zu sehen und zur Linken Reihengräber oder
kleinere Familiengräber (überwiegend für zwei Personen).
Der Friedhof wurde bis heute noch zwei Mal erweitert. Um 1900 erwarb man für 2.800 RM die sog. "Höhe" im Osten und 1925/26
ein 4 Himtsaat großes Stück im Norden für ca. 11.000 RM, woran sich heute die neue Kapelle anschließt.
Die früher auf den Gräbern aufgepflanzten Posten, dabei handelte es sich um hölzerne Tafeln mit Sprüchen und Lebensdaten der
Begrabenen, sind im Laufe der Jahrzehnte immer mehr verschwunden und durch Grabsteine ersetzt worden.
Der alte Friedhof um der Kirche herum wurde 1901 eingeebnet. Allein drei Grabdenkmäler im hinteren Bereich nahe des Kirchweges
zur Schule hin sind vom ehemaligen Kirchhof übrig geblieben. Der Mittlere ist so sehr beschäligt, dass nicht mehr ersichtlich
ist, für wen er einstmals aufgestellt wurde. Der linke Stein war für Sophie Marie Dorothea Elisabeth Soller geb. Langlett
* Wechold 24.05.1813 Martfeld 24.10.1867 (Martfeld Nr.8) und das rechte Kreuz für Elise Wilhelmine Helene
Braunschön geb. Markstadt * Schwarme 26.09.1821 Martfeld 02.03.1847 (Ehefrau des Reitenden Vogtes Georg Heinrich
Friedrich Braunschön zu Martfeld) und zweier Kinder aufgestellt worden (Mädchen * Martfeld 21.09.1842 Martfeld
21.09.1842 und Anne Wilhelmine Marianne Braunschön * Martfeld 22.09.1843 Martfeld 22.02.1848).
Quellen:
Protokollbuch der Kirchenvorstandssitzungen 1856-1883, Friedhof Martfeld - Altes Friedhofsbuch ab 1869, Betrifft: Feld A
(beide im Kirchenarchiv Martfeld), Gustav Twele - Das Kirchspiel Martfeld im Wandel der Zeiten, Hildesheim 1932 und Rudolf
Bode - Pastor Heise beschreibt die kirchlichen Verhältnisse (1810 - Franzosenzeit) in: Martfeld - Vergangenheit und
Gegenwart, Band 4, Hg. HVV Martfeld, Martfeld 1992.
Henns Harries
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Vorratshaltung von Feuerholz
Als noch der Holzkasten neben den Herd stand
41.22
Dieser Kasten, aus Holz gezimmert, zur Vorrathaltung von Feuerholz für den Kochherd daneben gestellt, ist, wie der Salzkasten
(Söltfatt), der meist darüber hing, schon fast eine vergessene Einrichtung in den Küchen. Knappe einhundert Jahre lang
wurde er gebraucht, dann schon versorgten Gas, Strom und Öl die Heizanlagen und machten ihn überflüssig, wie die
Brennholzbeschaffung.
Der Behälter war praktisch bei den neuen geschlossenen Kochherden, die seit 1850 sehr langsam die üblichen offenen
Feuerstellen ersetzten und seit 1860 von der Firma Senking, Hildesheim, in Fabrikherstellung vertrieben wurden. Der
Mauerkessel im Kochbereich hatte sich schon länger für Wäsche, Schlachten und Futterkochen bewährt, aber die Schornsteine
für den Rauchabzug fehlten meist in den Häusern, der doch eigentlich das Wichtigste in der neuen Entwicklung war, weil sie
die Hausfrau, im wahrsten Sinne des Wortes, aufatmen ließ. Dennoch hat es offene Herdstellen bis ins 20. Jahrhundert hinein
gegeben. Der "Sparherd", wie die neue Kochstelle auch genannt wurde (im ostfriesischem Raum "Kochmaschine"!), hatte nur
eine kleine Tür für das Feuerfach. Dort, wo schon immer mit Torf geheizt wurde, gab es kein Problem mit dem Nachlegen, aber
die großen Holzscheite, die im offenen Herd hochkant den Kessel besser erreichten, passten nicht durch die Tür oder Ringe
beim abgehobenen Topf auf der Herdplatte. Doch der Mensch passte sich von jeher den Gegebenheiten an und schaffte sich
Vorrat an Kleinholz in harter Winterarbeit.
Hier die Zwischenbemerkung: Seit einiger Zeit ist es wieder "in", einen Holzvorrat für Kamine und Zusatzöfen zu halten. Die
Holzstücke wurden wieder größer, die mollige Wärme geben und teures Gas, Öl oder den Strom ersetzen. Zudem erleichtern mit
Strom, Benzin oder Akku betriebene Geräte die Brennholzgewinnung. Sie war doch einst eine schwere Handarbeit, von der man
sagte, sie heize viermal: Beim Bäume fällen, beim Sägen, dann beim Hacken und zuletzt im Herd oder Stubenofen. Mit Säge, Axt
und Beil wurden die Bäume gefällt und die Hecken ausgelichtet oder gerodet (hier sei bemerkt: Die Axt ist eines der ältesten
Werkzeuge der Menschheit und das Beil ersetzte lange das Messer zum Teilen und Zerhacken von Fleisch!). Alles im Wald und
Flur in Überfluss gewachsene war dienlich zum Heizen. Auch der große Backofen fürs Schwarzbrotbacken brauchte alle drei bis
vier Wochen sein Quantum für die große Hitze.
Nutzholz waren die an Wätem und Weidenrändern angepflanzten Kopfweidenbäume, dessen Zweige alle sechs bis neun Jahre
"geköpft" wurden, sodass nur der Stamm für neuen Austrieb blieb. Man brauchte "Sprickelholz" zum Feueranmachen und
schnellem Kochen. Die Älteren unter uns kennen noch das "Uthöltern" an frostigen Wintertagen auf gefrorenen Boden bei den
nassen Stellen der Weiden nach dem Mittagessen bis zur Futterzeit, wenn die Dämmerung kam. Das Geäst wurde auf Langwagen
zum Hofplatz gefahren und der gelagerte Haufen nach und nach mit dem Beil und Hackklotz zu handlichen Stücken zerhackt.
Keine produktive Arbeit!! Starke glatte Zweige langten für Stiele, dicke zum Zersägen und alles Zerkleinerte trocknete im
Holzstall oder in Fiemen.
Diese Arbeit wurde sehr vereinfacht und erleichtert durch eine ganz patente Hackmaschine für Buschholz, die kurz vor dem
2. Weltkrieg aufkam und per Stromantrieb mit wuchtigen Stößen in kurzer Zeit einen großen Haufen Holz zerhackte. Allerdings
hatten in diesen Augenblick viele Helfer eifrig zu tun, das stampfende Maul laufend zu füllen, das die Sträucher gierig
hineinriss. Die Maschine hat sich bewährt, man hört sie immer noch mal und dieses Jahr mehr, wo auch auffällig viele geköpfte
Weiden gespenstisch die Nebenstraßen säumen, denn Brennholz ist wieder gefragt. Der Sägebock für das mühsame Handsägen hatte
meist ausgedient, als nach 1912 mit der Elektrizität eine Kreissäge diese Arbeit ungeheuer erleichterte, nicht nur beim
Tischler und Zimmermann, auch in der Brennholzgewinnung. Nun kreischte die Säge vielfach übers Dorf. Sie jaulte wie ein
wundes Tier, wenn ein Astloch oder Knorren das Trennen erschwerte und mehrere Ansätze nötig waren, aber sie sang in kurzen
gleichmäßigen Tönen beim glatten Durchschneiden. Dafür mussten die Zähne ab und zu scharf gefeilt werden. Die Hausfrau sackte
gute Späne beim Sägen von Laubholz - gern Buchen – ein für das bewährte Räuchern des Geschlachteten in Räucherkammern.
Tannenholzspäne gaben dem Rauch einen Teergeschmack. Die abgesägten Pflöcke, auch Trendel oder Kloben genannt, konnten nun
zu "Splätern", die plattdeutsche Bezeichnung für die handlichen Holzstücke gehauen werden. Ein ausgesuchter kurzer
Baumstamm mit Knorren, der nicht von den harten Schlägen auseinander fiel, diente zum Hauklotz als fester Untergrund. Nun
schlug man mit der langstieligen Axt, die man mit beiden Händen hielt, mit kräftigem Hieb einen zersägten Pflock mittendurch.
Dann konnte das Beil, von einer Hand gehalten, mit mäßigem Zuschlagen die Hälfte zu Splätern aufteilen. Die Holzart war
entscheidend für leichtes oder schweres Hacken. Das nun fertig geschlagene Brennholz trocknete im zugigen Holzstall oder
wurde draußen zu runden Fiemen aufgestapelt, die außen Stück für Stück zur stabilen Mauer gelegt und innen lose gefüllt
wurden und oben spitzrund das Regenwasser ablaufen ließen.
Axt und Beil mussten auf dem Schleifstein geschärft werden, wenn sie stumpf wurden. Der per Handkurbel drehbare Stein, in
einen Bock gehängt und durch Wasser im Gefäß unten angefeuchtet, schliff bei geschicktem Gegenhalten die Schneiden. Das war
eine sehr konzentrierte Tätigkeit für den Schleifer, aber eine ungeliebte, monotone Beschäftigung für den Dreher, meistens
Kinder. Besonders ergiebiges Brennholz ergaben die Stubben großer gefällter Bäume schon immer mit ihren Knorren und Knaggen.
Sie zu teilen (klöben) war besonders schwer. Man brauchte dafür Eisenkeile und Vorschlaghammer. Den hier fließenden Schweiß
gaben sie beim Brennen später mit großer Hitze zurück und hielten, wie Briketts, lange das Feuer. Die Briketts kamen nach
1900 in den Handel. Die Braunkohleerzeugnisse halfen sehr, die Kachelöfen zu heizen und wohlige Wärme zu schaffen. Außerdem
hielten die Briketts das Feuer in Gang, im Herd bis zum nächsten Kochvorgang, wo schnell zu dem Kleinholz oder Splätern im
Holzkasten gegriffen werden konnte. Mit einer derben Überbindeschürze vorm Bauch war rasch Nachschub aus dem Holzstall
geholt und in die breite Öffnung fallen gelassen.
Ein Brett an der Rückwand, quer über, bot Platz für Kleinkram wie Streichhölzer, Untersetzer und auch Topflappen. Der
Strohwisch aus Roggenstroh lag abends, von der Streu auf der Diele geholt, im Kasten fürs Feuerwachen am Morgen. Feuerhaken,
Handul, Fegeblech und ein "Gänseflunk" waren hier greifbar aufbewahrt fürs Staken und Säubern.
Epilog_
Mit dem Holzkasten in unserer Küche in Kleinenborstel verbinden mich Erinnerungen an die Jugendzeit. Mutter saß dort auf der
abgerundeten Öffnung und trank starken Kaffee bei Kopfschmerzen oder den "Wörmkentee" (Wermut) bei Unpässlichkeiten. Wir
Kinder hockten dort gern und sahen beim Kochen zu. Kamen die Butterhändler und Eiersucher, um für ihren Bremer
Wochenmarkthandel zu sammeln, setzten sie sich ohne Aufforderung auf den Holzkasten. So konnten sie bequem und in Ruhe die
angebotene Butter in dickes Pergamentpapier wickeln, die Eier zählen und in ihrem Korb mit Häcksel legen, bezahlen und noch
einen Schwatz halten. Es war ein zwangloser Platz, man war nicht Gast, aber erwünscht, man war aus dem Weg und konnte die
Füße ausruhen. Der schlichte Holzkasten war der Ruhepol in der Küche, mehr als der Lehnstuhl an der anderer Herdseite, der
Platz des Hausherrn bei Tisch.
Hamfelds Lotti
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Der Neue Martfelder Stühr
24.30
Gemeint ist jener Ortsteil im Süden Martfelds, wo erst seit etwa 175 Jahren Häuser stehen. In den
"Martfeld - Live" - Ausgaben von Dezember 1997 und 1999 hat Hartmut Bösche in seinen Straßengeschichten die alten
Strukturen der Landschaft beschrieben und auf die Entwicklung der Straßen hingewiesen. Auch hat er den Ursprung des
Namens "Stühr" erklärt, der schon früher den Standort der drei ersten Häuser am Südende bezeichnete.
Die erhielten 1753 mit der Einführung der Feuerversicherung die Hausnummern 1, 2 und 3 in Martfeld (ebenfalls im Bd.III
der HW Heimat- schriften nachzulesen!)
Hier ist die Besiedlung nach der erfolgten Gemeinheitsteilung (nach 1830) beschrieben. 34 Stellen sind auf den 3
angrenzenden Landschaftsteil von 1826 bis zum 2. Weltkrieg entstanden. An den fortlaufenden Feuerstellennummern, die im
Brandkataster seit 1753 aufgeführt sind, ist zu erkennen, dass die Bebauung recht langsam fortgeschritten ist. Seit
1987 sind in Martfeld diese Nummern mit der Einführung der Straßennamen durch jeweilige neue Hausnummern ersetzt
worden.
Ein Vergleich der Karten der Kurhannoverschen Landesaufnahme von 1771 mit der Preußischen Landesaufnahme von 1897
läßt die Kultivierung der Landschaft mit dem Anbau deutlich erkennen. Zum "neuen" Stühr gehören nicht
nur die Umsiedler und Anbauer von "Auf dem Stühr", der neuen Straßenbezeichnung, wie die der "Bruchhauser
Straße" nach der Hausnummer 1a (heute 14), sondern auch die vom "NormannshauserWeg" bis zum Kanal und die beiden
ersten Anbauer im "Möhlenbraken" zur Stührseite hin.
Die Namen der Menschen, die diese Häuser bauten und bewohnten sind zum großen Teil heute schon unbekannt.
Mancher hatte keine Nachkommen, oder sie zogen fort. Auf dem Friedhof sagen keine Grabsteine mehr etwas von ihrem Dasein
auf dem Stühr aus. Das Besondere an diesem neuen Ortsteil ist aber, dass nach dem letzten Anbau vor dem Krieg 1914/18
das Straßenbild sich nicht mehr verändert hat. Da stehen die Häuser noch in der selben Reihe und am
gleichen Platz, wo sie zuerst gebaut wurden.
Zwischen den beiden Kriegen fanden 1924/25 und 1932 zwei Anbauer in der Möhlenbrake eine Heimat, zwei Anwesen kamen
1926 und 1939 an der Bruchhauser Straße hinzu. 1959 gab es dort noch einen Neubau auf dem Grundstück von
Zimmermann Brinkmann für seinen zweiten Sohn. Seitdem ist auf dem Stühr, im Gegensatz zu der Martfelder Heide,
die zur selben Zeit die erste Besiedlung erfahren hat, Anbauruhe. Bis jetzt!
Nun stehen und standen Plakate in Wiesen, die Bauplätze empfehlen. Das war der zweite Hinweis, über diesen
Ortsteil nachzudenken.
Schon im Jahre 2000 ließ ein Verkaufsangebot auf dem Grundstück Nr.151 (früher Christian Schmidt am Weg
nach Normannshausen) aufmerken und Nachfragungen über die Entstehung der Häuser stellen und dann deren Anbaudaten
allesamt finden.
Die Häuser der ersten Anbauer haben ihr Aussehen in den letzten 50 Jahren allerdings z.T. sehr verändert. Oft
soll das nur mit großem Behördenkampf möglich gewesen sein, erzählten Betroffene. Auf dem Stühr
sollte das Ursprüngliche erhalten bleiben und kein Neubau stattfinden. Das Fachwerk mit dem Strohdach war bei den
ersten Umsiedlern und Anbauern noch üblich. Erst nach dem großen Brand in der Martfelder Ortsmitte im April 1881
wurden die Steinhäuser mit Dachziegeln vermehrt gebaut.
Auf dem Stühr entstanden von zwei Aussiedlern, die vom Brand betroffen waren, solche Neubauten; Nr.34 und Nr.199. Vor
und nach der Jahrhundertwende kamen etliche hinzu. Doch einige Anbauer errichteten aus Kostengründen weiter ein
anderswo abgebrochenes Fachwerkhaus zum Wohnen, so wie es die ersten meist vor ihnen getan haben. Da läßt das
alte Holzgefüge oder eine eingeschnitzte Jahreszahl oft einen viel älteren Anbau vermuten, als er wirklich
geschah.
Einige von diesen Häusern haben nach dem 2. Weltkrieg Steinpfannen für das Strohdach erhalten. Das Fachwerk wurde
ummauert. Die hölzernen Dielentüren wurden durch gläserne Eingänge oder Fenster ersetzt. Die einzelnen
Fenster wurden zu großen Scheiben vereint (die wunderbarerweise heute z.T. schon wieder zurückgemauert werden).
Einige alte Fachwerkhäuser bekamen ein steinernes Hinterhaus mit hohen Räumen oder sind für eckige Wohnblocks
abgerissen worden. Hier wurde ein altes Wagenschauer weggerissen, dort eine Scheune oder ein Schuppen dazugebaut, ohne doch
die Struktur der Hausstelle zu verändern. Aber statt der Misthaufen, die noch vor 50 Jahren vor jedem Hause lagen,
blühen und grünen heute Blumen und Büsche auf den Vorhöfen, oder sie haben eine Rasenfläche
bekommen.
Weder Ziege; wie einst so viele; noch Kuh; noch Schwein findet man mehr auf den Brinksitzer- und Anbauerstellen. Nur die
vielen Kühe auf den Weiden um Lucken - Homfelds Haus zeigen, dass es durch diesen Betrieb noch ein bäuerlicher
Ortsteil ist.
Die früher als Sulinger - Verdener bezeichnete Landstraße liegt nun als die Bruchhauser Straße unverändert breit zwischen
den Häuserreihen; so wie sie vor gut hundertfünfundzwanzig Jahren angelegt wurde.
Das zeigen die begrenzenden Lindenbäume, die bald nach der ersten Bepflasterung 1872/75 gepflanzt worden sind. Vor 50
Jahren lief am Steinweg auf der einen Seite ein Sandweg, gegenüber ein Pattenweg nebenher. Davor sah man jahrelang
Nordhausen Becka (aus dem Haus in der Kurve nach Hollen / Kleinenborstel mit großem Hut und Handschuhen-, wie sie
ihre Kuh am Strick das Gras zwischen den Bäumen abgrasen ließ.
Die Generalteilung der Gemeinheiten, d.h. die Teilung der gemeinsam genutzten Fläche zum Viehauftrieb, zwischen
Martfeld und den Bauernschaften Kleinenborstel, Normannshausen und Hollen, ist schon vor der Franzosenzeit geplant gewesen.
Sie ist aber erst 1832 begonnen worden, weil sich die anteiligen Einwohner der Dörfer vorher nicht einig wurden. Im
Januar 1835 konnte das Geschehen amtlich bestätigt werden.
Nun bestand für die Grundbesitzer die Möglichkeit, ihr erworbenes Teilungsland zu verkaufen. Viele nutzten dies
aus, um an Geld zu kommen. So konnten die unregistrierten ortsansässigen Häuslinge einen Platz zum Hausbau kaufen.
Sie erwarben ein paar Himtsaat Ackerland für die nötige Selbstversorgung dazu, denn ohne diese Sicherheit wurde
amtlich kein Anbau genehmigt.
In der Höfeklasse gehörten die neuen Hausstellen zu den Anbauern und Kleinbrinksitzern. Nun bekamen sie eine
eigene Hausnummer, die die Landschaftliche Brandkasse nach jeder pflichtmäßigen Anmeldung fortlaufend für
den Ort vergab. Nicht nur auf dem "neuen" Stühr, auch in dem neuen Anbaugebiet "Heide" schossen fortan die
Hausplätze wie Pilze aus dem Boden.
Aber auch einige Bauern in der engen Martfelder Dorfmitte suchten nun auf ihren außerhalb des Dorfes gelegenen Ackerkämpen
Freiräume für eine Aussiedlung. So wagten 1826 die Bohlmann - Griemes (Nr. 64) von der ehemaligen Marktstraße (heute: Zur
Maase) schon vor der Gebietsteilung als die Ersten den Wechsel und Neuanfang. Sie bauten ihr Wohnhaus mit Nebengebäuden auf
ihr Land am Wege vom alten Stühr zur "Neuen Weide". Dieser Flurteil lag zwischen Martfeld und Loge und blieb bis zur
Spezialteilung 1846 noch eine gemeinsame Auftriebstelle.
Schlachttag mit heinrich und Fritz Bremer Heide Nr.258, Fleischbeschauer Johann Schwecke (Höpers Nr.143) und den
schmidt's Töchtern vor der Dielentür des Hauses Nr. 140
Die Griemes brachten ihre Hausnummer 64 von der alten Stelle mit. Heute kennen wir den Hof als die "Lücken" - Homfeld's,
Auf dem Stühr 8. Fast acht Jahre wohnten sie allein in dieser schon seit Jahren kultivierten Landschaft, die an das
Teilungsgebiet grenzte. Das alte Franz-Haus Nr.116 (Westermann, Wachtstraße) lag, mit einem Masemann als Besitzer,
genau soweit entfernt, wie die alten Stührhäuser an der Landstraße. Eine Wätern aus der "Neuen Weide"
floß unweit in die Möhlenbraken. Vor der Hofstelle liegt noch heute, auf der anderen Straßenseite, eine
Senke, die damals überflutenden Weserwasser seinen Lauf ließ. Darum war es notwendig, die Häuser auf Wurten
zu errichten, was noch jetzt bei den alten Häusern auffällt.
Alles für diesen Neuaufbau und Neuanfang Nötige auf den damals schlechten Wegen heran zu fahren, muß eine
Mordsarbeit für die Griemes gewesen sein. Doch der Pioniergeist der Söhne war bereit, diese Schwierigkeiten
hinzunehmen, gleichwie die Anbauer das uns heute unvorstellbare primitive Entstehen einer Haustelle angenommen haben. Es
war ihre Sehnsucht nach Freiheit und Selbständigkeit.
Das alte Haus der Griemes ist in der HVV-Chronik Bd. III abgebildet. An einem alten Stallgebäude erinnert noch heute
eine Balkeninschrift an Johann Christoph Grieme, den ersten Anbauer auf dem "neuen" Stühr, der aber besitzmäßig
zur Höfeklasse der Vollkötner zählte. Seine Nachkommen, seit 1882 "Homfeld" als Familienname, sind die
einzigen Bauern mit Vollerwerb in diesem Ortsteil geblieben.
Johann Christoph Grieme starb 1829, 61 Jahre alt. Das war ein Jahr nach der Heirat des Hoferben Ehler Heinrich Grieme,
1802 geboren. Dessen zwei Jahre jüngerer Bruder Hermann Heinrich hatte, Berichten zufolge, schon 1833 unweit vom Hof
ein Haus errichtet. Sein Bruder verkaufte ihm um diese Zeit angrenzendes Land vom Hof. Das Haus war sicher ein Fachwerk von
einem Abbruch, denn beim Abriß, 110 Jahre später, wurden Holz und Gefüge als sehr, sehr alt eingestuft.
Ab 1834 war es feuerversichert und erhielt die Nr. 129 (heute: Soller, Auf dem Stühr 6).
Dem Errichter war es wohl zu klein. Er kaufte in diesem Jahr die Brinkmannsche Vollkötnerstelle Nr.20, die damals noch
an den Meierhofplatz grenzte, und zog, jung verheiratet, dorthin.
1838 wird in den Archiv-Akten die Anbauerstelle Nr.129 "herrschaftlicher Klein - Brinksitz" mit Johann Christoph Grieme
(Anm.: der Bruder) als Besitzer genannt. Dort liest man von einem Kaufvertrag zum Abbau von zwei Himtsaat und 20 Ruten Land,
an der Nordseite seines Gartens gelegen, das dieser Grieme erst ein Jahr zuvor von der Bauernschaft Martfeld angekauft
hatte. "Mit Vorbehalt gutsherrlicher Genehmigung und obrigkeitlicher Bestätigung", vernimmt man, will der Häusling Johann
Glück aus Martfeld dieses Land kaufen. Grieme verspricht ihm in diesem Vertrag, sofort darauf ein wohnbares Haus zu setzen,
wo aber noch die Fußböden in den Zimmern und der Belag des Hausbodens fehlen würden. Dafür hatte Johann Glück ihm gleich
nach der Genehmigung 255 Reichstaler zu zahlen. Glück kaufte noch zwei Himtsaat Ackerland auswärts dazu.
Auch Christoph Grieme erwarb als Ersatz neues Land in gleicher Größe. Somit waren Amt und Gemeinde wegen der Versorgung der
beiden zufrieden. Der neue Anbauer hatte, gleich allen, die Lasten und Abgaben seiner Stelle an die Gemeinde zu übernehmen,
die Wasserzüge zu pflegen und die Einfriedigungen in Stand zu halten.
Das versprochene Haus der Glücks steht noch heute als Vorderhaus auf einer hohen Wurt (siehe 1. Foto Hausnr 134). Es erhielt
1838 die Feuerstellennummer 134, die zuvor die Zehntscheune in Martfeld inne hatte, und stammte sicher von einem Abbruch
anderswo, weil das Holz und Gefüge weit älter wirken, als das Aufstelldatum.
Dem Anbauer Glück fehlte das Glück nach dem Erwerb. Sein Sohn Dietrich Heinrich mußte die Stelle 1867 an Johann Friedrich
Brinkmann verkaufen. Dieser Familienname blieb hier fast 130 Jahr in mehreren Generationen. Die Witwe des letzten kinderlosen
(Fidi) Brinkmann verkaufte 1995 das Anwesen an die Hildebrandts (Auf dem Stühr 4).
Die Königliche Hannoversche Landdrostei, das Amt Hoya, oder ein anderer Gutsherr, und letztlich die Gemeinde, oft noch als
Bauernschaft bezeichnet, waren für die Genehmigungen der neuen Stellen zuständig. 1841 gaben diese ausgesprochen "gerne"
die Bewilligung zum Anbau auf Land, das bis zur Landstraße reichte, weil es sich den anderen anschloß.
Diese Fläche in der Größe von drei Himtsaat und ein Spintsaat kaufte der Häusling Johann Friedrich Grieme vom Halbmeier
Christian Meyer (Pepers) Nr. 18. Zudem überließ der ihm die Altenteilerwohnung des Hofes zum Abbruch und Neuaufbau und
verlangte für alles 200 Reichstaler. 1842 war dieser Abbau mit der Nummer 140 feuerversichert. Er dient noch heute als
Wohnung, nun zwar ummauert und mit festem Dach eingedeckt. "Auf dem Stühr 2" sind die Hankels nach Schmidt und Diers die
Besitzer geworden. Ca. 50 Jahre blieben Anbauer Johann Friedrich Grieme und gleichnamiger Sohn hier tätig. Sie hatten 1841
vier Himtsaat Land vom Großbrinksitzer Klausen Nr. 52 auf dem neuen Lande in der Heide dazugekauft. Das war zu Ostern mit
50 Reichstalern zu bezahlen.
Den nächsten Anbau kann man noch heute Hausbalken ablesen. Johann Wilhelm Runde und seine Mutter Elisabeth Rippen haben
1842 das Fachwerk mit der Nr.143 errichten lassen, wo heute die Bormanns, Auf dem Stühr 5, wohnen. Es war das Erste auf
dieser Straßenseite. Für den Bauplatz hatte der Häusling Runde zwei Himtsaat Land vom Halbmeier Albert Heinrich Runde
(Nr.50) gekauft. Zehn Himtsaat Land erwarb er aus der Bruchteilung vom Vollkötner Schwecke (Nr.1) und sechs Himtsaat
Ackerland auf "Heins Born", am Rippensünder, vom Vollmeier Daniel Seekamp (Nr.62). Alles war zu Michaelis 1842 zu bezahlen.
Hatte Anbauer Runde sich finanziell übernommen? Schon 1854 ist Johann Dietrich Heinrich Höper aus Kuhlenkamp der Besitzer.
Dessen Name blieb als Hausname bis heute erhalten, obwohl schon 1873 mit Heinrich Schwecke ein neuer Wechsel kam. Das war
der Urgroßvater der jetzigen Inhaberin und stammte vom Schweckenhof Nr.1.
Laut Akten hatte vor dieser Hausgründung der Anbauer und herrschaftliche Brinksitzer Johann Christoph Grieme (Nr.129) am
31. Juli 1839 einen Antrag für einen Neubau gestellt. Auf ein Himtsaat Land von seiner Stelle abgetrennt, 40 Schritte von
seinem Haus, 50 vom Anbauer Glück entfernt, wollte er ein Erbe für seine Kinder errichten. Vom Großbrinksitzer Heinrich
Bruns (Nr.100?) würden 9½ Himtsaat Land dafür zu gekauft werden.
Fidi Brinkmann (Nr.134) fährt die aufgesammelten Kartoffeln mit Kuhgespann nach
Hause Herbst 1963
Erst 1843 steht das geplante Haus mit einer Scheune im Brandverzeichnis versichert. Es wurde die Hausnummer 145. Bis 1889
ist hier der Name Grieme geblieben. Vier Hausstellen mit diesem Namen gab es an diesem Weg. "Griemenstraße" wäre
hier ein passender Name gewesen. Das Haus Nr.145, nun ein von Salzen der Besitzer, ist 1896, wahrscheinlich durch
zündelnde Kinder, abgebrannt.
Pastor Twele beschrieb das in seiner "Heimatchronik Martfeld". Die Stelle wurde nicht wieder aufgebaut. Die Hausnummer 145
bekam 1956 ein Neubau auf dem Riedekamp. Den Hofraum und Garten teilten sich die Nachbarn im Kauf. Dem Briefträger
Heinrich Soller gehörte seit 1889 die Stelle Nr.129 nach Johann Heinrich Knüppel und Heinrich Laue und dem
Johann Brinkmann die Nr.134. Es weiß heute kaum jemand mehr, daß zwischen diesen Häusern, 53 Jahre lang,
ein eigenständiges Anwesen lag.
Ist der Vollkötner Dietrich Heinrich Wolters (Nr.40) von der Westernheide erst 1853, wie es im Bd. III der HVV - Chronik
steht, auf den Stühr gekommen oder schon zum Hausneubau 1841 und der 2. Ehe, was eigentlich sehr nahe liegt? Diese Frage
ist noch nicht klar beantwortet. Sein Bruder, der Häusling Johann Friedrich Wolters, stellte in diesem Jahr den Anbauantrag
auf Land vom Vollmeier Harries (Nr.87). Das wurde 1842 Nr.144 hinter Sollers Gaststätte, (heute: Fründt, In der Weide 2)
1853 ist noch Gartenland von der Kötnerstelle Nr.40, Westernheide, an den Nachbarn Hoppens - Laue (Nr.38) verkauft worden.
Der Nachbar Nr.39 hatte schon 1799 eine Aussiedlung zum Wiesengrund vorgemacht. Die Wolters zogen ein Stück weiter, als die
ersten Griemes, zur "Neuen Weide" an die Wätern, die 1972 mit der Flurbereinigung trocken gelegt wurde.
Hier setzten sie bis vor etlichen Jahren die Landwirtschaft fort. Das alte Haus ist im erwähnten HVV Bd. III abgebildet, es
nahm seine Hausnummer 40 mit. Schulze heißen die Wolters seit 1933. "Behlmers" war und ist der alte Hausname der Bewohner.
(Auf dem Stühr 10).
Zehn Jahre lang gab es dann keinen Neuanfang in diesem Ortsteil. Hatte die "Zander-Bande" daran Schuld, die in den vierziger
Jahren jenes Jahrhunderts die Gegend unsicher machte? So 30 Männer aus dem Asendorfer, Martfelder und Schwarmer Umkreis
gehörten zu einem Haufen, die raubten und plünderten. In Schwarme erstachen sie einen jungen Hoferben, als er sie verfolgte.
Lehrer Bredemeyer aus Schwarme beschrieb das Geschehen in seiner Dorfchronik. Heino Masemann veröffentlichte einen Auszug
am 24. April 1982 in der Kreiszeitung. Zu diesem Bericht erzählte Friedrich Homfeld vom Stühr eine von seinem Großvater
Fritz gehörte gräßliche Version:
Bei "Heins Börn", eine alte Flurbezeichnung an Rippen Sünder, hatte die Bande Beute geteilt und vergraben. Dann war sie zum
nächtlichen Gelage übergegangen. Gendarmen, die damals von den Ortsvogten vermehrt zur Hilfe angefordert worden waren,
entdeckten die Leute und nahmen sie zum Verhör ins Kackebartsche Haus Nr.6 (heute Wöhrmann). Sie legten die Trunkenen nackt
auf die Tische und verprügelten sie dermaßen, daß die Exkremente an die Zimmerdecke spritzten. Kam dann noch kein Geständnis,
schleiften sie die Banditen nackt hinter galoppierenden Pferden durch die Gegend. Der brutalste Verhörer hatte "Honig"
geheißen.
Dies hatte Lücken - Homfelds Opa von seiner Mutter und den Nachbarn aus deren Erzählungen gehört, als er vor der Heirat und
dem großen Brand in der Westernheide Nr.41 wohnte. Im Schwarmer Bericht heißt es, die Bande wurde in der Martfelder Heide
gefaßt.
Nach diesen Unruhen traute sich 1852 der Häusling Christian Schmidt (vom Nr.73) mit seiner Familie als Erster zu einem
Anbau an der Landstraße, der heutigen Bruchhauser Straße. Im Keil des Normannshauser Weges und - so wird
erzählt - auf der zweithöchsten Erhebung nach dem Pfarrhaus, ist ihr Anwesen errichtet worden. Akten
darüber wurden bis jetzt nicht aufgefunden.
Im Brandkataster steht 1852 die Hausnummer 151 mit Christian Schmidt. 1864 war dessen Sohn Johann Christian Besitzer,
versichert sind Haus und Stall, 1877 dazu ein Häuslingshaus. Alte Martfelder erzählten, die Schmidts hätten
mit ihrem Pferdegespann viel Fuhrleistungen, besonders Holzfuhren, unternommen und kleine Brücken gebaut.
Der letzte Christian Schmidt ist 1878/79 geboren und 1959 ledig verstorben. Das 1852 errichtete Rauchhaus stand vor 40
Jahren noch bei den Ställen, ehe es 1962 im Sturm zusammenfiel. Es muß nach der Struktur auch ein sehr altes
abgebautes Fachwerk gewesen sein. Die Nachfolger, Erben und Käufer, haben kein neues Haus gebaut, sondern im Jahre
2000 das Grundstück zum Verkauf angeboten (6.063 qm).
1852 wohnten die Schmidts recht einsam an der noch ungepflasterten Landstraße. Aber schon im Herbst 1851 hatte der
Häusling Johann Bremer "zu einem beständigen meierrechtlichen Eigentum auf ewige Zeiten, den Anteil von acht
Himtsaat und drei Spintsaat von dem herrschaftlichen Halbmeier Heinrich Dunker Nr.110 zum Anbau erworben". So steht es in
einem Dokument, das die Nachkommen (heute Bormann, Bruchhauser Straße 20), aufbewahrt haben.
Das war ein abgeholzter Bestand von Rippen Sünder, der bis an die Landstraße reichte Dieses Grundstück war
vom gemeinsamen Besitz mit Halbmeier Heinrich Soller (Rippens) Nr.109 abgetrennt worden.
Erst Ende 1852 konnte Johann Bremer ein Haus errichten, sehr wahrscheinlich auch ein Abbruchhaus, das 1853 mit der
Hausnummer 152 versichert war.
Die Teilung zwischen Dunker und Soller hatte sich hingezogen. Dazu kam die Ablösung der gutsherrlichen Bindung. 11
Reichstaler, 19 gute Groschen und 4 Pfennige hieß das Ablösungskapital, das Bremer im Februar 1852 der Königlichen
Generalkasse zu entrichten hatte. Im August waren endlich die geforderten Abgaben an die Gemeinde, die Kirchen-, Schul und
Armenlasten, geregelt. Nun gab sich die Bauernschaft Martfeld mit dem Anbau zufrieden. "Ölen Brämers" wurde der Hausname.
Johann Bremers Sohn Hermann kaufte im Juni 1881 vom abgebrannten Brinksitzer Johann Heinrich Kastendiek (Nr.42) ein
Ackergrundstück auf dem Stühr. Die Parzelle (83,49 a groß, Nr. 89 im Kartenblatt 15 der Mutterrolle) lag längs der
Landstraße bei seinem Hause. Mit dem Kauf mußte Bremer die Deich-, Kirchen- und schullasten des Grundstücks übernehmen. Die
genaue Angabe der Ackergröße ist möglich, weil 1869/70 die Martfelder Flächen vom Katasteramt vermessen wurden und der
Kaufvertrag erhalten blieb. Es ist das jetzt angebotene Bauland "Unter den Linden".
1887 kaufte Hermann Bremer gemeinsam mit dem Nachbarn Johann Heinrich Brinkmann (Nr.167) den Wegebesserungsplatz der
Gemeinde. Für je 100 Mark erstanden sie die Sandkuhle zwischen ihren Grundstücken, weil die Gemeinde sie seit der
Straßenbepflasterung nicht mehr brauchte.
Nun 30 Jahre zurück zum nächsten neuen Stühranwohner: 1857 erhielt Anbauer Johann Bremer einen ganz nahen Nachbarn, der das
Grundstück neben ihm bis zum Vollkötner Johann Heinrich Schwecke (Nr.1), im alten Stühr, ausfüllte. Der Brinksitzer Joh.
Albert Meyer von der Siemers - Lohmannschen Stelle Nr.33, Ecke Dorfstraße - Suhlenstraße, zog aus der Dorfenge in den neuen
Ortsteil mit einem neuen Fachwerkbau. Den sieht man im HVV Band III abgebildet und liest dort die Hausgeschichte. Nach dem
Joh. Albert Meyer war erst Diedrich Lütjen, dann Jürgen Lundershausen der Besitzer (Bruchhauser Straße 18).
Ebenfalls 1857 geschah der Anbau mit der Hausnummer 161 am Ende der jetzigen Stührstraße, den Behlmers - Schulzen gegenüber.
Das heutige große Haus der Maatz - Rohlfs, Auf dem Stühr 7, erinnert mit nichts an die kleinen Anfänge. Das Land gehörte
dem Halbkötner Herrn Heinr. Meyer (Nr.65), der 1881 an der Marktstraße abbrannte. Für das neue Haus Nr.161 steht der Name
Johann Heinr. Harries vermerkt. War er der Erbauer? Schon 1869 wird im Brandkataster Johann Focke genannt, der Besitzer der
Kötnerstelle Nr.65, wohnhaft in Affendorf. Unter seinem Namen steht: Häusling Johann Clausen. Gehörte die Anbaustelle noch
dem Landgeber? War Clausen der Pächter? 1872 hat Dietrich Heinrich Maatz aus Hildermissen die Clausentochter geheiratet.
1884 war Maatz der Besitzer des Anwesens. Ein Wohnhaus mit zwei Anbauten und eine Kornscheune sind versichert. Sein Sohn
und Nachfolger, Johann Dietrich Maatz, verunglückte im Dezember 1906 mit 29 Jahren beim Abriß des Stubbenschen Hauses in
Bruchhausen für Küpker Bremer und starb an den Verletzungen. Der Großvater erzog dessen beide Söhne zu Landwirten.
Heinrich, der Hoferbe, hatte zwei Töchter. So kam 1963 mit der Einheirat der Name Helmut Rohlfs auf die Stelle.
Erst 1859 erfolgte in Martfeld wieder ein Neubau und dieser geschah auf dem "neuen" Stühr. Sieben Jahre wohnten die Schmidts
Nr.151 allein an der Landstraße, denn die anderen hatten sich mehr dem Dorf angeschlossen.
Nun wollte Hermann Heinrich Nordhausen aus dem Hause Nr.57 mit seiner Frau auf der anderen Straßenseite eine Stelle gründen.
1771 hieß die bewaldete Gegend noch "Im Sünder", jetzt lagen hier Ackerkämpe mit neuen Wegen, sowie der längs am Graben zur
Pastorenkuhle. Der Graben durchfloß auch die Kuhle neben dem Anbauplatz. Das neue Haus bekam die Nummer 162. Wie viel Land
Nordhausen sonst erworben haben, ist nicht bekannt.
Drei Kinder, Heinrich, Hinrich und Rebekka wanderten als Erwachsene nach Amerika aus. Zuhause blieb Tochter Adelheid, die
Albert Meyer in Holtum heiratete. Noch 1908 steht der Name Hermann Nordhausen im Brandkataster. 1914 wird der Häusling
Dietrich Meyer von dieser Stelle aus zum Kriegsdienst einberufen. Anscheinend war er Pächter. Er stammte aus dem "Zwetschenmeyershaus"
Nr.170.
Sein Sohn Dietrich wurde Zimmermann und kaufte in den 1920er Jahren als Meister das gepachtete Anwesen. Er brauchte einen
Platz für die Zimmerei und Sägerei. Von nun ab wurde "Kuhlenmeyers" der Hausname. Die Zimmerei endete 1975 mit dem
plötzlichen Tod des Meisters. Sohn Dieter wollte nicht in diesem Beruf weiterarbeiten und verpachtete den Sägeplatz.
(Bruchhauser Straße 48).
1861 entstanden nebeneinander zwei kleine Anbauerstellen an der Landstraße. Zwischen der Wätern, die seit etwa 1972
eingeebnet ist, und dem Wegeausbesserungsplatz der Gemeinde wurden dies die Hausnummern 167 und 169. Die 168 erhielt der
Glaser Cord Meyer in der Westernheide, der 1860 das Haus des ausgesiedelten Heinrich Hoppe Nr.43 (In der Weide) übernommen
hatte.
Über 100 Jahre prägten die beiden kleinen Anwesen die Stührlandschaft gegenüber der späteren Windmühle. Hier muß ein
Handwerk die Bewohner ernährt haben, denn außer Ziegenhaltung boten die Räumlichkeiten kaum Platz für die Landwirtschaft.
Von 1861 bis 1950 gab es viel Namenswechsel auf der Stelle Nr. 167. Bis ca. 1911 kann man sie im Brandkataster verfolgen.
Dort liest man zuerst Hermann Heinrich Harries, 1865 folgte Johann Harries, dann Diedrich Fiddelken um 1872. Johann
Heinrich Brinkmann ist 1887 durch den Sandkuhlenkauf schon bekannt und nach ihm steht von Salzen auf der Liste. Bei dem
waren der Schuster Johann Glück und dessen Sohn Fritz bis nach dem 1. Weltkrieg Mieter. Danach verkaufte von Salzen das
Haus an den Stührmüller Fidi Koröde. Von ihm übernahm 1930/31 Musiker Heinrich Brinkmann die Stelle, als er heiraten wollte.
Heute wohnt dessen Großtochter Marlies Hetebrink hier mit ihrem Gefährten Heinrich Tobeck unter ganz anderen häuslichen
Verhältnissen (Bruchhauser Straße 30).
Beim Nachbarn Nr.169 lag das Grundstück schmal an der Wätern. 1861 wird Heinrich Bremer im Brandverzeichnis genannt, 1863
Hermann Bremer. Der nächste Name ist kaum lesbar, könnte aber Meyer heißen. Das läßt vermuten, daß hier der unauffindbare
Anbauer und Uhrmacher Albert Meyer seit seiner Heirat 1866 wohnte. 1899 zog er mit Ehefrau und Sohn in den Neubau Nr.217,
den sein in die USA ausgewanderter Sohn für seine Eltern und den ledigen Bruder erstellte.
1900 kaufte der Uniformschneider Friedrich Wessel aus Wedehorn das Anwesen Nr. 169. Er und seine Frau Stine sind alten
Martfeldern als Ziegenbockhalter noch wohlbekannt. Nach seinem Tode erwarb 1956 Anna Klee geb. Habekost aus Hollen Haus und
Grundstück, das zuletzt mit Wohnhaus, Anbau und Stall versichert war. Tochter Elisabeth veränderte mit Ehemann Hubert
Lehmann nach 1967 das Anwesen so nachhaltig, daß nichts mehr an die alten Zustände erinnert. (Bruchhauser Straße 32) Die
beiden Häuser am Kanal, an der Normannshauser Grenze, gehören in die neue Stühranbauzeit. Wenn auch die Kinder damals in
der näheren Kleinenborsteler Schule Unterricht hatten, sind sie Martfelder Bürger.
Der Häusling Christian Kornau aus Normannshausen 58a errichtete 1863 das Haus Nr. 173. Das kann man noch heute am Giebel
ablesen. Sein Sohn Johann Heinrich war Maurermeister und im Winter Hausschlachter. Viele steinerne Häuser der
Jahrhundertwende sind seine Entwürfe und Mauerwerke. Seine Tochter heiratete Brün Vöge aus Bahlum. Deren Sohn starb ledig.
Die Erben verkauften dann das Anwesen. Heute sind Thea und Heinrich Grotheer die Besitzer (Normannshauser Weg 3).
1871 gesellte sich zu diesem einsamen Anbau der Häusling Heinrich Schmidt von Kleinen- borstel 17a durch Landkauf vom
Martfelder Vogt Schöne. Ein abgerissenes Fachwerkhaus aus Kleinenborstel stellte er als Wohnung auf, das die Nummer 182
in Martfeld wurde. 1885 trennte der neue Meliorations- kanal die beiden Anwesen. Eine Brücke verband sie bald wieder zur guten
Nachbarschaft. Enkel Heinrich Schmidt heiratete 1948 nach Martfeld Nr. 92.1979 wurde sein Geburtshaus an Angelika Schwartze
verkauft. Sie verkaufte das Fachwerkhaus weiter an Uwe Hocke, der auch die Grundstücke übernahm. Seitdem ist hier eine
kleine Land wirtschaft mit Haflinger - Pferdezucht und einer sehr gepflegten Schaf- und Ziegenherde, deren Milch zu Käse
verarbeitet und verkauft wird. Als Werbung wird dieses Anwesen "Windhof" genannt. (Normannshauser Weg 2).
Dann sind wieder einige Jahre ohne neue Anbauten auf dem Stühr vergangen. Doch viel hat sich verändert: 1872 wurde mit der
Pflasterung der Sulinger - Verdener Landstraße begonnen und sie war im Frühjahr 1875 in der Kirchengemeinde Martfeld beendet.
Hand- und Spanndienste brauchten die Bauern an dieser Strecke nicht mehr zu leisten. Aber sie hatten neue Probleme: die
Mühlen! 1870/71 war nahe der Kirche die Interessenten - Windmühle zur Konkurrenz der Feldmühle errichtet worden. Deren
Besitzer Carl Ludwig Meyer suchte nun Kunden auf dem "neuen" Stühr und in den Außendörfern. Er kaufte 1876 Land von Johann
Christoph Grieme (Nr.64) an der Landstraße. Bis 1878 ließ er dort eine Windmühle vom Mühlenbauer Fahlenkamp, Bruchhausen,
aufstellen und setzte ein Wohnhaus an die Straße.
Das hohe Bauwerk am Weg nach Normannshausen überragte weit sichtbar nun die 17 Hausstellen im neuen Martfelder Ortsteil.
Der Feldmüller Meyer verpachtete den Betrieb. Die Pächter wechselten oft. Als der von Pastor Twele genannte Pächter Schabacker
wieder gehen wollte, verkaufte der Besitzer 1899 Mühle und Haus an den Häusling Fritz Koröde in Tuschendorf Nr.5. Der
gebürtige Eitzendorfer hatte seine Söhne Heinrich und Fritz dort beim Müller Fiddelke das Müllerhandwerk erlernen lassen.
Mit diesem Kauf bekamen Mühle und Haus 1899 die Hausnummer 216. Vorher waren die Gebäude über den Errichter versichert
gegewesen.
Die Mühle wurde am Ende des 2. Weltkrieges stark beschädigt. So mussten 1949 die Flügel abgenommen werden. Johann Koröde
müllerte mit Motorenkraft bis 1954. 1980 verkaufte seine Tochter nach seinem Tode die Gebäuden an Andreas Köndgen. Seit
1989 sind die Klerings die Besitzer. (Bruchhauser Straße 29).
Bevor sich die Mühlenflügel drehten, erwarb 1877 der Tischler Johann Köster die Parzelle 112 im Kartenblatt 15 der
Mutterrolle. Das Grundstück lag den Schmidts gegenüber. Mit der Nummer 192 waren ein Wohnhaus mit Anbau, Stall und Scheune
versichert. Neben der Tischlerei gab es, wie bei allen Handwerkern, immer etwas Landwirtschaft für die Selbstversorgung.
Darum baute man die Nebengebäude gleich mit auf. Nach dem Brand 1881 hatte Tischler Köster viel Arbeit und fand erst danach
Zeit zum Heiraten. Er starb mitten im Schaffen an einer Lungenentzündung. Einen Sohn hatte er nicht. Nach dem 1. Weltkrieg
heiratete Tochter Adeline Hermann Schlöndorf in Bruchhausen und nahm die ledige Schwester dorthin mit. Als die Gemeinde die
leere Wohnung mit einer achtköpfigen Berliner Familie belegen wollte, zog der Verwandte Ernst Schlöndorf, Häusling in
Magelsen, ins Haus. 20 Jahre hat der hier seinen Beruf als Sattler ausgeübt. Nach ihm wurde Willi Wöhlke Pächter bis zur
Heirat der Erbin nach dem 2. Weltkrieg. Sophie Schlöndorf, die Enkelin des Anbauers Köster zog mit Ehemann Ernst Rump,
Sattler und Polsterer in Vilsen, zum Wohnen in das Martfelder Haus Nr. 192 (Bruchhauser Straße 28).
Erst nach 1879 ist ein Rademacher Tobeck mit Werkstatt auf dem Stühr zu finden Er ist auch kein direkter Nachkomme aus dem
Hause Jacob Tobeck Nr.42. Diese Familie starb durch Krankheiten fast aus. Ein paar der vielen Kinder gingen nach Amerika.
Der neue Anbauer, Johann Rennig Christian Carl Tobeck, war vierter Sohn von Jacob Tobecks Bruder Rennig, der bis 1881 als
Mieter im Hause Kastendiek Nr.132 wohnte. Wahrscheinlich hat er beim Onkel das Handwerk der Stell- und Rademacher erlernt
und das Werkzeug erworben. Dieser Rennig Tobeck lebte sei 1873 mit seiner Ehefrau in Hoyerhagen, wo Sohn Heinrich Rennig
1874 geboren wurde. Erst fünf jähre später zog er mit der Familie zum Martfelder Stühr.
Zwischen dem Anbauer Tischler Johann Köster und der Wätern gab es noch einen Platz für eine neue Hausstelle, die aber 1879
ein Hermann (Fritz) Heinrich Grieme mit der Hausnummer 194 aufgebaut hat. So steht es im Brandkataster, doch gleich neben
ihm der Name Rennig Tobeck. Versichert sind 1881 Wohnhaus, Stellmacher - Werkstatt und Scheune.
Da hat wohl der Hermann Grieme das 1877 abgebrochene Fachwerk der Ubbendorfer Schule hier aufgestellt, das noch heute vor
dem steinernen Hinterhaus steht und bis 1935 zum Wohnen diente. Das lange Fachwerknebengebäude, als Werkstatt und Holzlager
genutzt, ist ebenfalls erhalten geblieben.
Drei Generationen Tobecks haben bis nach dem 2. Weltkrieg als Stell- und Rademacher gearbeitet, bis sich das Gewerbe nicht
mehr lohnte. Die letzte Generation suchte andere Berufe. Das Wohnhaus ist vermietet, der Eigentümer wohnt in der
Nachbarschaft (Bruchhauser Straße 36).
Nach der Brandkatastrophe am 13. April 1881 gab es den nächsten Anbau auf dem Stühr. Halbkötner Heinrich Frömke hatte seine
Hofstelle Nr.34, Dorfstraße / Westernheide, erst 1872 vom ausgewanderten Johann Homfeld gekauft und war abgebrannt. Er gab
seinen Hausplatz auf und baute neu auf dem Land hinter Maatz Nr. 161. Die Vorgeschichte ist im HVV Bd. III zu lesen. Ab
1911 gehörte die Stelle den Hummerichs. Susanne Asendorf wurde die Erbin des Hauses (Auf dem Stühr 9).
Johann König hatte wohl keine eigen Hausstelle, aber einen Mietplatz beim großen Brand verloren. So entschloß er sich 1882
zu einem Anbau vorn am Normannshauser Weg. 15 Jahre war sein Sohn Christian alt, als er das Inferno im Dorf miterleben mußte.
Nun konnte er sich als Landwirt betätigen und eine Familie gründen. Sein Sohn und auch der Enkel, beide ein Johann König,
haben jahrelang vormittags die Milch zu den neuen Molkereien gefahren und mit ihrem Gespann die Kleinbauern und Handwerker
bei deren Feldarbeiten unterstützt. Nun lebt Witwe Margret König im Ruhestand auf ihres Mannes Erbe (Normannshauser Weg 1).
1887 kam Johann Albert Christoph Brinkmann als Häusling und Schneidermeister zu einem Anbau zwischen dem Weg zur "Neuen
Weide" und dem Weg, der zu den alten Kämpen hinter Semsrotts Haus Nr.3 führte. Schmal war das Grundstück und klein das Haus
Nummer 203. Es reichte für seinen Beruf und für die kleine Familie. Schon 1905 verstarb Johann Brinkmann. Er war der
jüngere Bruder des Zimmermeisters Johann Heinrich Brinkmann, dem Vater der drei späteren Anbauer und Zimmerleute auf dem
Stühr. Seine Tochter Margarethe Dorothea heiratete 1909 auf den Brinksitz Dunker Nr.22. Im 1. Weltkrieg lebte ein Händler
Wacker als Pächter im kleinen Häuschen, dessen Enkel heute ein Baugeschäft in Büngelshausen betreibt. Später war die Familie
Heinemann Mieter. 1925 kaufte Häusling Heinrich Grimpe von 108a das kleine Haus von der Anbauerstochter und etwas Land dazu.
Ziegenbockhaltung war ein Zubrot Erst 1945 zog Schwiegertochter Dora Grimpe als Witwe mit ihren drei Töchtern hier ein. Ihr
bei Stalingrad vermißter Mann war der Erbe. 1960 kam mit dem Schwiegersohn Dietrich Koppe ein stattlicher Neubau hinter das
alte Haus, das zu Stallungen verändert wurde (Auf dem Stühr 1).
12 Jahre dauerte es bis zum nächsten Anbau auf dem Stühr, obwohl viel in Martfeld gebaut worden ist. Die Parzelle 113 neben
Tischler Johann Köster Nr.192 war noch frei und grenzte an den Weg zu den Möhlenbraken. 1899 ließ Heinrich Friedrich Meyer
von Amerika aus hier ein Haus für die Eltern und den Bruder Johann bauen. Es bekam die Hausnummer 217. Vater war der
gelernte Uhrmacher Albert Heinrich Friedrich Meyer, ein Sohn von der Kötnerstelle Nr.74 am Eichenweg. Von ihm wird, wie
schon beschrieben, angenommen, dass er seit seiner Heirat 1866 im Hause Nr.169 wohnte und nebenbei auch als Fotograf
gearbeitet hat. "Fritz Meyer, Uhrmacher und Photograph" liest man auf Rückseiten von Fotografien, die sich noch im Haus
befinden. "Uhrmakers Huus" nannte man in Martfeld den Neubau. Nach dem Tode der Eltern (um 1917) lebte hier "Uhrmakers Jan"
mit Pächtern bis 1941.
Erbin war 1920 die Schwester des Anbauers geworden, die älteste Tochter Mette vom Uhrmacher Meyer, die mit dem Bruder
ausgewandert war und in den USA den Sohn vom Stührnachbarn Christian Schmidt geheiratet hatte. Sie kam als Witwe mit ihrer
Tochter Lilly nach Martfeld und sollte für den Bruder Jan sorgen. Sie starb 1924. Lilly Schmidt heiratete 1922 den Musiker
Bohlmann in Bruchhausen, ist aber 1927 auch schon verstorben. Tochter Dora aus dieser Ehe heiratete 1951 Hannes Wolf Nr.
207. Sie übernahmen das Haus auf dem Stühr mit den Ländereien, jetzt wohnt Witwe Dora Wolf mit Sohn Horst und Familie im
Hause Nr.217) (Bruchhauser Straße 42).
1899 war nun nach 40 Jahren diese Straßenseite mit sechs Anbauern in einer Reihe ausgefüllt. Auf der Gegenseite wohnten die
Schmidts, der Müller und die Königs in einem nachbarlichen Dreieck. 1901 gesellte sich ein neues Haus hinzu. Der Bauplatz
lag hinter dem Graben, zur Rüümste hin und den Nordhausen Nr.162 schräg gegenüber. Er war wohl eine Mitgift der jungen
Ehefrau. Der Viehhändler Johann Hermann Ehlers, dessen Vater Interimswirt auf dem Halbmeierhof Nr.110 war, heiratete 1900
eine Tochter vom Vollmeier Scholen - Niebuhr (Nr.82). Sie bauten ein massives Haus und betrieben eine kleine Landwirtschaft.
Die 219 wurde ihre Hausnummer.
Vier Kinder wurden geboren, aber sie verloren bald ihre Mutter durch Lungenentzündung und wuchsen danach in der
Verwandtschaft verteilt auf. Vor dem 1. Weltkrieg verstarb auch der Vater Ehlers. Die Vormünder verkauften sein Haus.
Die verwaiste Stelle übernahm Ernst Niebuhr, der Stall und Scheune hinzu baute. Die kleine Landwirtschaft reichte nicht zum
Leben, so betrieb er auch Viehhandel und nach ihm sein Sohn Dietrich. Aber weit mehr wurde Ernst Niebuhr als
Tierheilpraktiker zum erkrankten Vieh gerufen. Kundig und erfolgreich heilte er mit Hausmitteln und war preiswerter als der
Tierarzt.
Nun hat sein Enkel, der Erbe, das Haus an Guido Bormann verkauft, der von der Stelle Höpers - Schwecke Nr.143 stammt
(Bruchhauser Straße 45).
Nach 1901 sind wieder einige Jahre ohne einen neuen Stühranbau vergangen, obwohl von 1881 bis 1914 55 neue Hausstellen in
Martfeld entstanden sind. Ab 1906 bis 1910 wurde es auf dem Stühr sehr rege mit sechs Anbauwilligen. Genau mit dem Datum
13.08.1906 steht der Neubau Nr.227 im Brandkataster des Heinrich Nordhausen vermerkt. Ein solides, massives Haus hat er
mit seinen Geschwistern an der Kleinenborsteler Grenze, der Rüümste, wo damals der Kirchweg in die Landstraße mündete,
aufgebaut. Die Geschwister Nordhausen von Nr.162 waren mit "Money" aus Amerika heimgekehrt. Ob das Bauland und der Acker
vom verpachteten Elternhaus übernommen wurde, ist nicht bekannt. Das neue Haus hatte Diele und Ställe für etwas Vieh und
Platz für Heu und Korn, dazu schöne Räume zum Wohnen. Die Geschwister wollten nach den arbeitsreichen Jahren in den USA im
wohlhabenden deutschen Kaiserreich geruhsamer leben. Mit einen, Krieg, acht Jahre später, hatten sie nicht gerechnet. Dem
Kriegsdienst sind die Brüder mit List entgangen. Später war die resolute Becka, der "Boss" der Familie, sogar zu Fuß und
per Bahn zu Hitler nach Berlin unterwegs, weil ihr eine seiner Verordnungen nicht passte. Ihre Wunderlichkeiten entschuldigten
die Geschwister mit den vielen Sonnenstichen die sie "drüben" bei den "Indianern" erlitten hätten. Die betagte Becka lebte
als letzte mit Mietern im Hause. 1966 verkaufte die Nichte das Haus an die Mieter Albert Pietsch und Frau, die hier 30
Jahre wohnten. Nach deren Tode 1995 erwarb es Karl Heinz Hübner von ihrem Sohn (Bruchhauser Straße 59).
Die folgende Hausnummer 228 erhält am 18.07.1907 der Nachbar. Zimmermeister Dietrich Brinkmann hat ein Fachwerkhaus errichtet.
Das steht nun auch auf der "Rüümste", aber von der Senke nach Nordhausens Nr.227 am Stührende. 1910 musste die junge Familie
Brinkmann erleben, dass ihr Haus einige Tage nach Pfingsten durch Blitzschlag abbrannte. Das Neue wurde massiv so wie es
heute noch dasteht, aufgebaut. 50 Jahre lebte und wirkte Zimmermeister Dietrich Brinkmann auf seiner Anbauerstelle. Er war
ein Sohn aus der 2. Ehe des Altzimmermeisters Johann Heinrich Brinkmann, der ein goldenes Handwerksjubiläum erlebt hatte.
Dietrich Brinkmanns ältester Sohn Heinrich wurde Klempner mit Geschäft im Hause. Er überlebte seinen Vater nur sechs Jahre.
Heute bewohnt dessen Tochter Ilse mit Ehemann Joachim Hoffmann das Haus (Bruchhauser Straße 53).
1907 war ein reges Baujahr in Martfeld. Die Molkerei Dethlefsen (Nr.229) wurde im April errichtet.
Auch der Böttcher Hermann Bremer, der aus der Heide von der Anbauerstelle 135 stammte, hatte Bauland von Peper - Meyers
Nr.18 gekauft. Das lag in der Kurve den "Olen Brämers" gegenüber. Zum Wohnen wollte er das abgetragene Stubbesche
Fachwerkhaus, das in Bruchhausen schon als Sparkasse diente, mit einer Werkstatt für die Böttcherei, wieder aufrichten. Um
diese Zeit wohnte er mit seiner Familie in Sollers Häuslingshaus in Rippen Sünder. Danach bekam er ein Eigentum mit der
Hausnummer 231.
Drei Generationen Bremer haben das Böttcherhandwerk erlernt. Das Werkzeug ist noch vorhanden. Noch heute spricht man von
ihnen als "die Küpker Brämers", obwohl sich der Sohn Johann Bremer nach dem 1. Weltkrieg den mechanisierten Gegenständen
zuwandte Zentrifugen, Nähmaschinen und immer mehr die Fahrräder lösten die weniger gefragte Holzarbeit ab, weil das
Blechgeschirr aufkam. Neben Verkauf standen bald die Reparaturen an. Das hat dessen Sohn Johann Bremer noch im Ruhestand
beibehalten, der sich aber nach seiner Böttcherlehrzeit einen besser bezahlten Beruf in der Holzbranche in Bremen gesucht
hatte (Bruchhauser Straße 21).
Zwischen dem Schmidt'schen Grundstück (Nr.151) und der Kackebartschen Wiese vor dem Graben, die später hinzu gekauft wurde,
fand der älteste Brinkmannsohn aus erster Ehe, Heinrich, einen Bauplatz. In den baufreudigen Kaiserjahren hatte er als
Zimmermann genug verdient, um 1907 mit der Familie aus dem Häuslingshaus Nr.1a in sein neu gemauertes Haus Nr. 233 längs
der Landstraße zu ziehen. Ein wenig Land, auch eine Wiese, gehörten zur Selbstversorgung der Handwerksberufe. Ohne ein
milchgebendes Stück Vieh lebte vor dem ersten Krieg keiner auf dem Stühr. Hier gehörte zu einer Ziege schon eine Kuh.
Heinrich Brinkmann und Frau mussten 1916 den Verlust des Sohnes durch Kriegsverwundung hinnehmen. Ihre Tochter heiratete
1922 Heinrich Wolters (Nr.144). Enkeltöchter kümmerten sich später um die alternden Alleingebliebenen. Mieter waren nach
ihrem Tod im Hause. Ab 1995 übernahm die Urenkeltochter Kristina Lackmann das Anwesen und heiratete 1998 Jan Hattermann
aus Holtum (Bruchhauser Straße 39).
1909 wollte auch der dritte Zimmermann ein Haus auf dem Stühr haben. Wilhelm Brinkmann, der jüngste Bruder, nahm eine Frau
aus dem Hause Meyer Nr.33, und die Schwester heiratete dorthin. So gab es viel Verwandtschaft in diesem Ortsteil. Zwischen
der Hausnummer 203, wo der Name Brinkmann schon verschwunden war, und Höper - Schwecken Anwesen lag der neue Bauplatz und
füllte diese Lücke aus. Massiv erbaut ist das Haus Ende 1909, 1910 war es feuerversichert mit der Nr.239. Ebenfalls gehörte
Land für etwas Ackerbau zu der Haustelle.
Nach 30 Jahren gutem Fortkommen griff das Schicksal auch bei diesem Brinkmann hart zu. Das einzige Kind, ein Sohn 1911
geboren, kam nicht aus dem 2 Weltkrieg heim. 1960 nahmen die alternden Eltern ihren Neffen Dietrich Meyer ins Haus, der
eigentlich der Erbe vom Brinksitz Nr.33 war. Sie verstarben beide 1961. Dietrich Meyer heiratete Alma Stüve. Der jüngste
Sohn Dirk wohnt nun mit Familie im Haus Nr.239 (Auf dem Stühr 3). 1910 erfolgte der letzte Anbau vor dem Kriege im "neuen"
Stühr, der inzwischen allgemein zum Ortsteil "Up'n Stühr" geworden war. Johann Semsrott, jüngster Sohn vom Halbkötner
Semsrott Nr.3 (alter Stühr!!) und Sophie Soller von der Gaststätte Soller wollten heiraten. Die Elternhäuser gaben Land für
einen Bauplatz und Acker für die Existenz. Das Haus Nr.243 wurde das letzte an der Landstraße gleich hinter den alten
Nordhausens Nr.162.
Dieser Neubau hat einen auffallend größeren Hof und Vorgarten bekommen, als alle anderen Anbauer zuvor. Bei der Bauart jener
Jahre lag die Dielentür an der Querseite des Hauses, und der Flur bekam einen separaten Eingang zum Garten. Viele zweiflügelige
Fenster mit Oberlicht erhellten die Wohnräume. An Martfelds südlichen Ortseingang präsentierten 1910 die drei ersten Häuser
solche moderne Bauweise.
Zwei Generationen lang betrieben die Semsrott Landwirtschaft in kleinem Stil und Viehhandel als Nebenverdienst. Die dritte
Generation wollte hier nicht leben. Sie verkaufte einige jahre vor der Jahrtausendwende Haus und Grundstück an Familie
Jänsch. (Bruchhauser Straße 52)
Erst nach der Inflation 1923 begann ein neues Bauen. 1914 hatte Händler Ehler Clausen Haus Nr.249 an der Ecke Hauptstraße /
Göselake gebaut. 1924 wurde Fritz Ehlers (Holzmaase 25) mit Nummer 250 der erste Anbauer nach dem Krieg in Martfeld. Das
nächste Haus entstand 1924/25 in den Möhlenbraken, halb zum Stühr hin, halb zu den Anbauern von 1866, Nr.176 und Nr.177,
an der Pastorenkuhle am Weg nach Hollen. Vor den Wiesen der Kuhle bekam 1924 Friedrich Meyer vom Elternhof Lütmanns - Meyers
Nr.105 Bauland und Acker. 1925 konnte er mit seiner Familie in das Haus Nr.251 einziehen. Sie hatten seit 1915 auf dem
Brinksitz Nr.70 gearbeitet und gehofft, den zu erben. Das war zerschlagen. So wurde in Eile ein neues Unterkommen geschaffen.
Lütmanns wurde auch hier ein Hausname. Tochter und Sohn heirateten im und nach dem 2. Weltkrieg auf andere Stellen. Das Haus
wurde nach dem Tode der Eltern vermietet, das Land vom Sohn zu seiner Stelle Nr.144 übernommen. Zurzeit wohnt der Urenkel
des Anbauern, Stefan Fründt, noch im Hause Möhlenbraken 13.
An der Landstraße lag zwischen der Senke nach dem jetzigen Hankelshaus und den "Küpker Brämers" noch ein Stück Land vom
Halbmeier Peper - Meyers Nr.18. 1926 baute der Besitzer selbst ein kleines Haus mit Stall darauf Nr.254, und hoffte, der
neue Tierarzt Röttinger würde es mieten. Dieser bevorzugte aber das leere Haus Nr.209 gegenüber der späteren Molkerei. Nun
wies die Gemeinde den Ortsgendarm Köhler, der mit seiner Familie beim Bäcker Knirsch zur Miete wohnte, hier ein. Der Stall
war passend für sein Reitpferd. 1937 verstarb der Gendarm Leutnant Friedrich Köhler. Ehefrau und Sohn bauten 1939 ein
eigenes Haus.
Bis 1980 haben nacheinander und miteinander viele Menschen, eingewiesen oder als Mieter; im Hause Nr.254 gewohnt. 1980
kauften Horst Meyer und Frau aus Gandesbergen es mit dem Grundstück (Bruchhauser Straße 19) 1932/33 gesellte sich in den
Möhlenbraken zum Anbauer Friedrich Meyer Nr.251 der Tischler Heinrich Bremer mit Familie, ein Sohn aus der Böttcherei
Bremer. Mit Hilfe seines Bruders Johann stellte er hier die abgebrochene Fachwerkscheune von Thoms - Meyer in Spraken zum
Wohnhaus mit Werkstatt auf. Es wurde die Hausnummer 262. Beide Möhlenbrakenhäuser haben die damals modern gewordenen
Veranden vor den Flureingängen stehen.
Sohn Wilfried Bremer aus der zweiten Ehe des Erbauers, der 1944 nicht aus dem Krieg heimkehrte, wohnt heute hier mit seiner
Frau Margret (Möhlenbraken 14).
Wie schon angedeutet, bauten 1939 Frau Emma und Sohn Fritz Köhler ein Haus. Sie wollten auf dem Stühr bleiben und kauften
dafür einen Platz bei Bremers Nr.152. Das neue Haus erhielt die seit dem Brand 1881 vakante Nummer 35. Die Erben, Witwe
Ursel, Sohn Friedrich Köhler und Frau, vergrößerten das sehr kleine Haus in den 90er Jahren für ein besseres Wohnen im
Alter. Vielleicht haben sie dann viel neue Nachbarschaft im Blick zum schönen Rippen Sünder (Bruchhauser Straße 22).
Vor 45 Jahren genehmigte man noch einen Stührneubau. Zimmermann Dietrich Brinkmann von Nr.228 errichtete ihn 1959 auf dem
hinteren Grundstück seines Vaters Dietrich, als er heirateten wollte. Er erhielt die Nr. 275. Dietrich Brinkmann zimmerte
und arbeitete mit Holz bis zu seinem Tode 1987. Zwei Söhne erlernten das Maurerhandwerk, Kurt wurde Zimmermann und ist jetzt
der letzte Brinkmann auf dem Stühr (Bruchhauser Straße 51).
Obwohl es kein "neuer" Stühr ist, sei angefügt, dass der Heimatvertriebene Gerhard Schewe 1966 mit seiner Schwester das
Häuslingshaus Nr.1a kaufte. Erst 1972 bewohnt er es acht Jahre lang mit seiner Frau Martha Schmidt (von Nr.182), die dort
als Witwe lebt (Bruchhauser Straße 14).
1826 - 1959. Das sind 133 Jahre Anbau auf dem neuen Stührteil, mehr als vier Generationen. Für die ausgesiedelten Höfe ging
das Leben in gewohnter Weise weiter. Für die Neubauern mit großen Familien reichte der Ertrag ihrer Stellen selten zum Leben.
Das Tagelöhnern half zum Auskommen. Für die Feldarbeit konnte ein Gespann durch Gegenhilfe ausgeliehen werden. Schneidern
und Schustern war ein Nebenerwerb, der in den kleinen Stuben ausgeübt werden konnte. Das ersparte eine Werkstatt mit Lampe
und Ofenheizung. Das Familienleben konnte nebenbei stattfinden.
Ein bisschen Land für Brotkorn, Kohl und Kartoffeln und anderes Gemüse, sowie Obstbäume, besaß jeder Anbauer. Dazu Hühner
und Gänse, denn ein kleiner Grasort lag meist neben jedem Hause.
Die anspruchslosen Ziegen fanden auch an Wegrändern Nahrung. Sie waren wichtig wegen der Milch und Butter und darum auf
jeder kleinen Anbauerstelle zu finden. Zur Zucht gehörte ein gekörter Ziegenbock, dessen Halter die Gemeinde bestimmte.
Diesem war das Deckgeld eine Nebeneinnahme. Wer schon eine Kuh besaß, hielt sich dazu eine Ziege für die Trockenzeit der
Milchgeberin. Ein Schwein zum Schlachten wurde hauptsächlich mit Abfällen gefüttert.
Als die Nachfrage nach Ferkeln für die Mastställe größer wurde, standen auch auf dem Stühr bald kleine Koben für Sauen auf
dem kleinsten Hofplatz. Das war ein Zuverdienst, wenn die Aufzucht gelang. Dazu war ein Eber nötig. Lange Jahre waren die
Brinkmanns Nr.134 die Halter und hießen zum Unterscheiden der vielen gleichen Namen "Beer - Brinkmanns"
Wenn sich auch einige der Kleinbrinksitzer nach Jahren besser standen, als manche der höheren Höfeklassen, war es allgemein
zum Wohlhabensein zu wenig. Wer sich mehrere Kühe hielt, spannte sie vor Pflug und Wagen oder lernte einen Ochsen dafür an.
Damit war der Kleinbauer unabhängiger und nutzte das Vieh doppelt. So ein Gespann sah man noch vor gut vierzig Jahren auf
dem Stühr zum Acker fahren.
Mit der Straßenbepflasterung 1872/75 kam der fortschritt. Endlich konnte man auf festem Boden weite Fahrten unternehmen.
Heute kann sich ein junger motorisierter Mensch überhaupt nicht vorstellen, wie schwierig das Fortkommen einst auf den
schlechten Wegen war. Nur langsam kam ein Fuhrwerk voran. Zur Zeit der Stührentwicklung waren Pferde-, Kühe- und
Ochsengespanne mit den Ackerwagen neben Reitern und Fußgängern die Straßenbenutzer. Mit den festen Straßen kamen neue
Fahrzeuge auf das Land. So gab es auf Höfen mit Pferden die leichten Kutschwagen für Behörden- und Ausfahrten. Zu den
Kutschen gehörte ein Extra - Pferdegeschirr. Die Anfertigungen förderten sehr das Handwerk der Rademacher, Schmiede und
Sattler. Auch die neuen hohen Zweiräder sah man im Dorf auf den Landstraßen, die sich zur Jahrhundertwende zu unseren
vielgebrauchten Fahrrädern entwickelten.
Das Baugewerbe blühte auf. Maurer, Zimmerleuleute. Dachdecker. Maler, Glaser und Tischler waren gefragte Leute in der
"guten" Kaiserzeit. Das ging auch nicht an dem neuen Stühr vorüber. Man kann nur staunen, was für Handwerke und
Beschäftigungen, manche allerdings auch in Doppelfunktion, sich in diesem kleinen Ortsteil entwickelten und die Menschen
besser leben ließen. Neben den Landwirten gab es auf den 34 Stellen (vielfach noch vor sechzig Jahren) locker aufgezählt:
Maurermeister, Hausschlachter, Fleischbeschauer, Schneider, Schuster, Uhrmacher, Fotografen. Es gab Zimmerleute, Stellmacher,
Rademacher, Tischler, Sattler und Böttcher.
Da waren ein Fuhrbetrieb, eine Sägerei, ein Zentrifugen- und Nähmaschienenhändler, Fahrradhandel und -flickerei und ein
Klempner. Der Müller mit seiner Mühle gehörte dazu, sowie ein Briefträger, Kirchendiener, Kuhlengräber, Butterhändler,
mehrere Viehverkäufer und ein Tierheilkundiger. Der Ortsgendarm wohnte auch auf dem Stühr. Natürlich arbeiteten sie nicht
nur für die Menschen hier, aber alle waren sie nötig für ein reges dörfliches Leben. Die Frauen versorgten Haus und Vieh,
erledigten viel Feldarbeit, wenn die Männer beschäftigt waren So ging alles Hand in Hand. Frauen nähten auch Kleider für
Kundschaft, und manche Witwe fand so ihr Auskommen.
Nur eine Schmiede gab es nicht in Martfelds neuen Ortsteil und keine Gastwirtschaft und keinen Ausschank. Da lag
Benoren - Sollers Gasthaus nicht weit entfernt, um an Schluck und Bier zu kommen. Da wurde nicht nur das Wiegen bei der
Viehablieferung zu einer feuchten Heimkehr.
Einige Jahre nach dem zweiten Weltkrieg erweiterte sich das Leben hier noch mehr, als nach der Straßenpflasterung 1875.
Nicht nur die Vertriebenen und Flüchtlinge, die auf dem Stühr untergekommen waren, fanden Arbeit im Aufbau. Auch die
einheimischen jüngeren Ehemänner suchten in bremischen Betrieben oder in anderen Werkstätten eine gut bezahlte und
altersversicherte Existenz. Als die Ernährung immer besser wurde, waren die Ehefrauen daheim nicht mehr bereit für das noch
gehaltene Vieh zu sorgen. Oft verdienten sie selbst bald Geld hinzu und konnten genug Lebensmittel kaufen. So kam es auf dem
nun 175 Jahre alten "neuen" Stühr allmählich zu den anfangs beschriebenen Veränderungen der Häuser und Vorhöfe.
Charlotte Homfeld
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Die dritte Schule in Martfeld
Im Dezember 1868 fertig gestellt / Januar 1956 Betrieb eingestellt
33.18
Diese Schule existierte von Januar 1869 bis zum Unterrichtsbeginn der neugebauten Mittelpunktschule ab Januar 1956, im jetzt
total veränderten Hause Kirchstraße 9 - Ecke Alter Schulweg.
Das Gebäude - im Dezember 1868 fertig gestellt - hat eine langwierige Entstehungsgeschichte.Das Zustandekommen des dritten
Unterrichtsortes für die Kinder der unteren Klassen aus Martfeld, Loge und Tuschendorf erklären Auszüge aus den Akten des
Staatsarchives Hannover (Hann. 74 Bruchh. 821), wo auch die Baupläne liegen. Die Bitte um die Einrichtung einer dritten
Schulstelle geht vom damaligen Pastor Stißer am 22. Dezember 1854 an den Drosten von Honstedt in Hoya und den Superintendenten
Hüpeden in Vilsen.
Der Termin für einen Beschluss wird auf den 11.Januar 1855 anberaumt (hierzu eine Anmerkung:Nach Erlass des Hannoverschen
Volksschulgesetzes vom 26. Mai 1845 bekommen Lehrer jetzt ein Gehalt und ab 14. Oktober 1848 mußten Schulvorstände gewählt
werden, die mitbestimmen konnten). Der in Martfeld gewählte Schulvorstand findet eine dritte Schulstelle und einen dritten
Schulgehilfen nutzlos wegen der vielen Auswanderungen nach Amerika. Eine Sommerschule würde genügen. Dabei hat die erste
Schule im Kantorhaus von Ostern 1855 bis Ostern 1856 154 Schüler, davon 80 von Grundbesitzern, 74 von Häuslingen. Die zweite
Schule hat 140 Schüler, 69 von Grundbesitzern, 71 von Häuslingen.
Lehrer der ersten Schule ist Küster Eduard Günther. An der 1787 gebauten zweiten Schule unterrichtet seit 1849 Lehrer
Heinrich Masemann (Anmerkung: Der Stand der Unterrichtenden ist um diese Zeit selbstbewußster geworden. Die "Schulmeister"
heißen jetzt "Lehrer" und aus dem "Küster" wurde ein "Kantor" - nach Belieben). Pastor Stißer, gleich Küster Günther seit
1844 in Martfeld, ist 60 Jahre alt. Er kämpft unverdrossen für die Verbesserung des Schulunterrichtes der Kinder.
Auf einem Schriftstück vom 30. Mai 1856 sind die Namen des Schulvorstandes durch Unterschriften zu erfahren: Brinksitzer
H. Rosenhagen (Martfeld Nr.73), Eggekötner J. H. Steinhardt (Martfeld Nr.17), Kötner J.D.H. Meyer (Martfeld Nr.74),
Brinksitzer J.H.Köster (Loge Nr.8) und Brinksitzer Conrad Asendorf (Tuschendorf Nr.7). Dazu Pastor Stißer, der neue Kantor
und Lehrer Karl Kramer, Lehrer H. Masemann und Köster, Vorsteher in Loge, haben unterschrieben.
Schulvorstände dürfen keine Beschlussnahmen der Behörden ablehnen, werden sie am 28. Juni 1856 belehrt. Am 5. August 1856
muss Pastor Stißer dem Drosten von Honstedt mitteilen: Der Schulvorstand halte eine dritte Schule nicht für nötig. Die
Gemeinde sei nicht wohlhabend. Küster Günther sei verstorben und sein Nachfolger ein kräftiger junger Mann.
Am 23. Januar 1857 hat Pastor Stißer einen Vorschlag für die dritte Schule. Es ist eine nahe beim Pfarrhaus liegende
Anbauerstelle, dessen Besitzer auswärts wohnt. Für Gebäude und etwas 1? Morgen Land (Garten) wären 800 Reichstaler nötig
und für den Umbau noch einmal so viel. Der neue Superintendent Apel in Vilsen schreibt, man wolle es sich ansehen.
Der Schulvorstand weigert sich im Juli 1857 noch immer gegen den Bau einer dritten Schule und hat den Widerwillen der
Gemeinde hinter sich. Es sind jetzt insgesamt 244 Kinder zu unterrichten.
1865 werden dritte Schulen gesetzlich angeordnet. In Martfeld plant man sie eventuell mit Hustedt zusammen zu legen, aber
man befürchtet, dass bald eine vierte Schule nötig sei. Im November 1866 ist zu lesen: "Der Bauplatzkauf geht zögernd voran.
Am 7. November wird man sich endlich mit dem Brinksitzer Dietrich Heinrich Martfeld Meyer (Nr.95) über ein Stück Land für
100 Reichstaler courant einig, die Weihnachten 1866 zu bezahlen sind". Der Platz vor dem Kantorhaus liegt günstig.
Am 4. Dezember 1866 ist der Bauplan fertig und 1867 wird mit dem Bau begonnen.
Pastor Stißer hat seines Alters wegen seit 1865 den Kollaboratoren (Hilfsgeistlichen) Pastor Witzel zur Seite. Er ist bis
1869 in Martfeld tätig und wurde der Schwiegersohn von Pastor Stißer. Er hat die Pläne und Zeichnungen der dritten Schule
unterschrieben, wie auch die Rechnung der Bausumme, die mit 1.500 Reichstaler veranschlagt, aber 558 Reichstaler höher
ausgefallen war.
Am 8. Dezember 1868 ist der Bau beendet und am 22. Dezember findet die Abnahme des einklassigen Gebäudes statt. Im
Brandkataster steht es ab 1869 als die Hausnummer 179 in Martfeld feuerversichert. Es hat im selben Jahr schon das
Fachwerkhaus Nr.180 mit einem "Tanzsalon" zum Nachbarn, dessen Anbauer Kaufmann Wilhelm Diers ist.
Im Januar 1869 ist der Unterrichtsbeginn in der dritten Schule. Pastor Twele hat den Termin in seiner Martfelder
Heimatchronik zu Pastor Hartmanns Zeiten (1875 - 1881) angenommen und das wahrscheinlich mit dem geplanten Schulneubau in
Kleinenborstel verwechselt, denn der erste Lehrer wurde 1869 Heinrich Wetterhoff. Laut Kirchenarchiv ist er schon im
September 1870 nach Linden / Hannover versetzt worden. Bei der Martfelder Kirchenvisitation in diesem Herbst wird er sehr
gelobt. (Anmerkung: Da den Lehrern seit 1845 ein Mindestgehalt zusteht, gehört kein Land zur Selbstversorgung zum neuen
Schulhaus).
Der zweite Lehrer ist im Oktober 1870 der bisherige Seminarist Carl Ludwig August Küker geworden, vermerkte Superintendent
Apel, Vilsen. 1876 ist im Juli die Stelle vakant. Dritter Lehrer wird am 28. September der Seminarist Friedrich August
Rodewald, danach in Hankesbüttel, Amt Isernhagen tätig. Vierter Lehrer ist 1881 der Schulamtsaspirant Ernst Ludwig
Ferdinand August Ebeling, danach in Lerbach im Harz, berichtet Superintendent Meyer, Vilsen. Im November 1885 übernimmt
Georg Louis Friedrich Willi Bleckwenn die dritte Schule. Er wird 1893 bis nach 1900 Nachfolger von Georg Heinrich Christian
Johann Masemann auf der zweiten Schulstelle. Weiter haben laut Pastor Twele die Herren Hachmeister, August Harms, Karl
Brennecke, Karl Peters (er kam 1900 und blieb bis zur Pensionierung 1946 im Martfelder Schuldienst), Ernst Küz, Georg
Backhaus, Fritz Hoff, Ernst Lürßen, Fischer, Richard Alms und Wilhelm Siegmann (ca. 1929 - 1934) in dem erstgebauten Raum
der dritten Schule unterrichtet.
1886 / 87 wurden die Büngelshauser Kinder nach einem Prozess der Eltern um den Hustedter Schulneubau von der bisher dort
besuchten Schule genommen und gehörten nun zum Schulverband Martfeld - Loge - Tuschendorf. 1890 / 91 wird eine vierte
Klasse ostwärts an das zwanzig Jahre alte Schulhaus gebaut. Die Namen der Unterrichtenden dieser vierten Klasse sind in
Tweles Heimatchronik Martfeld von 1891 bis zum 01.01.1929 - seinem Ruhestande - vermerkt und lauten: Hachmeister,
Marquard, Thoms, Karl Peters, Georg Oberbeck, Krauß, Bernhard Meyer, Hermann Brandt, Karl Bolte, Fritz Helfers, Erwin
Schelm (Anmerkung: Er blieb, wie Karl Peters, bis zur Pensionierung am 1. Oktober 1955 als Lehrer in Martfeld), Fräulein
Welde, Ernst Mund. Am 3. November 1895 ist Gustav Twele als Pastor nach dem Tode von Carl Dürr (03.11.1894) und dem
Pfarrvakanzdienst des Hilfspredigers Hermann Hothmer nach Martfeld gekommen. Die Geistlichen hatten den Vorsitz im
Ortsschulverband inne, der ihnen ab 1919 / 20 entzogen wurde. Schon seit 1908 waren die Mitglieder des Kirchenvorstandes
nicht mehr die des Schulvorstandes. Diese wurden von der Gemeindevertretung auf sechs Jahre gewählt.
1918 wurde wegen großer Schülerzahl eine fünfte Schulstelle mit Lehrerinnen eingerichtet. Der Unterricht der Schulanfänger
fand im Konfirmandenhaus statt, das an der Grenze des Küsterhofes am Garteneingang zum Pfarrhaus bis 1982 stand. Im Kriege
1914 / 18 diente es als Gefangenenlager. Es muss im April 1918 aber schon geräumt gewesen sein, denn Pastor Twele gibt
genaue Daten der Damen an: 01.04.1918 - 01.01.1923 Fräulein Marie Greve, 01.01.1923 - 1927 Fräulein Grete Bergmann, ab
1927 Fräulein Emmy Flohr, die bald zur dritten Schule bis zu ihrer Pensionierung 1937 kam. Sie wohnten jeweils über dem
Schulraum im Kantorhaus. Auch in der dritten Schule gab es Wohnungen für ledige Lehrkräfte, aber keiner weiß namentlich
einen Lehrer als Bewohner, sondern erinnert sich an Charlotte Schulze, 1864 geboren. "Tante Lotte" oder "Messer und
Gabel - Lotte" genannt, weil sie die Bestecke zu Familienfeiern auslieh, abwusch und putzte. Am 1.Oktober 1928 erhielt
Karl Peters, seit 1925 an der zweiten Schule, die Hauptlehrerstelle mit Wohnung im Kantorhaus nach Rektor Stolle, Weil die
Schülerzahl geringer geworden war, wurde die fünfte Unterrichtsstelle im Konfirmandenhaus aufgegeben. Somit entfiel auch
der Rektorposten für Stolles Nachfolger. Der am 08.04.1877 geborene Karl Peters hat zwei Schwestern aus dem Kaufhaus von
Engeln Nr.180 nacheinander geheiratet und blieb wegen der Lehrerknappheit im 2. Weltkrieg bis zum Frühjahr 1946 der
Schulleiter. Betreut von der dritten Tochter von Engeln, Frau Eggerking, stirbt er am 31.0.1947 in Kantorhaus.
1934 ist Rudolf Bode nach Wilhelm Siegmann als Hilfslehrer zur dritten Schule gekommen und wird nach dem zweiten Lehrer bis
1956 Lehrer der vierten Klasse. Wegen seiner langen Tätigkeit dort nennen einige ehemalige Schüler die dritte Schule
"Bode - Schule" zum Unterschied der "Peters-" und "Schelm Schule". Der behördliche Begriff erste, zweite und dritte Schule
ist in Martfeld fast unbekannt.
Auch Rudolf Bode wird zu einem Einheimischen durch seine zweite Heirat mit einer Martfelderin und beendet seine Laufbahn
in der Mittelpunktschule als Schulleiter bis zur Pensionierung 1971. Seine Biografie ist im Band IV der HVV Schriften zu
lesen. Im Konfir- mandenhaus wurde vor dem 2. Weltkrieg eine Kindergartengruppe eingerichtet. Zwei Betreuerinnen teilten sich
die Arbeit. Mit Luise Meisner aus Achim fand Rudolf Bode seine erste Frau und heiratete sie 1939. Sie starb vor seiner
Heimkehr aus dem Krieg. Zwei Söhne verloren die Mutter.
Nach Fräulein Flohrs Fortgang waren ab 1937 ein Fräulein Keseling, ein Fräulein Weger und ein Fräulein Adicke Lehrerinnen
in der dritten Schule für die jüngeren Schüler. Als Rudolf Bode 1940 zum Kriegsdienst eingezogen wurde, holte man die
ehemalige Lehrerin Fräulein Grete Bergmann für diese Aufgabe zurück. Die Kriegsverhältnisse brachten ein Fräulein
Margarethe Saalmann, über fünfzigjährig, nach Martfeld (um 1943). Sie vertrat Bode in der vierten Klasse. Nach dem Krieg
hatte sie bis 1949 die dritte Klasse. Sie erkrankte an Krebs und starb 1952. Ihre Wohnung war ab 1945 im Küsterhaus über
dem Schulraum.
Das Kriegsgeschehen gestaltete den Unterricht schwieriger und wurde 1945 durch viel Luftalarm gestört. Die größeren Kinder
freuten sich, wenn der Unterricht ausfiel und sie in anbefohlenen Schutzraum, dem Schuppen beim "Großen Müller" in der
Verdener Straße, toben konnten. Die drei Schulen in Martfeld blieben beim Kriegsende heil, litten aber unter verschiedenen
Einquartierungen. Die Besatzer erlaubten keinen Unterricht vor einer Entnazifizierung der Lehrerkräfte.
Im Oktober 1945 durfte der Lehrerbetrieb in Martfeld wieder beginnen. Rudolf Bode erhielt die vierte Klasse der dritten
Schule bis zum Umzug zur Mittelpunktschule 1956. Eine Einschulung hatte 1945 nicht stattgefunden. So kam eine große Schar
Schulanfänger im Frühjahr 1946 zur Einschulung, so dass der Konfirmandenraum wieder aushelfen musste. Zu den einheimischen
Kindern gehörten in allen Jahrgängen nun auch die der Flüchtlinge und Vertriebenen.
Wilhelm von Hollen vom Hof Nr.50, vorher in Schlesien als Lehrer tätig, übernahm die erste Klasse. Lehrer und Kantor
Peters ging 1946 in den Ruhestand. In die überfüllt besetzte Küsterwohnung zog Ernst Frenz als Organist mit Familie ein
und bekam als Lehrer die zweite Klasse. Später unterrichtete er im Küsterhaus die fünfte und sechste Klasse bis 1956. Bis
zum Ruhestand 1960 wirkte er in der neuen Schule und musste dann seine Wohnung dem neuen Organisten Wilhelm Dams und
Familie überlassen. Erwin Schelm konnte auf der zweite Schulstelle bleiben und wurde 1946 durch Karl Peters Ruhestand zum
Schulleiter der drei Schulen bis zum 1. Oktober 1955, seinem Dienstende. August Behrens übernahm im Frühjahr 1956 diesen
Posten. Wilhelm von Hollen, 1904 in Martfeld geboren, hatte in Heinrichsdorf, Kreis Militsch, Schlesien, als Lehrer gewirkt
und nun die schwierige Aufgabe, mit kaum vorhandenen Unterrichtsmitteln der großen Schülerzahl Wissen beizubringen. Er hat
sich sehr bemüht und wollte sogar in der dritten Klasse, von sich aus, englisch unterrichten. Nach sechs Jahren in der
neuen Schule ging er 1958 aus Gesundheitsgründen in den vorzeitigen Ruhestand. Für die erkrankte Lehrerin Fräulein Saalmann
wurde am 1. Oktober 1949 die dreiundzwanzigjährige Käthi Frei aus Wilhelmshaven eingesetzt, die vor dem neuen Schulbau im
Gasthaus Soller Unterkunft fand. Nach über fünf Jahren Unterricht in der dritten Schule bleib sie bis zu ihrem Fortgang
1959 wegen ihrer Heirat in der Mittelpunktschule und bekam dort auch eine Wohnung. Die lebhafte junge Frau brachte frischen
Wind in den Schulbetrieb. Sie gründete einen Schulchor und unternahm viel mit ihren Schülern, von dem in den Ausgaben
Nr.19 - 21 in "Martfeld Live" berichtet wurde.
Im Januar 1956 begann der Unterricht und das Schulleben in den an der zweiten Schule an- und neugebauten Räumen am
Echterkamp und war damit im Kantor - Küster - Haus und in der dritten Schule beendete. Die Gemeinde bot nun Haus Nr.179 zum
Verkauf an. Der Fabrikant Dietrich von Hollen, Herford, wurde um 1957 der Meistbietende. Viele Umbauten mit wechselnden
Besitzern veränderten nach und nach das fensterreiche und profilstarke Haus zum nicht Wieder zu erkennen. Nichts, gar nichts
mehr erinnert an die ersten bis vierten Unterrichtsräume vieler Martfelder, Loger, Tuschendorfer und Büngelshauser Kinder.
Eine interessante Statistik bis 1956: In den 86 Jahren der dritten Schule gab es dort ca. 40 Schulamtsanwärter- und
Lehrernamen. Nur neun Lehrer waren in 180 Jahren in der zweiten Schule tätig und ca. 21 Küster/Lehrer seit 300 Jahren in
der ersten Schule.
Charlotte Homfeld
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Vom Handweben...
...und seinen Umständen
39.20
Zum Glück sind, wie beim Backofen heizen und Brot backen, immer noch Menschen da, die dies vorführen und somit alte
Traditionen nicht aussterben lassen, wie auch das des Webens mit der Hand nicht. Für sie ist es zwar meist ein Hobby, den
Umgang mit den alten Webstühlen zu erfahren, aber es ist bewundernswert, wie sie die alten Webmuster erhalten und aufleben
lassen und über das Weben Bescheid wissen.
Das Weben ist Kunst und Können. Dennoch haben die einfachen Leute auf dem Lande das ausgeübt und sich Routine angeeignet.
Sie bewerkstelligten seit Generationen die aufwendige Tätigkeit des bäuerlichen Webens zur Aussteuer der Töchter und für
den Hausgebrauch. Bis nach dem 2. Weltkrieg war eine standesgemäße Ausstattung der Tochter bei Verheiratung gesetzlich.
Neben Bargeld, Vieh und Hausrat war die Mitgift an Webwaren üblich, die eine Generation lang die Bedürfnisse eines
Haushaltes mit die eine Generation lang die Bedürfnisse eines Haushaltes mit Wäschestücken decken sollte.
Am 01.07.1958 beendete das in Kraft getretene Gleichberechtigungsgesetz zwischen Mann und Frau diese Elternpflicht. Nun
fuhren, wie einst, keine "Bettewagen" mehr durch die Lande und kein gefüllter Leinenschrank war am Hochzeitstag mehr zu
bewundern.
Im Krieg und in der ersten Nachkriegszeit kam das Weben wegen Material-, ja auch Raum- und Zeitmangel nicht in Betracht.
Es wurde aber ab und an mit guten Beziehungen und Flachsanbau möglich gemacht, weil die Haustochter unbedingt nach alter
Sitte "een vullet Linnenschapp" mit in die Ehe bekommen sollte.
Die Webereien versuchten ihre Betriebe zu erhalten, es entstanden sogar neue, die auch Kurse in Scheren und Weben gaben.
Frauen und Mädchen fingen vereinzelt an, wieder für diese Betriebe oder Kaufhäuser im Auftrag zu weben. Das ergab ein Zubrot
und konnte manchmal einen Raum von einer Belegung mit Flüchtlingen und Vertriebenen frei halten. Aber erst die Währungsreform
im Mai 1948 brachte Aufschwung. Doch nach und nach legte sich das Interesse am Handgewebten. Man aß lieber von blanken
Tischen mit Sets, das sparte Wäsche und Heißmangel. Die wertvolle handgewebte und umhäkelte Tischdecke aus Großmutters
Zeiten blieb im Schrank.
Viele Leinenschränke auf den Bauernhöfen, die den Krieg überstanden haben, sind dennoch mit Webschätzen vergangener
Generationen gefüllt, die nicht verbraucht worden sind. Es standen und stehen auf den Fluren und Dielen mancher Häuser
mehrere solcher Schränke, weil die Tochter, oder Töchter, nicht geheiratet haben. Manchmal geschah das in jeder Generation.
Wenn "die Tante auf dem Hof" ihre Mitgift nicht zu Lebzeiten verschenkte, blieb sie nach ihrem Tode auf der Hausstelle.
Oftmals kam durch eine zweite Ehe eine neue Aussteuer zu diesem Vorrat. Dagegen konnte es in anderen Häusern mit vielen
heiratswilligen Kindern damit knapp sein.
Manches Stück aus den Schränken ist sicherlich nach dem Krieg zum Tausch von Gegenständen verwendet worden, mehr oder
mindert notwendig, die nicht für Geld zu kaufen waren. Es blieb dennoch genug an Vorräten, um die einstige Webkunst in
seiner Vielfalt verfolgen zu können.
Nicht in diesen Schränken aufbewahrt wurde das Zeug der Oberbekleidung für Männer und Frauen, auch Kinder, das früher fast
nur selbst gewebt wurde. Es handelte sich nicht um feines Tuchgewebe aus Kamm- und Streichgarn, was Tuchmacher in den Städten
im eigenen vornehmen Gewerbe herstellten. Auf dem Lande brauchte man derbe, strapazierfähige Kleidung für den Alltag aus
Drell oder Drillich, das sind dichte kräftige festgewebte Stoffe aus Baumwolle oder Leinen in Köper- oder Atlasbindungen
gewesen, ehe Manchester, das starke samtig gerippte Baumwollgewebe aus England, in Mode kam und noch heute aktuell ist.
Barchent, auch aus Baumwolle, in einstiger flanellartiger Köper- oder Atlasbindung, bildete eine weichere Stoffart für
Kleidung, wie auch Dullaken, das Gewebe aus zweierlei Fasern, Flachs oder Leinen mit Wolle, denn auch der Sonntagsstaat,
außer den Hochzeitsgewändern, war selbst gewebt. Dagegen ließ sich Beiderwand, eine grobes Gewebe in Leinwandbindung mit
Mischungen aus Wolle, Leinen oder Baumwolle vielseitig in der Derbheit einsetzen.
Die gewebten Kleiderstoffe wurden gefärbt, um im Gebrauch unempfindlicher zu sein. Das geschah meistens in blauer Farbe,
weil sie praktisch in ihrem dunklen Ton und die an Erfahrung bekannteste Färberei früher bildete, die noch nicht so weit
her war, wird berichtet. Nach dem jahrhundertlangem Gebrauch von Färberwaid, der hiesigen Pflanze, machte dann das von
Indien eingeführte Indigo das Blaufärben leichter und schöner. Dennoch war es wohl eine unangenehme Arbeit. Sicher gab es
auch andere Rezepte dafür, als das hier abgeschriebene aus dem Buch von Ernst Block über "Frühere handwerkliche Berufe in
Niedersachsen" (1926), doch es zeigt die Kreativität der Menschen früher mit primitivsten Mitteln zu arbeiten.
"Da das Blaufärben keine angenehme Arbeit war", heißt es in der Beschreibung, "so wird sich wohl nicht jeder auf dem Lande
damit abgegeben haben." Es war mehr die Beschäftigung einzelner Frauen, die für sich und andere das Färben besorgten.
Zunächst nahm man einen ziemlich großen Topf und füllte ihn mit Harn und setzte ihn in den Mist im Stall, damit der Harn
ordentlich durchwärmte und Säure entwickelte. Nach etwas zwei bis drei Tagen öffnete man den Topf, legte lose die zu
färbenden Sachen hinein und legte obenauf ein Läppchen, in das Indigo eingewickelt war. Auf etwas einen halben bis
dreiviertel Eimer Flüssigkeit rechnete man ein Lot Indigo. Der Topf wurde verschlossen und wieder in den warmen Stallmist
eingebuddelt. Nach drei Tagen waren die Stoffe gefärbt und die Farbe mit Harnsäure fest eingebeizt. Die gefärbten Sachen
brauchten jetzt nur noch gewaschen und getrocknet zu werden."
Nun zu dem Gewebten, das die Borde des Leinenschranks zur Hochzeit füllte. Zur Mitgift gehörten früher zwei Leichenlaken
und zwei Totenhemde aus feinem Leinen, ehe man später die Verstorbenen auch in ihrer Sonntagskleidung in den Sarg legte.
Tischlaken gab es viele in der Aussteuer und ihre Webmuster von einfach bis kompliziert. Die groben bedeckten den täglichen
Esstisch bei den gemeinsamen Mahlzeiten, um die Tischplatte zu schonen. Das erstaunt uns heute; es überrascht auch die gute
Esskultur. Wie berichtet (und noch selbst erlebt!), wurden die Speisen, mundgerecht zubereitet, stets aus einer Schüssel
mitten auf dem Tisch gelöffelt. Dabei schlabberte man nicht, weil man den runden oder quergestellten hölzernen oder
Zinnlöffel, nur halb füllte, ihn am Schüsselrand abstrich, dann, mit aufgestütztem Ellenbogen, langsam zum Munde führte.
Weil jeder der Reihe nach, beim Hausvater begonnen, zulangte, blieb Zeit zum Kauen, bis man wieder dran war. Die leere
Schüssel wurde nachgefüllt, jeder wurde satt und man ließ sich Zeit bei den Mahlzeiten.
Danach leckte man seinen Löffel sauber, steckte ihn abgewischt in den Wandhalter, Knechte auch in ihren Hosenbund, denn
jeder hatte seinen eigenen Löffel mit einem Zeichen. Einmal in der Woche soll ein Abwasch gewesen sein, wird berichtet.
Messer und Gabeln gab es auf dem Lande erst verhältnismäßig spät gegenüber anderen kultivierten Geräten.
Die Stubenlaken zeigten das Können der Weberinnen in vielfältigen schwierigen Mustern und in den kunstvoll gestickten
Monogrammen. Der Kreuzstichname, nach Faden abgezählt, war schon lange vor dem Aufzeichnen mit Schablonen für Plattstich
üblich.
Zusammengenäht wurden die Webteile per Hand, genauso wie der Saum, in feinen Stichen. Das Garn war vom Gesponnenen oder
Schergarn, bis die Nähmaschine diese Arbeit erleichterte mit dem gekauften Nähgarnen in vielen Stärken. Es lagen aber auch
ganze Rollen Leinen für den Tischgebrauch im Schrank, die so genannten "Dielenlaken", die für die langen Tische auf den
Dielen bei Hochzeiten und Beerdigungen aufgelegt wurden und nur die schmalen Tischplatten bedeckten.
Viel Platz nahmen im Schrank die "Büren" ein, die Bettbezüge, die in den schmalen Butzen einst zwei Schläfer mit dem
Federbett zudecken sollten und später für das doppelte Bett, "de Tweeslöpern" in den Kammern etwas breiter waren, aber kurz
gegenüber den heutigen Maßen.
Da gab es die tiefdunkelblaukarierten, auch mit roten Fäden dazwischen, unempfindlichen Bezüge für die Wintermonate, als
früher eine Wäsche nicht möglich war. Das ist ein kaum berührtes Thema in den Museen und Berichten über altes Hauswesen,
wie gewaschen wurde, ehe in den großen Waschkesseln die Lauge erhitzt werden konnte. Da hat zuvor jahrhundertlang die im so
genannten "Bückefaß" gesammelte Aschenlauge zur Wäsche gedient, die in den Grapen über der freien Feuerstelle erhitzt wurde.
Doch unvermeidliches Geplörre weichte den Lehmboden auf, wie sollte da noch gespült werden? Die Kieselsteine im Lehm um den
Herdbereich waren eine kleine Abhilfe, doch erst das wärmere Frühjahr ließen am Brunnen oder Bach das Waschen im größeren
Maße zu.
So zog man dann die helleren kleinkarierten Bezüge über die Federbetten und "Höftpöhls", die breiten Kopfkissen der alten
Zeit, die in meiner Jugend im kalten Winter noch zu den Füßen lagen, wo die kurzen Zudecken nicht reichten. Nach diesen
füllten kleinere Kopfkissenbezüge den Leinenschrank, kariert für den allgemeinen Gebrauch, dann wurden sie immer weißer
und feiner mit Häkeleinsätzen und -spitzen für die Vorzeigeschlafstätten der Ehe- und Gästezimmer, die in den steinernen
"Villen" und Anbauten der Fachwerkhäuser vor und nach 1900 entstanden.
Die für Bettlaken gewebten Rollen wurden zur passender Länge zusammengenäht und wurden auch mit Namen versehen. Es gab sie
in Baumwolle, Barchent, Halbleinen oder Reinleinen, auf denen es sich sehr kühl schlief. Dagegen waren die kattunenen
Gewebe aus mittelfeinem Baumwollgarn in Leinwandbindung angenehmer. Da lagen auch fertig genähte Leinenhemden für Mann und
Frau im Schrank und noch Rollen aus Leinen für diesen Zweck für sie und eine Kinderschar. In Erinnerung an diese Hemden
sei gesagt, sie waren der Schrecken nach der Sonntagswäsche mit dem Hemdenwechsel in ihrer Steifheit und Kühle!!!
Gleichfalls war das Rubbeln der verschmutzten Kragen und Ärmel der Männerhemden in der Wäsche eine Tortur, die eine Woche
lang getragen wurden.
Bunt und weiß gestapelt nahmen ebenfalls die Hand- und Geschirrtücher viel Platz im Schrank ein, sei es als Rollen gebleicht,
oder gebrauchsfertig gesäumt und mit Aufhängern und Monogrammen versehen. Auch hier wieder in jedem Stück der sauber
gestickte erste Buchstabe von Vor- und Nachname. Die Vielfalt der Muster und Materialien war groß. Zu schlicht kariert in
rot und blau, auch gelb und grün, gab es Geschirrtücher in Leinenbindung und Twist. Nichts trocknet so gut wie ein
"Ögendrellhandook" (Augendrell), da kommt kein dickes Frotteetuch mit! Handtücher wurden auch derb gewebt aus Hede für das
Abtrocknen der Hände nach der schmutzigen Arbeit. Sogar Messertücher kamen nach dem 1. Weltkrieg auf, als Messer und Gabeln
um 1900 mehr und mehr die Eßgewohnheiten änderten. So klein wie die Taschentücher wurden sie nach Geschirrtücherart gewebt
und sollten diese vorm Einschneiden beim Abtrocknen schonen.
Taschentücher gehörten früher auch zum Webschatz, weiß mit erhabenen Fäden für den Sonntag oder farbig kariert für den
Alltag. Damals blieb die Landschaft frei von Papiertüchern, denn keiner schmiss sein Tuch nach dem Schnäuzen fort, aber
- in der Wäsche waren sie keine angenehmen Stücke mit der Glitschigkeit!
Zur Mitgift gehörten auch Leinenund Dullakensäcke mit schönen schrägen oder queren Mustern und Farben und natürlich mit
Namen! Sie waren aus dem groben Hedegarn, der Abfallfaser beim Hecheln des Flachses, gewebt und fanden für Saatkorn,
Brotmehl und Aufbewahrungen Verwendung. Aber auch Stoffe für kleine Beutel für feines Mehl, Zucker, Salz und vielen anderen
Lebensmitteln, in größeren Mengen ein gekauft, sind auf dem Handwebstuhl angefertigt worden.
Zu erwähnen ist unbedingt, dass den Dienstboten auf den Höfen früher zum Jahreslohn ein gewisses Ellenmaß an Leinen zustand,
je nach Jahre der Dienstzeit, für Hemde und auch gewebte Stoffe für Kleider, Hosen und Jacken neben ein Paar Schuhe im
abgemachten Vertrag.
Die Handwebstühle mit dem Trittbrett gibt es seit dem 13. Jahrhundert, wird berichtet. Die Versuche, Fäden durch Kreuzen zu
einem haltbaren Gewebe zu fügen, sind in primitivster Art in der Jungsteinzeit nachweisbar und mit der Zeit immer besser
gelungen. Die durchdachte Funktion der Handwebstühle seit dreihundert oder mehr Jahren mit ihrer Stabilität über Jahrhunderte
hinweg, sind Meisterwerke.
Der hölzerne Handwebstuhl besteht aus vier starken Pfosten, die mit kräftigen Längst- und Querriegeln verbunden sind,
sodass das Gefüge wie ein Bett aussieht. Die vorderen hohen Pfosten tragen einen Rahmen, der bis zur Hälfte der Anlage ragt
zum Halten der Webgeschirre. Die hinteren Pfosten tragen den waagerechten Kettenbaum, der, in Höhe des Webvorganges vorn,
drehbar als Rolle in dem eingeschnittenen Holz liegt. Darunter verbindet ein starkes Bett, wie eine Bank, die beiden Stützen,
das auch die Trethebel mit beweglicher Vorrichtung hält, die bis zur Sitzbank, für die Füße erreichbar, schweben.
Die Kammlade hängt schaukelnd zwischen den beiden Längsriegeln, die zum Festschlagen der Durchschussfäden nötig ist.
Dahinter sind die Halterungen und Rollen für die Hebel, die durch Riemen mit den Fußtretern verbunden sind, angebracht.
Durch die Hebel sind die Fäden der Webbette gezogen, die durch das Auf- und Abtreten sich für einen Durchschuss öffnen und
teilen. In der Mitte des Gestells liegt der Leinenbaum, drehbar, für das fertige Gewebe. Mit Rasten ist er feststellbar,
wie auch der Kettbaum, der für das Loslassen oder Anspannen mit einem langen Knüppel vom Sitz aus bedient werden kann. Ein
Kniebaum davor lässt ungestörtes Treten zu und der Brustbaum über der Sitzbank ist wie eine Tischkante, über die der
gewebte Stoff zum Leinenbaum geführt wird.
Die in Längsrichtung des Gewebes verlaufenden Fäden bilden die Kette, die kreuzenden den Schuss und die Art der Verkreuzung
heißt die Bindung. Die drei Grundbindungen des Webens sind die Leinwandbindung über einen Kettfaden, die einfachste, engste
und festeste; die Köperbindung über zwei Kettfäden und die Atlasbindung über vier Kettfäden.
Die Webkette, ob selbst geschert oder fertig gekauft in einer Weberei oder Kaufhaus mit Webbedarf nach altem Ellenmaß, Gang
und Garnstärke, wurde in angestrengter Arbeit mit mehreren Personen auf den Kettbaum gebracht. Das "Aufziehen" war ein
komplizierter Vorgang, der schwer zu beschreiben ist.
Von einer Person, hinten auf dem Boden sitzend, gehalten, wurde die Garnkette, durch die Hände gleitend, über den
Aufziehbaum (unterm Kettbaum) zum Leinenbaum geführt und dort, der Anfang festgebunden, zurück zum Aufziehbaum geleitet,
dann nach vorn zum Brustbaum gezogen. Dann wurde der Anfang vom Leinenbaum gelöst und zum Garn (Kett) baum geführt, und
dort festgemacht, als späteres Webende.
Nun drehten zwei Männer, mit Stöcken als Hebelgriffe, den Baum langsam zum Aufziehen der Kette, die von einer Person auf
der Sitzbank vorn, durch einen breiten Kamm laufend, in die richtige Breite gehalten wurde und noch über andere Bäume lief,
um ganz straff aufgewickelt zu werden. Das war für einen einwandfreien Webvorgang wichtig. Dabei konnten Kettfäden reißen
und mussten verbunden werden. Zum Aufbringen der Webekette nahm man gern eine erfahrene Weberin zur Aufsicht.
Das Ende der Kette hatte das beim Scheren entstanden Fadenkreuz, durch das nun, aufgebunden, die "Lesstöcke", glatte,
flache Hölzer, vorn und hinten eingeschoben wurden. Vorm Rausrutschen waren sie seitlich gesichert. Anschließend konnte die
Kammlade wieder eingehängt werden, die samt dem anderen Geschirr fürs Aufziehen abgenommen worden war, dazu die Rollen und
Riemen für die Hebel und die Verbindung zu den Tretern.
Durch die Ösen der Hebel liefen noch die Kettfäden des letzten Webens und waren vorm Rausziehen gesichert worden. Die
konnten nun mit der neuen Kette verbunden werden. Das ersparte das mühsame Durchziehen. Eine Geduldsarbeit blieb es dennoch,
Faden für Faden mit altem Kunstgriff zusammenzuzwirbeln. Ich habe diese Arbeit sogar einmal gemacht. Man saß auf einem
Brett im hinteren Webstuhl in Brusthöhe des Vorgangs, tauchte die Finger in ein Schälchen kalten Kaffee (Muckefuck) und
verband die Fäden der Reihe nach gegenseitig. Danach lag die Kette, mit den Lesstöcken geordnet, glatt bis zu den Hebeln.
Ein Stück vom Vorgewebten reichte bis zum Brustbaum und wurde nun langsam angedreht, um die neuen Fäden durch die Hebel und
die Kammlade zu ziehen, ohne dass viele Fäden rissen und geknotet werden mussten. So kam die neue Webkette nach vorn. Man
konnte prüfen, ob beim Treten ein sauberer Sprung der Fäden das Webeschiffchen mit dem Schlussgarn einwandfrei durchließ.
Dem Heranziehen der Kammlade mit einem Schlag gegen den Schussfaden, folgte gleich nach dem Wechseln der Fußpedals ein
neuer, um für den Gegenschuss eine saubere Bahn zu schaffen.
Das wiederholte sich, bis ein Stück fertiges Gewebe ein Nachziehen erforderte und mit Lockermachen des Kettenbaumes möglich
war und danach wieder straff gespannt wurde. Wenn die Länge reichte, nahm der Leinenbaum dieses bis zum letzten Webschlag
auf. Nun konnte das Weben flott voran gehen.
Faden an Faden gefügt, ließ die Bindung wachsen. Seitlich entstand eine Webkante. Dieser Rand wurde auch Egge, Salband oder
Balleiste genannt. Um sie in stets gleicher Breite zu halten, spannte man ein verstellbares Sperrholz, mit Haken zum
Einspießen, auf das Frischgewebte ein, das sich immer wieder nachsetzen ließ.
Eine Schnellschussvorrichtung konnte den Webvorgang sehr beschleunigen. Die linke oder rechte Hand zog mit einem Ruck den
Griff an zwei langen Schnüren das Webschiffchen durch den Fadensprung, die andere schlug mit der Kammlade den durchgefahrenen
Schuss fest, keiner brauchte das Schiffchen auffangen und wieder durchwerfen und dauernd wechseln.
Mit gefärbten Fäden in der Baumwollkette ließen sich Streifenmuster in Handtücher herstellen, mit ebensolchen Schussfäden
die Kammuster in Geschirrtücher auszählen. Sollte es sehr akkurat sein, hieß es zählen, messen, zählen. Noch komplizierter
war das Weben mit vielen Hebeln. Bis zu zehn soll es gegeben haben. Dabei war das Gerstenkommuster mit sechs Hebeln schon
ein Kunstwerk durch den ständigen Trittwechsel.
Ohne die Webekette gäbe es kein Gewebtes. Sie war gekauft, wie erwähnt oder selbstgeschert mit einer Vorrichtung an Toppen,
Leiterbaum (Scherleiter) und dein Garnrick (Scherrahmen) oder auch auf Rundrahmen gezogen, das Garn dazu, aus Baumwolle
gekauft oder von dem selbst angebauten und gesponnenen Flachs.
Das Scheren, das Führen der Fäden über den Schertoppen, das "Lesen" und Zählen, die komplizierten Handgriffe für die
geplanten Smitten (= 7 Ellen hannoversches Maß) die jeweils mit Girsch oder Gras grün gekennzeichnet wurden, war eine
Arbeit für absolute Kennerinnen und Könnerinnen.
Aus dem Hans Peters, Buch, Brinkum, 1947 "Altes Handwerk – Bäuerliches Brauchtum aus dem Kreise Grafschaft Hoya", ist
abgeschrieben:
"Gewöhnlich wurde das Leinenstück 5 Smitten = 70 Ellen = 41 Meter lang gewebt. 1 Smitten = 14 Ellen. Die Länge des Kammes
in der Kammlade ist in "Gang" eingeteilt. Auf einem Gang kommen vierzig Fäden. Für die Webart werden die Kämme ausgewählt,
für Handtücher 24 und 26 Gang, für Leinen 28-32 Gang, für breites Leinen wie Betttücher 34 und 36 Gang Länge."
Wir hatten im September 1939 noch eine Webekette "Niedersachsen" von 100 Ellen, 20 Gang, Garn Nr.10 für 11,80 Reichsmark
von der Weberei Böse, Barrien geholt, die aber erst 1946, zum Teil mit Wolle für Kleidung, verwebt wurde.
Aber auch das Schussgarn aus Baumwolle, Leinen oder Wolle musste akkurat auf die kleinen Spulen geführt werden, damit sie
sich im Webeschiffchen ungehemmt abspulen konnten. Das hölzerne Spulrad stand meist in der Küche, so konnte man nebenbei
Herd und Kochtopf versorgen.
Mit dem Fuß setzte man das Schwungrad gleichmäßig in Bewegung, das die Spuleinrichtung mittels Schnur antrieb. Die großen
Holzspulen fürs Scheren, zwanzig Stück brauchte man für eine Scherleiter, ließen sich so füllen, wie auch die kleinen für
den Webeinschlag. Sie wurden zur Weberin gebracht, damit sie immer Vorrat hatte und nicht vom "Stell" runter musste, um die
leeren auszuwechseln.
Unser Webstuhl in Kleinenborstel stand in einem Raum im Backhaus, das früher ein Speicher war und brauchte nicht abgebaut
zu werden, wie bei Leuten mit wenig Platz, die gern die warme Stube im Winter nutzten. Da die Webstühle, wohldurchgedacht,
mit Zapfen durch Löcher zusammengefügt waren, ließen sie sich auseinandernehmen und durch die Luke auf dem Boden ziehen,
die kleinen Teile in drellen Säcken gepackt dazugelegt, unter Heu oder Korn verstaut, zum nächsten Gebrauch runterschaffen.
Die Webstühle hatten unterschiedliche Qualitäten. Die Wohlhabenheit des Besitzers zeigte sich in der Holzart, Wuchtigkeit
und den Schnitzereien an den vorderen Pfosten und dem Querholz mit Jahreszahl und Namen. Die kleineren waren leichter,
aber stark genug, die Wucht des Schlagens standhaft durchzuhalten. Sie ließen sich einfacher im Raum unterbringen und waren
entscheidend preiswerter beim Stellmacher zu haben. Nur für den Schnellschuss passten sie nicht. Unser schöner eichener
Webstuhl von 1836 verbrannte leider um 1950, ausgeliehen, nach Blitzschlag in einer Scheune.
Als mein ältester Bruder 1928 aus der Schule entlassen war und auf dem Hof arbeitete, wo noch ein Knecht und eine Magd
mithalf, hatte unsere Mutter die Idee, uns Kindern die ganze Leinenerzeugung vorzumachen. Das fing mit Flachs säen an, das
"Wüern" (Jäten) folgte.
Im Sommer kam das Aufziehen, Bündeln (Risten) und Hocken. Dann zum Weichmachen das Versenken in der "Röttekuhle" um einen
Pfahl herum in einen Teich neben der Kanalbrücke in Kleinenborstel. Das sind Erinnerungen für mich als Siebenjährige, aber
die weiteren Vorgänge der Verarbeitung des Flachses mit Reffeln, Braken und Hecheln bis hin zu den Wocken zum Spinnen, ist
mir nicht mehr im Gedächtnis.
Das Scheren in der Scheune mit einer hochkonzentrierten Mutter ist mir beeindruckend als ein rollendes Spiel mit den vielen
Fäden haften geblieben. Gewebt hat dann die Magd oder die Mutter, aber irgendwie war die ganze Familie einbezogen, wenn ein
Webstuhl neben der Tagesarbeit klapperte.
Das Gewebte wurde seit eh und je nach dem Abnehmen vom Leinenbaum gewaschen und zum Bleichen auf den Rasen gespannt. Hatte
Sonne und Feuchtigkeit dies vollbracht, kam nach Spülen und Trocknen das Glätten an die Reihe, das früher mit dem Aufrollen
auf einem dicken glatten Stock, dem Mangelholz, und dem Schlagen mit dem Mangelbrett geschah. Danach konnte die gewebte
Leinenrolle bis zur Verwendung in den Schrank oder in die Truhe gelegt werden.
Durch ein Gespräch angeregt, kam mir der Wunsch, das Vergessene der Webarbeit, die ich vor dem 2. Weltkrieg noch miterlebte,
in Erinnerung zu bringen. Mit Hilfe von Nachfragen bei Bekannten, die damals auch webten, deren Kenntnisse aber nicht immer
mehr ausreichten, mit Nachschlagen in Lexika und Beschreibungen vom alten Handwerk, versuchte ich sie für mich selbst ins
Gedächtnis zurück zu holen und schrieb das Gefundene zu einigen eigenen Feststellungen und Erlebnissen auf. Zu gerne hätte
ich mehr von den alten Ausdrücken dieser Arbeit, den Geräten, Maßen und Webmustern wie z.B. "Gassenkurn", "Fischgrat",
"Spoon- und Häbeldrell" berichtet, wo ich aber nicht genug Wissen und Erfahrungen habe.
Möge da vielleicht ein Kenner meine Schilderungen ergänzen und korrigieren, wo es nötig ist und helfen, die Kunst des
Webens nicht vergessen zu lassen.
Hamfelds Lotti
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Vom Braunkuchenbacken
Eine alte Backtradition zur Weihnachtszeit.
36.24
"Dat Bruunkokenbacken" gehörte früher zu Weihnachten zu den Gepflogenheiten unserer Heimat, wie das "Kohl- und Pinkelessen",
"Knipp« und "Swattstippels" in der Winterzeit. Einige Wochen vor dem Fest wurde dafür der Teig mit Pottasche angesetzt,
musste täglich durchgeknetet, nach vierzehn Tagen ausgeformt und gebacken werden. Pottasche war und ist ein Treibmittel für
flaches Gebäck.
Ganz früher nahm man zum groben Roggenmehl nur den Sirup zum Süßen, weil der Zucker in Hüten zu teuer war und brachte mit
pfeffrigen Gewürzen zusätzlich Geschmack in den Teig. Als schon mehr Schweine geschlachtet wurden, besserte Schmalz die
Qualität und machte ihn krosser. Heute werden Braunkuchen immer noch mit dunklem Sirup, aber fast nur mit guter Butter,
zusätzlich Zucker, evtl. Eier, und, je nach Belieben, mit Nelkenpulver, Mandeln oder fertigen Gewürzmischungen in kleinen
Mengen so nebenbei zum Feingebäck gebacken und ist kein Ereignis mehr.
Das war es noch in meiner Kindheit vor achtzig Jahren! Anfang Dezember hatte Mutter den Teig nach alter Art, nun schon mit
Schmalz und Weizenmehl, angesetzt und täglich bearbeitet. Als der Tag zum Backen passte, wurde der große Ofen im Backhaus
extra für die Braunkuchen geheizt, weil man unendlich viele Bleche für das Backen brauchte, die nicht reichten, wenn die
Butterkuchen zum Fest anstanden. Der Ofen war nicht so heiß, wie für's lange Schwarzbrotgarmachen, aber ein paar Kuchen,
Stuten oder Graubrot konnten nachgebacken werden. Wenn ein Nachbar es mochte, brachte auch er was her, wie umgekehrt wir,
wenn er seinen Ofen heizte. Das wurde, wie beim Schwarzbrotbacken, vorher abgemacht.
Wir Kinder hatten unser Vergnügen damals mit dem Ausformen am Abend zuvor, genau wie es Kinder heute noch mögen. Mutter
rieb die vielen großen Platten – Platen oder Blechen nannten wir sie - mit Zeitungspapier ab und fettete sie mit
Speckschwarten ein. Dann ging das Ausrollen von einem Stück Teig auf dem leicht bemehlten Küchentisch los. Wir jüngeren
Kinder, die größeren Jungs machten solche Gemmelei nicht mehr mit, suchten uns Formen aus Blech, wie es sie heute noch gibt,
sei es Herz, Stern, Kreuz oder Raute zum Ausstechen und setzten sie möglichst dicht bei dicht, damit nicht viel Teigabfall
blieb. Der aber gefiel uns Kindern zum Naschen und wir langten heimlich immer wieder zu. Mutter mahnte:"Äat nich so vääl
davon, ji kriegt Lievkääll". Sie legte Stück für Stück der Figuren auf die vorbereiteten Kuchenbleche, die auf dem kalten
Hausflur bis zum nächsten Vormittag auf das Backen warten konnten. Nachdem der letzte Teig verarbeitet war, wurde es Zeit
zum "Beddegahn" für uns Kinder.
Als Vater den großen Ofen am andern Tag nach dem Schweinefüttern und Morgenkaffee genug geheizt und sauber ausgefegt hatte,
konnten die Platen mit dem Holzschieber nacheinander und nebeneinander eingeschoben werden. Das war ein schnelles und heißes
Zusammenspiel einer geübten Hausgemeinschaft. Mit hochroten Köpfen gab es ein Gelaufe und Gerenne, die vielen Bleche ran zu
schleppen, sie durch die enge Ofentür zu balancieren, ablegen; nach kurzer Weile die Bräunung in Augenschein nehmen und, bei
Genüge, mit dem Schieber wieder unterfassen und rausholen, ehe die kleinen Kuchen schwarz wurden. Mit dicken Topflappen in
den Händen nahmen die Frauen sie dem Heizer ab und schütteten das Gegarte zum Abkühlen auf ausgebreitetes Haferstroh auf der
Diele. Wir Kinder mussten Hund und Katzen verscheuchen, bis Mutter die braunen Küchlein in Blechtrommeln oder in die alten
20-Liter-Milcheimer mit Deckel sammelte. Sie liebte es, sie dann auf Schränke zu stellen, um einen Vorrat für Weihnachten
sicher zu haben.
Allerdings gab es nun bis zum Fest nach Feierabend für jeden ein bis zwei Kuchen zugeteilt. Bei fast zehn Personen im
Haushalt kann man sich gut die benötigte große Menge an Bedarf vorstellen, die bis zum Jahresende reichen sollte. An den
Feiertagen durfte jeder nach belieben in die vollen Teller langen. Da war allerdings der Bauch schon gefüllt vom
Butterkuchen zum Heiligenabendkaffee vorm Kirchgang, Füttern und Melken.
Vor der Bescherung sättigte die übliche Rinderbratwurst aus der Hausschlachtung mit Salzkartoffeln und Birnenkompott. So gab
es kein unverschämtes Zulangen vom vollen Braunkuchenteller mehr, obwohl wirklich gern davon gegessen wurde. Andere Kekse
standen vor achtzig Jahren allerdings auch nicht auf dem Tisch, und darum waren diese braunen kleinen Kuchen aus Sirupteig
so einmalig als Naschwerk zur Weihnachtszeit und wurden nur für sie gebacken.
Hamfelds Lotti
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Zehn Jahre landwirtschaftliche Gehilfin in Hustedt
Aus den Erinnerungen von Dora Laue geb. Timpner verw. Feldbusch
30.22
Am 15.04.1932 begann für die fast 17jährige Dora Timpner der Dienst als landwirtschaftliche Gehilfin bei Peimanns - Grieme
Nr.14 in Hustedt. Ihre ältere Schwester Sophie war schon einige Jahre bei Bröers - Lackmann in Stellung gewesen und blieb
noch kurze Zeit vor ihrer Heirat bei Gastwirt Leiding in Hustedt. So war dieser Ort der jungen Dora nicht fremd und in
Hustedt ließ es sich gut leben, stellte sie dann fest.
Am 21.08.1915 wurde sie in Holtum - Marsch geboren. Sie hatte drei Schwestern und einen Bruder. Die Mutter war schwer an
Rheuma erkrankt, darum war immer eine Tochter zu Hause. So hatte Dora dort vorher im Haushalt und der kleinen Landwirtschaft
gearbeitet. Der Vater starb 1938, die Mutter 1940. Trotz der vielen Arztkosten daheim, brauchte sie nie Geld abzugeben.
Die Dienstboten in Hustedt hielten zusammen und die Bauern waren allgemein nicht zu hochnäsig, um bei einem Fest mit ihnen
zusammen zu sitzen. Viele der Gehilfen stammten von einheimischen Anbauerstellen oder aus Martfeld, wenige kamen aus fremden
Dörfern. Nach Feierabend hatte man Spaß miteinander und machte Unsinn (schlafenden Knechten die Decke wegziehen und nasse
Waschlappen über den Hintern wischen, Kirschen klauen usw.).
Die jungen Leute trafen sich abends oft bei Freers. "Dudelsack - Fritz", ein alter Junggeselle, hat dort Quartier gehabt
und ihnen zum Tanz auf dem Flur aufgespielt, für Schnäpse zum Durchhalten. Bei Freers war immer eine Gehilfin und ein Knecht.
Leidings Gaststube war damals der Stammplatz für die Bauern und solche, die Doppelkopf und Geselligkeit schon am Tage
liebten.
Bei Peimanns - Grieme diente 1932 Johann Wollers aus Hustedt als Knecht, danach kam Dirk Rosenhagen (Nr.21). Seine
Schwestern Line und Erna waren vor Dora Timpner Gehilfinnen auf dem Hof. Mit Dora diente dort auch Dora Busch aus Hustedt.
Sie hat in den ersten zwei Jahren zwanzig Reichsmark im Monat als Lohn erhalten. Da war Anna Grieme Bäuerin und seit Februar
1932 Witwe. Die wehrte sich gegen das Abliefern der Milch zur Molkerei Hollen, weil sie mit dem Buttergeld die
Dienstmädchen entlöhnte. Das Verarbeiten der Milch geschah mit der Zentrifuge und das Buttern auch elektrisch. Die Kühe
weideten nahe beim Hause und die Milch wurde mit dem Joch heimgetragen. Karl Hövel aus Schwarme und der Bäcker Leue aus
Martfeld holten die Butter ab. Leuen-Vater kam mit dem Hundewagen, die Hövels mit Pferd und Wagen. Letztere fuhren schon
lange zum Bremer Wochenmarkt.
Als 1935 die große neue Molkerei in Martfeld in Betrieb ging und die Milchablieferung Pflicht wurde, kamen die Zwanzigliter
- Kannen auf den Hof und man fuhr mit ihnen im Hundewagen zum Melken. Dora Timpner blieb bald die einzige Gehilfin auf dem
Hof.
Vor 1935 wurde ein großes Wohnhaus hinter das alte Fachwerkhaus gebaut und brachte viel Unruhe und zusätzliche Arbeit mit
sich. Der älteste Sohn Heinrich heiratete als Hoferbe Else Meyer aus Beppen. Sein Bruder Friedrich heiratete 1937 auf Hof
Hustedt, Martfeld 114 ein. Gehilfen waren nach 1935 Georg Masemann (Martfeld 172), Hermann Busch (Hustedt 7a), Wilhelm
Buchholz (Martfeld 58) und August Lehmann (Hoyerhagen). Die Söhne Claus und Dieter wurden in jenen Jahren geboren.
Dora Timpner wollte nicht dem BDM (Bund Deutscher Mädchen) beitreten. Obwohl ihr Arbeitgeber der Ortsbauernführer war, übte
er keinen Zwang auf sie aus.
Im Winter hatte Dora vierzehn Tage frei. Das wurde daheim zum Weben genutzt. Sie bauten dort noch viel Flachs an. Auf die
Frage, was sie gewebt hätte, meinte Peimanns Mutter, statt der Geschirrtücher hätte sie lieber Leinen für Männerhemde
weben sollen, damit ihr späterer Mann was übern Leib zu ziehen hätte.
Dora schlief in einer Kammer an der Diele und Peimanns Mutter noch im alten Haus. Sie hatte damit immer Kontrolle über die
Dienstmädchen. Sie starb 1942.
Seit dem 01.09.1939 war Krieg. Dora lernte Hermann Feldbusch aus Martfeld kennen und heirate ihn am 25.09.1941. Für ihre
fast zehnjährige Mithilfe auf dem Hof Grieme bekam sie eine Kuh als Anerkennung für die lange Dienstzeit, die sie gut in
der kleinen Landwirtschaft gebrauchen konnte. 1942 wurde ihre Tochter Ilse geboren. Ihr Mann kam Ende Oktober 1944 an der
Ostfront ums Leben.
Dora ist aber noch manches Mal zum Helfen nach Hustedt gefahren, denn der Bauer Heinrich Grieme war auch Soldat und starb
tragisch im April 1946 im Lazarett in Frankreich an einem Gehirntumor. So waren beide jungen Frauen Witwen und mussten ihre
Kinder allein großziehen,
Charlotte Homfeld
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Die Welfen als Herren der Grafschaft Hoya
oder: Was hatte die Gemeinde Martfeld mit dem "Britischem Imperium" zu tun?
22.19
Mancher wird sich fragen, die Gemeinde Martfeld und Großbritannien? Da gibt es keine Verbindung. Höchstens nach dem
2. Weltkrieg, als wir der britischen Besatzungszone angehörten. Aber sonst?
Dabei hatten die Martfelder (hiermit sind auch die Hustedter, Kleinenborsteler, Normannshauser, Hollener, Loger,
Tuschendorfer und Büngelshauser gemeint) 123 Jahre lang britische Könige als Herrscher. Wie war es dazu gekommen?
Nach dem Aussterben des hoyaischen Grafengeschlechts mit dem Tode Ottos VIII. am 25.02.1582 kurz vor Mitternacht in Hoya
ergriffen die Welfenherzöge Erich II. der Jüngere von Braunschweig - Calenberg und Heinrich Julius von
Braunschweig-Wolfenbüttel Besitz von der Grafschaft. Dabei übergingen sie den Grafen Friedrich von Diepholz als Verwandten
des Verstorbenen. Herzog Heinrich Julius erhielt die Obergrafschaft mit Nienburg, Erich II. der Jüngere die Niedergrafschaft
mit Hoya, wozu auch Martfeld gehörte.
Als Erich II. der Jüngere bereits 1584 in Pavia ohne Nachkommen starb, gelangte die Linie Braunschweig - Lüneburg - Celle
des Welfenhauses in Besitz der Grafschaft Hoya. Auf Wilhelm dem Jüngeren folgten dessen Söhne Ernst II. (1592 - 1611),
Christian (1611 - 1633), August (1633 - 1636) und Friedrich (1636 - 1648).
Erbe wurde der Neffe Christian Ludwig (1648 - 1665), der Sohn des jüngsten Bruders Georg.
Dabei gibt es hier noch einer kleinen amüsanten Geschichte. Damit die Welfengebiete nicht in noch kleinere Territorien
zerteilt wur den, einigten sich die Söhne Wilhelm des Jüngeren darauf, dass nur einer von ihnen eine standesgemäße Ehe
eingehen durfte und nur die Söhne aus dieser Verbindung erbberechtigt waren. Das Glück war auf der Seite des sechsten
Sohnes Georg. Alle anderen Söhne blieben unverheiratet und hatten lediglich illegitime Nachkommen.
Da Christian Ludwig keine Kinder hatte, erbte dessen Bruder Georg Wilhelm die Grafschaft und regierte sie bis zu seinem Tode
im Jahre 1705. Georg Wilhelm hatte 1656 um die Hand der Prinzessin Sophie von Pfalz-Simmern angehalten. Der Ehevertrag wurde
aufgesetzt. Als er aber kurz danach in Italien weiter darüber nachdachte, kam er zu dem Entschluss, diese Verbindung nicht
eingehen zu wollen. Damit sein Herrscherhaus keinen Schaden nahm, bat er seinen jüngeren Bruder Ernst August von
Braunschweig - Calenberg (ab 1692 Kurfürst von Hannover), Sophie zu heiraten. Dieser nahm das Angebot an und ehelichte auch
auf Genehmigung des Kurfürsten Karl Ludwig von Pfalz-Simmern 1658 die Prinzessin. Dabei wurde zwischen den Brüdern ein
Kontrakt mit dem Inhalt aufgesetzt, dass Georg Wilhelm versprach, keine Ehe einzugehen und sein Herrschaftsgebiet später an
Ernst August oder dessen Nachkommen zu vererben.
Georg Wilhelm jedoch begegnete 1664 die Hugenottin Eleonore Desmier d'Olbreuse und verliebte sich Hals über Kopf in sie.
Sein Bruder wies zugleich dem jungen Paar darauf hin, daß kein Nachkomme aus dieser Verbindung einen Anspruch auf das
Herzogtum Braunschweig - Lüneburg - Celle haben würde, da sie illegitim sein würden. 1666 schließlich wurde dem Paar eine
Tochter namens Sophie Dorothea geboren. Ernst August und Sophie behagte diese Situation nicht. Zwar hatte Sophie Dorothea
kein Anspruch auf ein Erbe, jedoch wusste man nicht, wie ein etwaiger Ehemann reagieren würde. Die Sache wurde noch
verfahrener, als Kaiser Leopold I. Eleonore 1671 zu einer Reichsgräfin erhob und das Paar 1675 schließlich mit des Kaisers
Segen heiratete. Damit war die Tochter rechtlich gesehen Erbin. Damit aber Ernst Augusts Nachkommen das Herzogtum erhalten
konnten, wurde sie seinem Sohn zur Ehe versprochen.
1682 schließlich wurde die Ehe vollzogen. Ernst August verstarb bereits 1698, so dass schließlich der Sohn Georg Ludwig
erst das Kurfürstentum Hannover und 1705 dann das Herzogtum Georg Wilhelms erhielt. Während dessen spitzte sich die
politische Lage im fernen England zu. 1688 wurde der König James II. aus dem Hause Stuart unblutig aus dem Land gejagt.
Das Parlament wollte keinen katholischen Herrscher mehr. Erben wurden seine Tochter Mary II. und dessen Ehemann Willem
(William) III, Statthalter der Niederlande. Als diese kinderlos starben, wurde Marys jüngere Schwester Anne Königin.
Zwar hatte Anne mit ihrem Gemahl Georg von Dänemark 12 Kinder, doch starben sämtliche früh. Um einen Thronanspruch der
katholischen Nachkommen James II. zu verhindern, wurde 1701 der "Act of Settlement" erlassen, in dem Verfügt wurde, dass
nur protestantische Nachkommen der Stuarts erbberechtigt wären. Damit die liebäugelnden Schotten sich nicht für einen jener
entschieden, wurden die beiden Königreiche 1707 zum Königreich Großbritannien zusammengeschlossen.
1714 starb die Königin schließlich. Erbin war seit 1701 eine Nachfahrin des Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz und
dessen Gattin Elizabeth Stuart, eine Tante König James II. Diese Nachfahrin war keine geringere, als Sophie von
Pfalz-Simmern. Zwar gab es noch andere Thronprätendanten, doch waren sämtliche katholisch, und somit nicht thronberechtigt.
Sophie starb jedoch zwei Monate vor ihrer Verwandten jenseits des Kanals. So erhielt Georg Ludwig 1714 die britische Krone
und bestieg als erster Welfe unter dem Namen George I. den Thron.
Georg Ludwig war der englischen Sprache kaum mächtig und blieb zeitlebens seinen deutschen Wurzeln verhaftet. Zwar
residierte er ab 1714 in London, doch reiste er häufig in sein Kurfürstentum und überließ dem britischen Parlament die
Regierung. Bei den Briten war er ob seines hannoverschen Hauptinteresses nicht gerade beliebt. Bereits 1715 versuchten die
Jakobiten, James Edward Stuart, einen Sohn James II. auf den Thron zu verhelfen. Doch scheiterte dieser Sturzversuch. Georg
Ludwig brachte indessen 1717 eine Tripleallianz zwischen Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden zwecks
Kräftegleichgewichts zustande.
Bezeichnend ist, dass er nicht in England, sondern 1727 in der Nähe von Osnabrück starb.
Nachfolger wurde sein einziger Sohn Georg August (George II. Augustus). Auch er legte sein Hauptaugenmerk auf Hannover.
In Großbritannien überließ er meist seiner Frau Karoline von Brandenburg - Ansbach die Regierungsgeschäfte. Er besiegte
1743 im Österreichischen Erbfolgekrieg 1740 - 48 die Franzosen in Bayern. Auch nahm er erfolgreich am Siebenjährigen Krieg
1756 - 63 teil. 1746 wurde ein letzter Versuch der Jakobiten, einen Stuart auf den Thron zu bringen (Charles Edward),
vereitelt. Sie gaben schließlich auf und die Stuarts starben 1807 aus.
Da der älteste Sohn Friedrich Heinrich (Frederick Henry), Prince von Wales, bereits 1751 verstorben war, kam dessen ältester
Sohn George III. William Frederick auf den Thron. Er war der erste Hannoveraner auf dem Königsstuhl, der in England geboren
war. Er regiert ziemlich konservativ und vor allem hart den Kolonien gegenüber. So kam es schließlich zum Abfall der 13
nordamerikanischen Kolonien, die sich 1779 zu den Vereinigten Staaten von Amerika zusammenschlossen.
1800 wurde das Unionsgesetz verabschiedet, so dass ab dem 01.01.1801 Großbritannien und Irland zum Vereinigten Königreich
zusammengeschlossen wurden. Kurze Zeit später überrannte Kaiser Napoleon l. von Frankreich das Kurfürstentum Hannover. In
London sah man teilnahmslos zu, um die Insel zu schützen. Unsere Region wurde schließlich dem neuen Königreich Westphalen,
regiert vom Kaiserbruder Lucien "König Lustig", zugeschlagen. Nach dem Sturz Kaiser Napoleons I. von Frankreich wurde die
Ordnung in Europa wieder hergestellt. Das Kurfürstentum Hannover wurde 1814 zum Königreich erhoben. So besaß George III.
nun zwei Königstitel. Doch war er bereits zusehends geisteskrank. Sein Sohn übernahm daher die Regentschaft und nach seinem
Tod 1820 schließlich auch den Thron.
George IV. Augustus Frederick provozierte bereits als Prince von Wales mehrere Skandale und heiratete 1785 in
morganatischer Ehe die Katholikin Mary Anne Smith. Zwei Jahre später wurde die Ehe vom Parlament für ungültig erklärt, was
sie nach königlichem Ehe- und Throngesetz auch war, und zahlte dem Prinzen eine beträchtliche Summe, die er zum Begleichen
seiner Schulden benötigte. 1795 deckte das Parlament wiederum seine Schulden. Im selben Jahr ehelichte er Karoline von
Braunschweig und hatte mit ihr 1796 die Tochter Charlotte. George wollte sich scheiden lassen, jedoch wurde die Prinzessin
von der Londoner Bevölkerung überschwänglich unterstützt, so daß der Scheidungsprozess abgebrochen werden mußte.
Weder als Prince von Wales noch als König war George IV. jemals an Politik interessiert. Seine Neigungen gingen eher in
Richtung Kunst und Mode. Wie oben bereits erwähnt, neigte er dazu, Schulden zu machen. Diese kamen aufgrund einiger
Mätressen und dem Bau von Carlton House in London und des Brighton Pavillons zustande. Nur 1821 erstattete er Hannover einen
dreiwöchigen Besuch. Bereits 1819 hatte er als Regent in Hannover eine landständische Verfassung verabschiedet, die den
hiesigen Adel privilegierte.
Als Erbin des Thrones war seine einzige Tochter Charlotte auserwählt. Sie heiratete 1816 Leopold von Sachsen - Coburg und
Gotha. Sie starb jedoch im Kindbett im folgenden Jahr. Da von König Georges 8 Brüdern lediglich der Zweitgeborene Frederick
Augustus standesgemäß geheiratet hatte und kinderlos war, und man Leopold beim Aussterben des Königshauses nicht den Thron
überlassen wollte, wurden 1818 4 Ehen geschlossen. Man muß dabei bedenken, dass die Brüder da bereits zwischen 44 und 53
Jahre alt waren!!! Als George IV. 1830 starb, übernahm der dritte Sohn William Henry den Thron.
William IV. diente zwischen 1779 und 1787 in der königlichen Marine und wurde 1789 zum Herzog von Clarence ernannt. 1791
begann er ein Verhältnis mit der irischen Schauspielerin Dorothy Jordan und hatte mit ihr 10 Kinder. 1818 heiratete er aus
den oben genannten Gründen standesgemäß und hatte 2 Töchter, die jedoch nach kurzer Zeit starben. Als sein älterer Bruder
Frederick Augustus 1827 starb, wurde er Thronfolger und 1830 endlich König.
Ihm fehlte es an politischem Urteilsvermögen. 1832 unter- stützte er die Wahlrechtsreform und die Reform Bill, 1833 die
Abschaffung der Sklaverei in den Kolonien, 1834 die Reform der Armengesetze und 1835 das Gemeindere- formgesetz. 1833
unterzeichnete er das hannoversche Staatsgrundgesetzt, das u.a. Bauern und Bürgern Zugang zur 2. Kammer der
Ständeversammlung verschaffte. Gleichzeitig wurden darin die Bauern von ihren Lasten und Abgaben befreit (sog. Ablösegesetz).
Mit dem Tode Williams IV. 1837 endete die Personalunion zwischen Großbritannien und Hannover. Während auf der Insel
Victoria, als einzige Tochter des vierten Sohnes Edward Augustus, Königin wurde, übernahm in Hannover der fünfte Sohn
Ernest Augustus als Ernst August den Thron. In den deutschen Ländern waren Frauen nicht thronberechtigt, solange noch
männliche Vertreter des Herrscherhauses vorhanden waren.
Der in der Familie nicht angesehene Leopold wurde 1831 übrigens zum ersten König des von den Niederlanden unabhängig
gewordenen Belgiens proklamiert.
Als Ernst August zum König von Hannover ernannt wurde, fühlte sich sein jüngerer Bruder Adolph Frederick übergangen. Er war
von 1813 bis 1816 Militärgouverneur, von 1816 bis 1830 Generalgouverneur und von 1830 bis 1837 Vizekönig von Hannover und
hatte sich daher den Königsthron erhofft. Tief enttäuscht verließ der in Hannover beliebte Prinz das Land Richtung
Großbritannien.
Die Eigenständigkeit des Königreiches Hannover währte ohne britische Unter- stützung noch gerade 29 Jahre. Gleich zu Beginn
seiner Regierung löste König Ernst August 1837 die Verfassung des Königreichs Hannover auf. Er entließ sieben protestierende
Göttinger Professoren und den Stadtdirektor von Hannover. Die anfangs reaktionäre Politik des Königs wurde aber im Laufe
seiner Regierung von liberalen Gesetzen geprägt. Im Jahre 1848 bekam das Königreich Hannover unter ihm die liberalste
Verfassung seiner Geschichte. Er führte eine preußenfreundliche Politik und ging Bündnisse mit Preußen ein. Selbst
preußische Traditionen übernahm er in der hannoverschen Armee.
Als Ernst August 1851 starb, übernahm sein einziges Kind Georg V. Friedrich Alexander Karl Ernst August den Thron. Er war
seit dem 13. Lebensalter blind, konnte trotzdem die Regierung wahrnehmen.
Die liberalen Errungenschaften im Königreich Hannover wurden unter ihm wieder rückgängig gemacht. Im Laufe der Regierung
mussten die liberalen Errungenschaften aus dem Jahre 1848/49 aber teilweise wieder eingeführt werden. Die Politik des
Königs war nicht wie zuvor unter seinem Vater preußenfreundlich, sondern König Georg V. lehnte sich politisch Österreich an.
In der Bundeskrise von 1866 setzte sich Preußen gegen Österreich um die Vormachtstellung im Deutschen Bund durch und das
Königreich Hannover wurde im Sommer 1866 nach der Schlacht bei Langensalza von Preußen annektiert. Die Familie flüchtete
daraufhin nach Österreich ins Exil. Bis zum Tod versuchte der entthronte König sein Reich zurückzuerhalten.
Sein Enkel Ernst August regierte von 1913 bis 1918 noch im Herzogtum Braunschweig als letzter Welfe.
Im Ganzen gesehen, hatten die Martfelder immerhin 123 Jahre lang vielleicht nicht direkt, aber dennoch vieles mit
Großbritannien zu tun. Während das Inselreich sich jedoch zu einem Industriestaat aufschwang, blieb in Hannover alles
biedermeierlich. Man war und blieb ein Agrarstaat. Was wäre aus dieser Region geworden, hätte man die Industrialisierung
auch hier vorangetrieben? Man kann noch so sehr darüber sinnieren, schlussendlich kann man es nicht mehr ändern.
Henns Harries
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Erlebnisse aus der Schulchorzeit 1949 - 1959
Freizeit in der Jugendherberge in Syke und deren Vorkehrungen 1951
19.21
Während der Freizeit in Syke 1952 In der Zeit von 1949 bis 1959 leitete Frau Käthi Frei den Kinderchor der Martfelder
Schule. In diesem Zeitraum wurden mit dem Schulchor viele Unternehmungen durchgeführt. Allein 1950 war man auf dem Reitfest,
hatte einen Ausflug nach Jerusalem unternommen und das Hermannsdenkmal besucht.
1951 wollte man sich dann für drei Tage in der Jugendherberge in Syke einquartieren, um sich auch mal für mehrere Tage
außerhalb des bekannten Ortes aufhalten zu können. Das Ganze sollte jedoch 6,00 DM kosten. Für damalige Verhältnisse sehr
viel Geld, welches einige Eltern in diese; schweren Zeit einfach nicht über hatten. Das hätte dazu geführt, dass einige
Kinder nicht hätten mitfahren können. Dies war aber nicht Ziel der Unternehmung.
Also musste etwas geschehen. Man kam auf den Gedanken, einen so genannten Elternabend zu veran- stalten. Da sollten dann vor
den Gästen Gedichte aufgesagt, ein Rätselspiel veranstaltet, Volkstänze aufgeführt, ein Flötenquartett vor- gespielt und
Lieder vorgesungen werden. Frau Frei verfasste sodann einige Gedichte und übte mit den Kindern die einzelnen Projekte
heimlich; ohne Wissen der Eltern oder Bekannten.
Am 07.09.1951 wurde der Elternabend im Gasthaus Soller durchgeführt. Der Eintritt kostete für Kinder 10 Pfennig, für
Erwachsene 50 Pfennig.
Die Vorstellung erlangte bei den Besuchern ungeteilten Beifall. Sie erfreuten sich über das vorgetragene und abwechslungsreiche
Programm. Es wurde dabei so viel Geld eingenommen, dass für jedes Kind 3,00 DM zu den Fahrtkosten beigesteuert werden konnte.
Vom 11.09. bis zum 14.09.1951 verbrachte der Schulchor die Tage in der Jugendherberge in Syke. Dort erkundete man die
Umgebung bei einer Wanderung, oder übte Volkstänze ein, die dann auf dem Erntefest am 30.09 / 01.10.1951 aufgeführt wurden.
In der Herberge hatte sich zur gleichen Zeit eine Schulklasse von der Nordseeinsel Juist eingefunden. Sodann wurden
Freundschaften geschlossen und einigte sich darauf, den nächsten Sommer eine Fahrt nach Juist zu unternehmen.
Im August 1952 Verbrachte man nochmals drei Tage in der Jugendherberge in Syke. Auch dieses Mal waren die Tage mit mehreren
Unternehmungen gefüllt. So wurde jeden Tag gespielt und gesungen, Volkstänze einstudiert und vor allem viele Blaubeeren
gegessen.
Der Höhepunkt des feierlichen Treibens im Dorf war und ist das Erntedankfest. Natürlich ließ es sich der Schulchor in jener
Zeit nicht nehmen, sich mit lustigen und vergnügenden Einlagen daran zu beteiligen.
1951 verkleideten sich die Schüler als Männer (Strohhut, buntes Hemd und lange Hose) und Frauen (Kopftuch und altes
Arbeitszeug) und führten auf dem Festzelt Volkstänze auf. Nach der Vorführung schaute man sich die Darbietungen der anderen
Beteiligten zu und ließ es sich bis zum Laternenumzug um 19 Uhr mit Kaffee und Kuchen gut gehen.
Von dem Erntedankfest im Jahre 1952 ist noch das Programm des Schulchores überliefert:
- 1.) Lied "Wir bringen mit Gesang und Tanz", 2.) Lied "Was bringt uns denn der Bauer",
- 3.) Gedicht, 4.) Volkstänze "Und wenn du meinst" und "Nein, ich will nicht haben",
- 5.) Gedicht, 6.) Lied "Abends unterm Weizenkranz",
- 7.) Singspiel (Irma Köster und Marianne Mühlan), 8.) Gedicht,
- 9) Walzer, 10.) Klipp Schulchor und Klapp (mit Flöten),
- 11.) Die Klatschbasen (Darsteller: Betty Bremer und Brigitte Mühlan),
- 12.) Gedicht und 13.) Lied "Ich bin das ganze Jahr vergnügt".
Bei dem Erntedankfest 1956 führte der Schulchor ein Theatherstück vor, in dem es um eine Wetterprophezeiung ging ("Die Geschichte
des Schulzen Hoppe"). Darin entsandten fast alle Völker der Erde Vetreter, wobei die Darsteller der Chinesen Orginal-Kiminos
trugen, die eine Mitschülerin von einem Besuch in China mitgebracht hatte.
Von den 25 Darstellern sind sämtliche Namen überliefert:
Walter Grieme, Johann Meyer, Dieter Schulz, Erika Wohlers, Eva Zukunft, Sonemy Anuth, Hanna Niebuhr, Gerlinde Greilich,
Ingrid Lehmann, Bärbel Büscher, Marianne Thiesfeld, Gisela Röser, Elke Schumacher, Anneliese Gräpel, Helga Coors, Renate
Kristen, Erika Harnes, Heide Knüppel, Marlies Pietsch, Gisela Schmikale, Helga Leiß, Monika Treske, Margarete Löhnert,
Margrit Klein und Erika Volkmann.
Für das Erntedankfest 1957 probte man wochenlang das Märchen "Rumpelstilzchen". Die Kostüme wurden wieder einmal selber
hergestellt, teils auch aus Krepp-Papier. Nach dem Umzug am Montagnachmittag ging es zum Fest in den Echterkamp. Auf dem
Zelt führte der Schulchor nicht nur das Märchen vor, sondern erfreute die Besucher auch mit schönen Liedern, Singspielen
und Gedichten.
Nach der Aufführung gab es für die Schülerinnen und Schüler noch ein langes Negerkußessen, bis man sich dann dem Tänzen
hingab.
Beim letzten Auftritt des Schulchores beim Erntedankfest unter der Leitung von Frl. Frei im Jahre 1958 spielten sie das
Theaterstück "Das Spiel vom Garten". Wie in den Jahren zuvor traten die Chorschülerinnen und -schüler in selbstgemachten
Kostümen auf. Neben dem Hauptstück wurden auch wieder Lieder gesungen und gespielt und Gedichte vor getragen. Man vergnügte
sich auf dem Festzelt, bis man beim abendlichen Laternenumzug durch den Ort streifte.
Wer aus der Schule entlassen wurde oder wechselte, musste wohl oder übel auch den Schulchor verlassen. Dazu wurde in jedem
Jahr eine Abschluss- feier organisiert. Diese fand im Gast- haus Soller im Clubzimmer und auf dem Saal ab 1956 in der neu
erbauten Schule statt. Es wurde dort gespeist, einzelne kurze Theaterstücke aufgeführt, Gedichte über die den Schulchor
verlassenden Mädchen verlesen und Volkstänze getanzt.
Mit diesem Bericht über die Schulchorabgänger möchte ich meine Reihe über den Schulchor unter der Leitung von Frau
Born geb. Frei schließen. Ich hoffe, einigen Leserinnen und Lesern ein Stück Vergangenheit aus Martfeld nahe gebracht zu
haben.
Henns Harries
Bildquelle Die Schulchronik von Frau Born geb. Frei (1997)
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Martfelder Männer als Soldaten im Feld
33.22
Manche Scharmützel, Schlachten und Kriege wurden von Martfeldern in den letzten Jahrhunderten geschlagen. Mehrere Denkmäler
in der ganzen Gemeinde würdigen den Tod vieler hiesiger Soldaten in den beiden Weltkriegen. Doch nicht nur in diesen beiden
Kriegen standen Männer aus unseren Dörfern in den Schlachtenreihen, auch Jahrzehnte früher nahmen sie an bedeutenden
Konflikten teil.
Aus den Auseinandersetzungen zwischen dem Hoyaer Grafen und dem Bremer Erzbischof im Mittelalter sind uns keine Namen von
Martfelder Teilnehmern bekannt. Auch nicht aus dem schlimmen Dreißigjährigen Krieg in der ersten Hälfte des siebzehnten
Jahrhunderts.
Die Koalitionskriege 1792 - 1795
Die ersten sicheren Namen begegnen uns in den Koalitionskriegen gegen Frankreich in den Jahren 1792 bis 1795. Das
französische Volk versuchte seine durch die Revolution erkämpften Freiheiten militärisch gegen Preußen und Österreich in
einem Angriffskrieg zu behaupten. Nach mehreren Monaten griffen auch Großbritannien, die Niederlande, Spanien und deutsche
Staaten - darunter auch Hannover - auf Seiten Preußens und Österreichs in den Krieg ein.
In der Hannoverschen Armee fochten viele Männer aus unserer Gemeinde. Bekannt sind uns die nachfolgend aufgelisteten
Personen:
- Reinhardt Kautmann *23.06.72 in Hollen † 19.05.1794 in TournayFrankreich (Häuslingssohn in Hollen).
- Johann Ludwig Kaufmann *03.05.1764 in Kleinenborstel † 29.01.1794 in Rousselede Belgien (Enkelsohn des
Schulmeisters Schmidt). In den Listen ist kein Vorname vermerkt, oder Hans Friedrich *07.12.1766 Kaufmann in Frage
- P.Knüppel in Martfeld † 03.12.1766 Bruxelles Belgien (jener ist weder in den Tauf- noch in den
Konfirmationsregister vermerkt).
- Christian Heinrich Lohmann *18.11.1773 in Martfeld † 13.04.1795 in Verden (Martfeld Nr.33).
- Johann Voß *07.02.1771 in Martfeld † 22.08.1794 in Ecluse Frankreich (Martfeld Nr.89).
Napoleons Russlandfeldzug 1812
Unter der Herrschaft Napoleons 1. befand sich Frankreich ab 1800 mit kurzen Unterbrechungen im Krieg gegen Österreich,
Großbritannien (mit Hannover), Preußen, Russland und anderen Staaten. Trotz eines Friedens mit Russland marschierte Napoleon
1812 dort ein, da sich Zar Alexander 1. weigerte, mit dem Franzosen gegen die Briten zu kooperieren.
In dieser größten bis dahin aufgestellten Armee ("La Grande Armee"), nahmen mehrere Martfelder Männer teil. Von den
insgesamt 612.000 Soldaten kamen lediglich 40.000 wieder heim. Aus der Gemeinde Martfeld sind uns die folgend aufgeführten
Personen bekannt:
- Albert Hinrich Ahlenstorf *10.12.1790 in Martfeld † 1812 im Hospital Augustin zu Vilnus (dt. Wilna)
(Tuschendorf Häuslingssohn; Gefangenname im Dezember 1812 in Vilnius
- Johann Friedrich Hüve *23.01.1790 in Martfeld † 1812 im Hospital zu Moskau (Martfeld Nr.61 Gefangennahme
1812).
- Johann Heinrich Kastendiek *29.12.1791 in Martfeld † nach 1813 (Martfeld Nr.11 Gefangennahme 1812
und Rückkehr ins Vaterland Später Müller in Bremen).
- Carsten Didrich Köster *09.03.1788 in Martfeld † unbekannt (Martfeld Nr.64 vermißt in Moskau 1812).
- Johann Heinrich Lüpke *ca. 1790 † nach 1812 (Martfeld Nr.21 trat 1812 in den russischen Militärdiest).
Die Schlacht bei Waterloo 1815
Nachdem Napoleon 1. in der Völkerschlacht von Leipzig vom 16. bis zum 19.10.1813 von den Alliierten geschlagen wurde und
später abgedankt hatte, wurde er in Verbannung auf die Mittelmeerinsel Elba geschickt. Nach knapp einem Jahr kehrte er
zurück und sammelte wiederum Truppen um sich. Österreich, England (mit Hannover), Preußen und Russland stellten sich ihm
entgegen. In der Entscheidungsschlacht bei Waterloo am 18.06.1815 starben folgende Personen aus dem Kirchspiel Martfeld:
- Johann Heinrich Feldbusch *17.06.1763 in Tuschendorf Dragoner Loge (Häusling).
- Rolf Homfeld *14.07.1782 in Hollen Husar Hollen Nr.51
- Didrich Heinrich Rolf Knüppel *22.07.1786 in Martfeld Husar Martfeld Nr.14
- Christian Benjamin Köster *30.01.1786 in Martfeld Husar Martfeld Nr.76
- Renning Heinrich Wacker *05.06.1786 in der Hustedter Heide Husar Büngelshausen Nr.125
Deutsch-Französischer Krieg 1870 / 71
Napoleon III. begann in der Hoffnung, militärischen Ruhm zu ernten und seinen Onkel Napoleon 1. zu übertreffen - aber auch
bedingt durch die Diplomatie des preußischen Ministerpräsidenten und Kanzlers des Norddeutschen Bundes Otto von Bismarck
- im Juli 1870 den Deutsch-Französischen Krieg, der für Frankreich mit einer vollständigen Niederlage endete. In diesem
Krieg starben folgende Personen aus dem Kirchspiel Martfeld:
- Carl Hermann Heinrich Friedrich Köster *05.02.1846 in Martfeld † 30.11.1870 in les Cotelles Frankreich
(Martfeld Nr.76).
- Heinrich Wilhelm Steinhardt *26.08.1846 in Martfeld † 04.01.1871 bei Orleans Frankreich (Martfeld Nr.17).
Henns Harries
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Siedlungsgeschichte von Martfeld
27.5
Auf neun Seiten hatte Hartmut Bosche bereits 1989 im 3. Band über Martfeld die Geschichte des Ortsbildes beschrieben. Daher
möchte ich nur in Kurzform die Entwicklung bis 1753 beschreiben.
An der Wegkreuzung der Straßen Hoya - Bremen und Bruchhausen - Verden wurden die ersten Höfe erbaut. In der Regierungszeit
Karls des Großen wurde wohl gegen 778 der "Jagdmeierhof" gegründet. In den folgenden Jahrhunderten wurden mehrere Höfe
errichtet, so dass in der gräflichen Güterrolle von ca. 1350 schließlich 19 Stellen erwähnt werden. 1530 waren es bereits
62 Höfe.
Als 1753 Brandkassennummern für jede einzelne Stelle vergeben wurde, zahlte man in Martfeld mitsamt den geistlichen
Gebäuden 122 Höfe.
Die nächste größere Erweiterung des Ortes erfolgte mit der Ansiedlung ehe maliger Soldaten zwischen Martfeld und Hustedt.
Daraus bildete sich später der Ort Büngelshausen. Als den Bauern ab 1835 durch das sog. Ablösegesetz die Möglichkeit geboten
wurde, sich von der Gutsherrschaft freizukaufen, brachten sie das Geld oft durch Verkauf von Land auf. Häuslinge und
jüngere Bauernsöhne nutzten diese Gelegenheit zur Gründung von eigenen Stellen. Entweder wurden Lücken zwischen den alten
Höfen durch Neubauten geschlossen oder man siedelte sich an den Rand der Ortschaft an. Einige Bauern nutzten auch die
Chance, ihre beengten Höfe auszusiedeln.
Viele bauten ihre Häuser an große Verbindungsstraßen. Im Ortsteil Stühr wurde fast ausschließlich an der Hauptverkehrsstraße
in Richtung Bruchhausen gebaut. Neben dem Stühr fanden noch viele Neubauern ihren Platz in der Martfelder Heide. Einige
wenige siedelten sich in der Alten Weide an. Vernachlässigt wurden hierbei die Bereiche östlich des Ortendes und
südwestlich der Achse "Dorfstraße - La Bazoge". Beim Ortende lag der Grund darin, dass hier in damaliger Zeit die "Kornkammer"
Martfelds lag. Daher sollten diese Felder nicht bebaut werden.
Als am Gründonnerstag 1881 ein großer Teil des Dorfes durch Feuersbrunst verwüstet wurde, veränderte sich wiederum das
Dorfbild. Viele siedelten ihre Höfe aus dem Dorf aus. Zwischen 1881 und dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde das Dorfbild
nicht nachdrücklich verändert.
Wir machen nun einen Sprung in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Nun wurde mit Hilfe von Gesetzen die Besiedlungsmöglichkeiten
reglementiert. In Außenbereichen durften z.B. nur privilegiert Bauten errichtet werden. Hierunter fallen u.a. landwirtschaftliche
Nebengebäude. Mit sog. Bebauungsplänen konnte die Gemeinde nun die Siedlungsstruktur in gewisse Richtungen lenken.
Ab den 1960er Jahren wurden in Martfeld die ersten großflächigen Ansiedlungen unternommen. Errichtet wurden neue Wohnhäuser
in der "Breslauer Straße" (Hausnummern 269 - 273), "In der Heide« (Hausnummern 294 - 298 (südliche Seite) und 327 - 330
(nördliche Seite]), in der "Elbinger Straße" (Hausnummern 299 - 305), im Bereich "Heidstraße - Zum Taubenheim"
(Hausnummern 311 - 316), im "GlatzerWeg" (Hausnummern 322 - 324) und "In der Weide" (Hausnummern 333 - 337).
1981 wurde nach einigen Jahren die nächste "Bauwelle" eingeleitet, in der Martfelder Heide wurden mit dem Bebauungsplan
(B - Plan) Nr.19 (7/9) wieder viele Grundstücke zum Bebauen angeboten Ab 1992 kam der Stein dann vollends ins Rollen. Mit
vier B - Plänen wurden bis 2004 größere Gebiete zur Wohnbebauung ausgewiesen ("Sünder", "Rietlake", "Riedekamp" und
"Wiesengrund") Die B - Pläne "Sandpott" und "Alter Kamp sind derzeit in Vorbereitung.
Daneben wurde bis heute ein Gewerbegebiet geschaffen "Bremer Straße - Am Funkturm".
Es ist unschwer zu erkennen, dass sich Martfeld seit nunmehr 170 Jahren schwerpunktmäßig in nordwestlicher Richtung
ausbreitet. Dies scheint sich bzgl. der Planung der Gemeinde auch in den kommenden Jahren nicht zu ändern.
Mein Dank gilt hier noch der Samtgemeinde Bruchhausen - Vilsen, die mich mit Material versorgte.
Henns Harries
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Das alte Pfarrhaus in Martfeld
3.7
Das alte Pfarrhaus in Martfeld Mancher wird es vor kurzem der Tagespresse entnommen haben: Pastor i.R. Paul Rohde verstarb
96jährig in Hildesheim. Einen großen Teil seines Lebens verbrachte Rohde als Pastor in Martfeld. Hier bewohnte er als
letzter Geistlicher das alte Pfarrhaus. Dieses Haus hat in seiner langen Geschichte schon manchen Widrigkeiten stand
gehalten. Grund genug, einmal einen Blick auf seine Vergangenheit zu werten. Das tat 1932 bereits Pastor i.R. Gustav
Twele in seiner Heimatchronik "Das Kirchspiel Martfeld". Der folgende, an einigen Stellen gekürzte Bericht stammt aus
dieser Chronik.
"Der gegenwärtige Pfarrbesitz umfaßt neben dem Platze, auf dem das Pfarrhaus mit ausgebauter Scheune steht, ein Areal von
2 Morgen = 6 Himsaat". Da aus katholischer Zeit keinerlei Nachrichten überkommen sind, muß die Angabe eines bestimmten
Jahres für die Gründung der Pfarre unterbleiben; aber da bereits 1420 eine Kirche zu Martfeld erwähnt wird, kann gemutmaßt
werden, daß zu derselben Zeit - vielleicht auch schon früher, denn die Kirche kann schon länger bestanden haben.
Nach einem Kapitular Karls des Großen soll, wie ich bei dieser Gelegenheit erwähnen will, für je 120 freie Familien eine
Kirche gebaut und diese mit einer Wedeme oder Wedehof (Pfarre) ausgestattet werden, die aus einem Hofe (curtis) und zwei
Unterhöfen (mansi) bestände.
Wie lange dieses Haus gestanden hat, ob es noch dasselbe gewesen ist, das am 19. Dezember 1745 einem Brand zum Opfer fiel,
möchte ich bezweifeln, denn innerhalb der mehr als 300 Jahren, die dazwischen liegen, wird wohl schon ein zweites an die
Stelle des ersten getreten sein.
Das jetzige Pfarrhaus ist im Jahre 1746 erbaut, und wenn das Vorderhaus - das Wirtschaftsgebäude - ebenso alt ist, würde es
gleich mitgebaut worden sein; eine Renovierung hat aber, wie die Inschrift über der großen Scheunentür dartut, im Jahre
1869 stattgefunden.
Zu den Kosten des 1746 erbauten Pfarrhauses hat die Kirche aus ihren Mitteln 235 Reichstaler vorgeschossen; eine Rückzahlung
ist von dem Konsistorium erlassen worden, weil, wie ich aus der Beantwortung eines Moritums in der Kirchchenrechnung vom
Jahre 1751 ersehe, die Gemeinde mehr als 600 Reichstaler aus dem Feuer gerettet hat.
Das gegenwärtige Pfarrhaus sollte bereits wegen Baufälligkeit im Jahre 1881 abgerissen werden und durch ein neues ersetzt
werden. Kostenanschlag und Riß waren schon fertig, überhaupt alles zu einem Neubau vorbereitet, als man sich trotzdem zu
einer Restauration entschloß. Aber die Restauration bereitete keine Freude, sondern Schmerzen; nach 3 Jahren machte sich
der Schwamm in drei unteren Zimmern bemerkbar; um dem abzuhelfen, mußten sämtliche Räume aufgerissen werden, was wieder
erhebliche Kosten verursachte. Der ganze Neubau war auf etwas über 21 000 Mark veranschlagt, die Restauration des alten
Gebäudes hatte über 7 000 Mark verschlungen. In den folgenden Jahren wurde weiter geflickt, und die Flickereien verschlangen
soviel Geld, daß mir einer der Kirchenvorsteher sagte, bei einem Neubau hätte sich die Gemeinde besser gestanden.
Trotz seines Alters und seiner Gebrechlichkeit ist mir persönlich das Pfarrhaus eine liebe, behagliche Behausung gewesen,
in der ich mich während meiner 33 Jahre recht wohl gefühlt habe, wenn es mir auch an Leid in dem Martfelder Pfarrhaus nicht
gefehlt hat. Die Zimmerlage war glücklich, Morgen- und Mittagssonne, und da man von einem Wohnraum in den anderen kommen
konnte und jeder wieder durch einen besonderen Eingang auf den großen Flur führte, konnte man sie zu größeren und kleineren
Zusammenkünften dienstbar machen. Wenn mir mein Packer, der mir meine Sachen von Heinsen, meiner ersten Stelle, wo ich der
erste eines schönen, neuen Hauses war, nach Martfeld brachte, wo ich ein altes Haus bezog, sagte: "Herr Pastor, sie kommen
von einem Palaste in eine Hütte." So ist mir das während meiner langen Jahre in der Martfelder Pfarre niemals zu Bewußtsein
gekommen.
Noch vor dem Kriege wurde das Pfarrhaus mit elektrischem Licht versehen, was während der schweren Kriegsjahre sehr angenehm
war; versagte das elektrische Licht auch häufig, so brauchte man doch nicht aus Mangel an Petroleum noch häufiger im Dunkeln
sitzen. Da in dem Pfarrhaus selbst kein Zimmer für den Konfirmationsunterricht vorhanden, wurde vor dem Pfarrhause ein
eigenes Konfirmandenhaus erbaut, das nur einen Fehler hat, es besitzt zu viele Fenster und ist deshalb schwer zu heizen.
Der Plan, die Diele der Pfarrscheune zu einem Gemeindesaale umzubauen, wofür alles vorbereitet war und auch die Gelder,
ohne die Hülfe der Gemeinde oder Kirchengemeinde in Anspruch zu nehmen, bereit lagen, konnte wegen des Ausbruchs des
Krieges 1914, in welcher Zeit der Umbau vor sich gehen sollte, nicht zur Ausführung gelangen. Und doch wäre ein Gemeindesaal
bitter nötig gewesen, um die Arbeit an der Jugend und in den Vereinen ersprießlich treiben zu können.
Ich hoffe, daß auch in dieser Beziehung für die Kirchengemeinde Martfeld ein Zeitpunkt kommen wird, wo das damals durch die
Zeitlage Verhinderte zur Ausführung kommen kann. Unter den sonstigen baulichen Veränderungen, die am Pfarrhaus und in dem
Anbau vorgenommen wurden, möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß die Strohbedachung durch eine feuerfeste Pfannenbedachung
ersetzt wurde; auf dem Wohnhause geschah das im Jahre 1875 und auf der Scheune 1897; auf dieser galt es auch, den Dachstuhl
für die Pfannenbedachung tragbarer zu machen. Ein alter Schmuck an dem Pfarrgebäude hat in den letzten Jahren beseitigt
werden müssen; das den westlichen Giebel von unten bis oben schmückende Efeu mußte entfernt werden, weil es dem Dache zu
viel Schaden tat.
Als ich 1895 nach Martfeld kam, besaß der nach Osten gelegene Teil des Gartens eine kleine Parkanlage, die sich um einen
kleinen Teich gruppierte. Im Kriege (1914 - 18) wurde die Anlage nach und nach beseitigt und nach dem Kriege die durch
Hügel und Täler unebene Fläche wieder geebnet und der ganze von Bäumen, usw. bestanden gewesene Fleck seiner ursprünglichen
Bestimmung zurückgegeben. Nur der von Pastor Dürr angelegte unterirdische Gang und die vor und hinter dem Gange stehenden
Bäume nebst der Grotte mit der schönen Kastanie blieben erhalten.
Südlich stand das alte Backhaus der Pfarre; zu Pastor Hartmanns Zeit (1875 - 1881 in Martfeld tätig gewesen) ist es an
Heinrich Semsrott auf dem Stühr (Nr.3) verkauft und dort im Garten vor dem Hause wieder aufgebaut worden, wo es noch heute
von der Landstraße aus gesehen werden kann. Ein kleiner Stall, der noch auf dem Pfarrhofe stand, ist in den letzten Jahren
beseitigt worden; er diente als Hühner- und Holzstall, auch als Behausung für des Pastors Schweine.
Die Pfarrstelle ist eine Vollmeierstelle; der gesamte Grundbesitz der Pfarre beträgt 48 ha 12 ar 43 qm. Das Einkommen der
Pfarre hat sich infolge des aus den Teilungen, Verkopplungen, usw. hinzugekommenen Grundbesitzes verbessert; im Jahre 1661
brachte die Pfarre nach alten Akten erst 119 Taler, 2 Groten; 1724 dann 250 Taler und 1776 400 Taler auf. "Diesem Bericht
hatte Pastor Twele vorangefügt: "Was ich von Anfang meiner Tätigkeit an bei der Betrachtung des Pfarrgehöftes schon immer
vermutet und auch verschiedentlich ausgesprochen habe, daß der ganze Landkomplex, der im Westen von der Dorfstraße Hoya -
Bremen [Kirchstraße], im Norden von der Dorfstraße nach der Feldmühle (Alter Schulweg), im Osten von dem Verbindungswege
beider (Ortende) und im Süden von der jetzigen Meyerschen Stelle (Görken Johanns Meyer) Nr.74 begrenzt wird, zum
Pfarrbesitz gehört hat und daß die Küsterei und die Wurz'sche Stelle (Laue) aus ihnen ausgeschnitten sind, hat durch das
Lagerbuch des Kirchspiels Martfeld vom Jahre 1583 seine urkundliche Bestätigung gefunden." Soweit Pastor Twele.
Das alte Martfelder Pfarrhaus wurde nach Tweles Ruhestandsauszug von Pastor Emil Boye bewohnt, der aber schon 1932 an einem
Herzleiden starb. Somit zog 1932 Pastor Paul Rohde in das alte Gemäuer und fühlte sich im Hause und Garten bis zu seinem
Ruhestand im Jahre 1968 sehr wohl.
Nun meinte aber der Kirchenvorstand, keinem neuen, jungen Pfarrer wäre zuzumuten, ein solch altes Gebäude zu bewohnen. So
wurde es an die heimatvertriebenen Mitbewohner Emma Gleich, geb. Messner, und ihren Bruder verkauft.
Ein neues Pfarrhaus wurde auf dem eigenen Grundstück am "Alten Schulweg" errichtet. Nach dem Tode der Geschwister - Emma
starb am 3.März 1988 93jährig - verkaufte es die Nichte und Erbin. Heute sind Barbara Hache und Doris Müller stolze
Eigentümerinnen und Bewohnerinnen des schön ausgebauten, sehenswerten Hauses. Wie ein grüner Dom stehen die Linden dort
im Vorhof. Zwar ist vom Grundstück der alten Pfarre nur noch der größe Garten ringsum das Haus geblieben. Der Ort ist
dennoch ein wahres Kleinod, eine Oase in Martfeld. Heute Ist das alte Pfarrhaus hinter vielen Bäumen gut versteckt.
Charlotte Homfeld
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Dorfgemeinschaftshaus "Alte Schule" in Hustedt
Arbeiten abgeschlossen / Viele Gäste bei Einweihung am 8. Oktober
33.12
Nun ist es geschafft! Nur gut ein Jahr nach der ersten Planung eines Dorfgemeinschaftshauses für die Einwohner aus Hustest
und Büngelshausen ist die ehemalige Sozialwohnung der Samtgemeinde zu einem großen Gemeinschaftsraum umgebaut worden. Die
Bestuhlung reicht für ca. 60 - 70 Personen. Ebenfalls ist der Anbau fertig gestellt, der durch eine große 2-flügelige Tür
mit dem Hauptraum verbunden werden kann und nochmals für 70 - 80 Personen Platz bietet. Dieser Raum kann aber auch als
mobiler Schießstand mit sechs Schießständen für den Schützenverein Hustest verwendet werden.
Bei der Einweihungsparty am 8. Oktober 2006 kamen über 150 Einwohner aus Hustest und Büngelshausen. Aber auch Gäste aus der
Politik und Mitarbeiter der Firmen, die am Umbau beteiligt waren. So lobte zum Beispiel Samtgemeindebürgermeister Horst
Wiesch den guten Zusammenhalt der Bürger aus Hustest und Büngelshausen. Viel Freude bereitete dem 1.Vorsitzenden des
Fördervereins "Alte Schule" e.V, Jürgen Lemke, die Übergabe eines Schecks der Volksbank in Höhe von 1000,-€ Aber auch der
Erlös des von Frauke Döhrmann organisierten Hof - Flohmarktes sowie die Geldspenden der Jagdgenossenschaft und der
Kreissparkasse gingen an den Förderverein.
Für gute Stimmung während der Veranstaltung sorgte Johann Ahlers. Mit einem Akkordeon und seinem Gesang bewaffnet schaffte
er es, die Gäste zu animieren und zum Mitmachen auf zufordern. Ebenfalls für gute Stimmung, und das nicht nur bei den jungen
Gästen, sorgte ein Clown aus Langwedel. Er zeigte viele lustige Zaubertricks und animierte die Kinder.
Der 1. Vorsitzende Lemke wünscht sich für die Zukunft, dass es auch wieder eine Nachtwanderung in Hustest gibt. Sie war bis
zur Schliessung des Gasthauses Leiding immer eine sehr erfolgreiche Veranstaltung. "Den Veranstaltungen im Bereich Kultur
seien aber keine Grenzen gesetzt" sagte Lemke. "Wer Vorschläge hat, kann mich jederzeit gerne ansprechen". Als Beispiel
nannte er Veran- staltungen für Senioren und Kinder oder auch Bastelnachmittage.
Ein dauerhaftes Angebot wird es ab Januar 2007 schon geben. Ellen Scheurer aus Büngelshausen hat einen Raum im Obergeschoss
angemietet, der derzeit gerade hergerichtet wird. Sie ist Kunst- pädagogin und wird handwerkliches Gestalten für Kinder
anbieten.
Dirk Bröer
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Hustedter Chronik
19.17
Nach einem bereits glücklosen Versuch, eine Chronik für Hustedt zusammenzustellen, hat sich am 26. Februar und am 12. März
2002 eine Gruppe von Hustedtern zusammengefunden, um einen zweiten Versuch in Angriff zu nehmen. Den Aufruf startete der
Heimat - und Verschönerungsverein Martfeld. Die Resonanz der Hustedter für die Mitwirkung bei der Erstellung der Hustedt
- Chronik war sehr positiv. Mehr als zehn Personen haben sich spontan bereiterklärt, redaktionell mitzuwirken.
In der Chronik soll detailreich jeder Bauernhof in Hustedt beschrieben werden, wie und wann er entstanden ist und wie die
Menschen früher auf ihm gelebt haben. Des Weiteren werden auch Familienchroniken aufgelistet. Außerdem werden über die
Entstehung des Dorfes Hustedt allgemein Geschichten geschrieben. Weiterhin soll auch der landwirtschaftliche Werdegang
beschrieben werden, wie die Menschen früher z.B. auf dem Land das Getreide eingefahren haben. Aber auch "Döntjes" zu
"Hustedter Originalen" sollen mit eingebracht werden.
Da es sich bei einer Chronik um viele Jahrhunderte handelt, die mühsam "abgeklappert" werden müssen, wird die Hustedt -
Chronik natürlich noch nicht im nächsten Monat erscheinen. Mit einer Fertigstellung wird voraussichtlich in zwei bis drei
Jahren gerechnet. Wer bei sich zu Hause, noch alte Bücher, Fotos oder Schriftstücke hat, in denen sich Informationen finden,
kann sich bei Dirk Bröer (Tel.: 04255 - 982365) in Hustedt melden!
Das obenstehende Foto zeigt z.B. eine Postkarte aus Hustedt, die ca. um die Jahrhundertwende entstanden ist.
In der Ausgabe Nr. 19 im April 2002 wurde bereits gemeldet, dass einige Hustedter Einwohner an einer Dorfchronik arbeiten.
Nach nunmehr 2½ Jahren haben überwiegend Elfriede Dohrmann, Claus Grieme, Horst Lässig, Heinrich Leiding, Brunhilde
Ohlendorf, Ernst Warmbrunn, Friedrich Wetje, Walter Wichelmann und Johann Winter viele Texte verfasst. Daneben arbeiten
Hartmut Bösche, Dirk Bröer und Henns Harries einige Informationen auf, die sich überwiegend mit der Geschichte des Dorfes
und ihrer Höfe beschäftigen. Viele Mitbewohner haben alte Dokumente oder Fotos zur Verfügung gestellt.
Es liegen u.a. bereits Texte über den Schützenverein, der Freiwilligen Feuerwehr, der Handwerker, der Gastwirtschaften und
der Jagd vor. Manch andere Themen erhalten gerade ihren letzten Schliff. Darunter gehören u.a. die Teilungen, die
Bürgermeister, die Schule und die Geschichte des Dorfes und der einzelnen Höfe.
In den regelmäßig stattfinden Besprechungen der Arbeitsgruppe werden viele Informationen ausgetauscht. Einige Fakten sind
sehr überraschend und laden zum Schmunzeln ein. So liegen z.B. im Staatsarchiv in Hannover Akten über den Prozess über
einen Schafsmisthaufen. Was heute banal klingt war damals ungeheuer wichtig. So wichtig, dass das Verfahren über zwanzig
Jahre andauerte und einen Aktenberg von ca. einem halben Meter Höhe fabrizierte.
Die Arbeitsgruppe hofft, die Arbeiten in kurzer Zeit abschließen zu können. Es wird angestrebt, im nächsten Jahr ein Buch
mit 450 bis 500 Seiten Umfang über den Heimat- und Verschönerungsverein Martfeld zu veröffentlichen.
Hustedt - Chronik fertig gestellt
6. Schrift der Martfeld Reihe / Vergangenheit und Gegenwart.
Von links nach rechts;
Klaus Grieme, Ulrike Ehlers. Heinrich Leiding, Brunhilde Ohlendorf, Hartmut Bösche, Horst Lässig, Fritz Wetje,
Olaf Stührmann, Elfriede Döhrmann, Henns Harries, Ernst Warmbrunn, Walter Wichelmann, Johann Winter.
Nicht auf dem Bild: Eckard Weber, Charlotte Homfeld Dirk Bröer.
Zufriedenheit herrschte am Freitagabend bei den Gästen der Familie Wetje in Hustedt. Fritz Wetje hatte seine Mitstreiterinnen
und Mitstreiter und weitere Gäste eingeladen, um die Fertigstellung der "Hustedt - Chronik" als sechste Schrift der
Martfelder Reihe "Vergangenheit und Gegenwart" in einem würdigen Rahmenzufeiern. Die Texte gingen als fast fertige
Druckvorlage von Hand zu Hand.
Bei der Begrüßung ließ Fritz Wetje als Leiter und Koordinator einer elfköpfigen Arbeitsgruppe die letzten fünf Jahre
engagierter Forschungsarbeit Revue passieren, nicht ohne jede einzelne Person für die geleistete Arbeit zu würdigen.
Elfriede Döhrmann, Brunhilde Ohlendorf, Ernst Warmbrunn, Heinrich Leiding, Claus Grieme, Johann Winter, Olaf Stührmann,
Horst Lässig, Marco Harries,
Dirk Bröer, Walter Wichelmann wurden unterstützt von Charlotte Homfeld und Eckard Weber. Besonders wies Fritz Wetje auf die
Geschichte der Hofstellen, die Teilung der Hustedter Gemeinheiten, die SchulChronik und die traurige Geschichte der
Brandstifterin Gesche Reuter hin. Auch Nachkriegsgeschichte z.T. als Berichte von Augenzeugen ist mit aufgenommen worden.
Von besonderem Wert für das Entstehen der Chronik sei das Gemeinschaftsgefühl der Gruppe gewesen. Sie hätte sich regelmäßig
getroffen und kontinuierlich an den einzelnen Quellen und Texten gearbeitet. Besonders hob er die Leistung von Hartmut
Bösche hervor, seine Erfahrungen und die professionelle Forschungsarbeit hätten die Erstellung der Chronik erst ermöglicht.
Für die technische Erstellung der Druckvorlage bedankte er sich besonders bei Ulrike Ehlers.
Der Vorsitzende des Heimat- und Verschönerungsvereins Martfeld Anton Bartling bezog sich in seiner Dankesrede auf ein
Goethe Zitat: "Eine Chronik schreibt nur der jenige, dem die Gegenwart wichtig ist." Die Gegenwart sei geprägt durch einen
tief greifenden Wandel, der auch an Hustedt nicht vorbeigegangen sei. Die Landwirtschaft habe als prägender Faktor längst
ihre Rolle verloren. Neue Bürgerinnen und Bürger hätten alte Höfe übernommen oder neue Häuser gebaut. Geschichte der
Kleinräumigkeit helfe sich in der Gegenwart zu orientieren, eine Chronik zeige gewissermaßen die Bodenschichten, in denen
sich Menschen neu verwurzeln könnten. Wurzel, Umpflanzen und Neu - Verwurzeln sei in der aktuellen "Heimatdiskussion"
ein wichtiges Thema. Eine Chronik könne hierbei eine wichtige "Wegweiserfunktion" übernehmen. Abschließend bedankte
A. Bartling sich im Namen des HVV bei den Akteuren und erhob das Glas auf die Vergangenheit, die Gegenwart und Zukunft
Hustedts. Bei dem nachfolgenden gemütlichen Essen wurde noch so manche Geschichte erzählt, die in der aktuellen Chronik
fehlen wird. Mit Spannung wird der Verkauf der Hustedt Chronik ab Anfang Dezember 2005 auf dem Christkindl Markt erwartet.
Einig ist man sich darin, dass das Buch nicht nur auf den Hustedter Gabentischen liegen sollte.
Anton Bartling, Henns Harjes u. Dirk Bröer
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Dorfbild sehen, verstehen und erhalten
04.5
Wie alle Niedersächsischen Dörfer ist auch unser Dorfbild geprägt vom Niederdeutschen Hallenhaus. Dieser Haustyp hatte sich
in seiner Konstruktion über viele Jahrhunderte als Wohnhaus und Produktionsstätte für last alle lebensnotwendigen Dinge des
täglichen Lebens bewahrt. In ihm wohnten Mensch und Tier, die tägliche Nahrung, Kleidung und Werkzeuge wurden produziert,
unterm Dach war ein Lagerplatz für Heu und Stroh und au t dem Schüttböden lagerte das Korn /.um Brotbacken. Dieses blieb
bis zur Jahrhundertwende so.
Obwohl sich viele Martfelder Bauernhäuser heute in ihrer Ansicht - oft zu ihrem Nachteil verändert haben, können wir sie
doch noch eindeutig an ihrer äußeren Form erkennen. Mit ihren grossen heruntergezogenen Dachflächen, deren Traufe man last
berühren kann, bestimmen sie unter hohen Eichen das Bild der Höfe.
Der Wirtschaftsgiebel mit seinem Krüppelwalm und der großen - oft kunstvoll verzierten - Tür, dem Namen des Bauherrn und
dem Baudatum im Fachwerk, blickt uns entgegen. Aber auch die Rotsteinhäuser die nach dem großen Brand 1881 im damals neuen,
fortschrittlichen Baustil, zum Teil mit prachtvollem Steilgiebel entstanden sind, besitzen verschiedene in Ziegelstein
gemauerte Schmuckelemente sowie Name und Baujahr im Schlußstein über der Groot Dör, oder auf einer eingelassenen Steinplatte.
Die Giebel haben oft als letztes originales äußeres Bauteil die Eingriffe der letzten Jahrzehnte überlebt, dennoch stören
heute einige ehemalige Rotsteingiebel, die unsensibel glatt zuge- pflastert wurden, das Dorfbild. In der Mitte dieser Tür
steht ein Balken, der "Dössel", der manchmal sogar mit Schnitzereien verziert war (auch das gibt es in Martfeld noch). Er
hält die Flügel des Tores zusammen und wurde herausgenommen, wenn der beladene Erntewagen auf die Diele fuhr. Vor jeder
Groot Dör gab es außerdem eine hölzerne, zweiflügelige Pforte, das so genannte Heck. Es hielt Tiere, Kinder, oder auch den
Hofhund bei geöffnetem Tor außerhalb, oder innerhalb des Hauses, je nachdem ... Die Hakenlöcher dieser Pforten kann man
noch an fast allen Häusern rechts und links im Balken finden, an zwei oder drei Häusern sogar die Pforten selber.
Treten wir nun auf die Diele, sehen wir erst einmal nichts, und erst, wenn sich unsere Augen an das diffuse Licht gewöhnt
haben, beeindruckt uns ein Raum von den Ausmaßen einer Halle, deswegen auch die Bezeichnung "Hallenhaus". In dieser Halle,
der Diele, war der Platz für die Tiere, also Kühe, Rinder und Pferde. Diese standen rechts und links, im niedrigen Teil der
"Halle", hinter den Ständern. Die Ständer sind die mächtigen, aufrecht stehenden Balken, die zu zweit jeweils einen
Deckenbalken tragen, der über zehn Meter lang sein kann, und in den älteren Häusern mehr als 50 cm im Durchmesser haben kann.
Von dieser Konstruktion - ein Ständer links, ein Ständer rechts, und ein Deckenbalken - haben unsere Bauernhäuser ihren
Namen: Zweiständer - Haus (es gibt auch Dreiständer und Vierständerhäuser). Wo Ständer und Deckenbalken zusammenkommen,
fällt ein schräg nach oben zeigendes, mit auffälligen barocken Rundungen verziertes, oder aber schlich! gekehltes Holz auf,
das "Kopfband". Dieses Element gibt der ganzen Konstruktion Halt und Stabilität. An der Form dieser Bänder kann man in etwa
das Alter ihrer Konstruktion und somit auch des Hauses bestimmen. Da diese, das Dach tragende Konstruktion im Inneren des
Hauses liegt und vor Witterung geschützt ist, kann es viel älter sein, als die äußere Hülle des Hauses, die vielleicht
schon ein oder zwei mal erneuert wurde.
Also ein Haus mit einer Jahreszahl 1835 kann ein 200 Jahre älteres Innengerüst haben. Auch die meisten Rotsteinhäuser haben
ein Innengerüst aus wieder verwendeten Fachwerkbalken, da das Material zu wertvoll war, um es wegzuwerfen kann man an
vielen Holznagel - Zapfenlöchern erkennen, die bei erneuter Verwendung keine Funktion mehr haben.
Wenn wir jetzt auf der Diele stehen blicken wir in den meisten Fällen auf eine Wand mit einer zweiflügeligen Tür mit
Oberlicht. Vor hundert Jahren hätten allerdings direkt auf das auf dem Boden brennende Herdfeuer gesehen, denn damals gab
es diese Wand noch nicht. Dieser Bereich, das Fleet, erstreckte sich von Außenwand zu Außenwand und zur Diele hin offen.
Der Fußboden war mit kleinen Kieselsteinen gepflastert, dem so genannten Kieselflett. In den ärmeren Häusern gab es dagegen
nur Stampflehm Fußböden.
Hier spielte sich das bäuerliche Leben ab, hier wurde gekocht, gesponnen, gewebt und all die anderen Hausarbeiten verrichtet.
Heute sind an dieser Stelle Zimmer eingebaut, oder auch ein Flur, und das Kieselflett ist mit Zementfußboden bedeckt. Bei
Renovierungsarbeiten kann man diese kunstvollen Kieselmuster noch entdecken (wie vor kurzem auf dem Hof Pepers), aber auch
noch vom offenen Herdfeuer geschwärzte Balken kommen zum Vorschein.
Vom Flett aus kommen wir durch niedrige Türen ins Kammerfach. Drei Kammern gab es hier, die rauchfrei waren. Eine davon
wurde mit einem Bilegger, einem Fünfplatten geheizt. Der Rauch wurde einfach ins Flett unter die Decke geleitet, da die
Rauchhäuser ja keinen Schornstein hatten. Die gußeisernen Platten, verziert mit Niedersachsenroß oder anderen Stilelementen
findet man heute z.B. als Abdeckung von Jauchegruben.
Das Leben in der Vergangenheit aber auch nicht mehr vorhandene Bauteile haben in den alten Häusern ihre Spuren hinterlassen.
Jedes leere Zapfenloch, jedes Holznagelloch, Holzoberflächen und Gebrauchsspuren erzählen uns eine Geschichte. Der geübte
Betrachter kann in ihnen lesen, wie in einem Buch. Diese Spuren helfen uns auch bei der Reparatur der alten Bausubstanz.
Mit ihrer Hilfe können wir Aussehen und Lage nicht mehr vorhandener Bauteile erkennen und ersetzen, um einen ursprünglichen
Zustand wieder herzustellen und somit einen Teil der Hausgeschichte wieder sichtbar zu machen.
Wenn sie als Althausbesitzer Fragen zur Baugeschichte Ihres Hauses haben, bzw. Altes sanieren, reparieren oder renovieren
wollen, und nicht wissen, "was wie machen" wir von der Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V. (IGB) helfen Ihnen weiter.
Vielleicht gelingt es uns, die letzten Fachwerkhäuser, die für Martfeld typischen Rotsteinfassaden, und die oftmals
"nutzlosen" Nebengebäude (auch die, die nicht unter Denkmalschutz stehen,) für das Ortsbild zu erhalten. Zuviel ist in den
letzten Jahren verloren gegangen.
Sollte trotz aller Erhaltungsbemühungen der Abriß drohen, machen Sie Fotos oder eine Zeichnung, egal, ob sie nur Fenster
austauschen, oder ein ganzes Gebäude abreißen. Das kleinste Detail kann wichtig für die Hausforschung sein. Wir archivieren
diese Unterlagen. Ebenso archivieren wir auch alte Bauteile von besonderer Bedeutung für die Baugeschichte, z.B. Fenster,
Türen, besondere Steine oder Holzteile.
Helfen Sie mit, Vergangenes zu erhalten und zu bewahren, damit Martfeld sein Gesicht behält und nicht wie viele andere
Dörfer zu einem No - Name-Ort wird. Was heute verschwindet, wird uns morgen fehlen, und erst wenn es nicht mehr da ist,
werden wir es vermissen.
Bernd Kunze
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Alte Scheune in Normannshausen.
13.16
Die Geschichte unserer Dörfer geht weit zurück. In vielen Archiven, ja selbst auf Bauernhöfen, befinden sich Schriftstücke
aus dem 16. Jahrhundert oder noch früher. gesammelt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden diese in Dorfchroniken,
die in den vergangenen Jahren in recht großer Zahl erschienen sind. Wie sieht es aber z.B. mit dem Bestand von Gebäuden aus,
gibt es Bauernhäuser oder Nebengebäude, die ebenso alt sind?
Diese Frage ist eindeutig mit JA zu beantworten. Durch intensive Suche und Forschung Der Interessengemeinschaft Bauernhaus
e.V. (IGB) sind zwischen-zeitlich in den Bereich der früheren Grafschaft Hoya über 30 Bauernhäuser aus der Zeit des 16.
Jahrhunderts bekannt, hinzu kommen ca. 10 Speicher und Scheunen. So wurde auch eher zufällig eine alte Scheune in
Normannshausen entdeckt, die äußerlich keinerlei Anzeichen eines historischen Gebäudes macht. Auf dem Hof Lackmann, dem
früheren Hof Normann, Normannshausen Nr.56, steht dieses kleine verbreiterte Gebäude, vom Hof selbst durch eine kleine
Zufahrt getrennt.
Doch ein Blick durch die Tür lässt dem Fachmann das Herz höher schlagen. Stark gekehrte Kopfbänder, baumwüchsige gebogene
Riegel und Deckenbalken, z.T. uralte Lehmausfachungen lassen auf ein hohes Alter schließen. Die Größe der Scheune beträgt
ca. 9 x 5,5 m und ist 3 Fach lang und 2 Fach breit. Wie stellt man nun aber fest, wie alt das Gebäude tatsächlich ist? Hier
hilft eine dendrochronologische Untersuchung. Das heißt, aus einigen Eichenhölzern werden bleistiftgroße Bohrkerne entnommen
an denen nach genauer Analyse der Jahresringe das Jahr der Fällung festgestellt werden kann. Das wurde durch die IGB auch
hier gemacht und es kamen zwei verschiedene Daten heraus. Einige Hölzer wurden 1570 gefällt, andere 1703.
Jeweils 1 - 2 Jahre danach wurden diese Hölzer in der Regel verbaut. Mit Hilfe eines genauen Aufmaßes lässt sich die Scheune
nun folgendermaßen beschreiben.
Der älteste Teil von 1570 ist eine kleine Scheune von 2 x 2 Fach = 6,5 x 5,5. Die Ständer standen auf Findlingen ohne
Schwelle, verbunden jeweils durch einen in der Mitte angebrachten Riegel und einem Fußriegel. (Die Zapfenlöcher der Fußriegel
sind nur noch in Rudimenten zu sehen, da den Ständern am Fuß ca. 20 bis 30 cm fehlen.) Am Kopf sind sämtliche Ständer an
jeweils zwei Seiten mit kleinen Kopfbändern versehen, die im Rähm verzapft sind Die Deckenbalken sind mit den Ständern in
Form von eingehälsten Ankerbalken verbunden und zusätzlich wiederum mit Kopfbändern gesichert, hier aber in erheblich
größerer Ausführung. An beiden Giebelseiten liegen gebogene Deckenbalken mit der Rundung nach Außen. Zusätzlich befinden
sich in ihnen jeweils zwei Zapfenlöcher, worin horizontal nach außen kleine Kragarme einen vorkragenden Walm hielten. d.h.
die Walme standen an beiden Giebelseiten in der Form von Steckwalmen um mindestens 50 cm über. Eine Tür hatte diese Scheune
wohl nicht, wodurch sie als Heuscheune zu erkennen gibt. Diese hatten nur Klappen im oberen Fach, wodurch das Heu hinein und
auch wieder hinaus befördert wurde.
Der Dachstuhl besteht wiederum aus gewachsenen Eichenhölzern. Die Hahnenbalken sind auf die Sparren aufgeblattet und mit
jeweils zwei schrägen Holznägeln befestigt Eine Verbindung, wie sie seit dem hohen Mittelalter bis z.T. in das beginnende
19 Jahrhundert Verwendung fand.
Kommen wir nun zu dem zweiten Datum 1703 wurde die Scheune wahrscheinlich versetzt und um 1 Fach länger wieder aufgebaut.
Zu diesem Zeitpunkt bekamen die Außenwände dann auch die heutige Schwelle, auf denen die unten verkürzten Ständer mit
jeweils zwei Dollen befestigt wurden. Es ist erstaunlich, was ein so kleines unscheinbares Gebäude für eine interessante
Baugeschichte hinter sich haben kann. Bleibt zu hoffen, dass uns diese noch lange erhalten bleiben möge.
Heinz Riepshoff, IGB
Landkreis Verden Grafschaft Hoya.
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Die Häuslinge.
21.6
In den meisten Orts- und Höfechroniken, die in den letzten Jahren erschienen sind, sucht man vergeblich nach der untersten
Schicht der damaligen Gesellschaft. Während für die Höfe, ob ein Meierhof, eine Kotstelle oder ein Brinksitz, die Besitzer
und deren Gutsherren fein säuberlich aufgelistet werden, vermißt man immer wieder die Leute, die bei den Hofbesitzern
"angeheuert" hatten - die Häuslinge.
Jene hatten keinen eigenen Grundbesitz, sondern lebten meist in Nebengebäuden oder -räumen auf einem Hof und liehen dem
Bauern ihre Arbeitkraft. Eine kleine Viehwirtschaft wurde ihnen dabei zugebilligt. Mehr als eine Kuh oder einem Schwein war
aber nicht möglich. Um den Stand der Häuslinge besser darstellen zu können, müssen wir uns dabei die frühere Höfeeinteilung
verinnerlichen.
Oben an der Spitze standen die Grundherren. Ihnen gehörte das zu bewirtschaftende Land. Als jene traten in der hiesigen
Umgebung u.a. die Grafen von Hoya (später das Amt Hoya als Verwaltungseinheit der Welfenherzöge), adlige Familien wie von
Behr (Hoya), von Emminga (Oberboyen), von Wechold (ebenda), von Heimbruch (Varste) oder von Sternberg (Schwarme), teilweise
die Kirchen oder aber auch große Meierhöfe wie der "Jadgmeierhof" in Martfeld auf. Sie zogen von den Höfen den Schmalz-
und Kornzehnten ein. Darüber hinaus mußten die Bauern den Grundherren an bestimmten Tagen auf dessen eigenverwalteten
Ländereien Dienst leisten.
Die oberste Schicht der Hofbesitzer bildeten die Meierhöfe. Diese unterteilten sich aufgrund der verschiedenen Dienste und
Abgaben in Voll-, Dreiviertel-, Halb- und Viertelmeier. Im Kirchspiel Martfeld sind nur Voll- und Halbmeier anzufinden.
Darunter befanden sich die Kötner. Diese Bezeichnung leitet sich von deren Behausung "Kote" ab. Während die Meierhöfe schon
seit der Zeit Karl des Großen (747 - 814) bestanden haben sollen, entstand diese Höfeklasse im 14. Jahrhundert. Die Kötner
unterteilten sich in Voll- und Halbkötner. Das Bindeglied zwischen den Meiern und Kötnern bildeten die Eggekötner (im Amt
Thedinghausen wurden sie Pflugkötner genannt). Während die übrigen Kötner dem Grundherren mit der Hand dienten (daher auch
die ursprüngliche Bezeichnung Handkötner), mußten sie eggen bzw. pflügen, also wie die Meier mit dem Pferd dienen.
Um mehr Land urbar zu machen und den Bevölkerungszuwachs unterbringen zu können, wurden ab dem 16. Jahrhundert Brinksitze
angesiedelt. Die Bezeichnung kommt von der Lage dieser Höfe. Sie wurden meist am Rande eines Dorfes gebaut, am so genannten
"Brink". Sie waren bis in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts die niedrigste Hofeinheit. Ab ca. 1835 konnten sich die
Bauern von der Herrschaft für sehr viel Geld freikaufen. Um jenes finanzieren zu können, wurden Anleihen aufgenommen und
einige Ländereien an Bauwillige (überwiegend Häuslinge mit angespartem Geld) versetzt. Die neugebauten Stellen auf jenen
Ländereien nannte man An- oder Abbauer. Als erste bezeichnete man diejenigen Stellen, deren Gebäude völlig neu gebaut
wurden, während die letzteren zur Gründung neuer Stellen Nebengebäude der bestehenden Höfe von diesen abtrennten. Unter
diesen Höfeklassen blieben nur noch die Besitzlosen, die so genannten Häuslinge oder Tagelöhner.
Bereits im Viehschatzregister von 1652/53 sind im Kirchspiel Martfeld einige Häuslinge genannt, jedoch handelt es sich
hierbei gerade einmal um ein gutes Dutzend. Dies steigerte sich in den nächsten Jahren bis auf 84 Häuslinge bzw.
Häuslingsfamilien im Jahre 1758.
Wie wurde man Häusling?
Die elterlichen Höfe wurden ab der Welfenzeit (1583) an den ältesten Sohn weitergegeben, sofern der Grundherr nichts
einzuwenden hatte. Der neue Besitzer mußte den "Weinkauf" bezahlen (eine Geldleistung, abgestimmt auf die Größe und den
Zustand des Hofes). Geheiratet wurde meist in der gleichen Höfeklasse. Denn man wollte "unter sich" bleiben. Dieses ist gut
vergleichbar mit den Gepflogenheiten des Adels. Natürlich versuchte man, auch die zweiten oder dritten Söhne auf vergleichbare
- oder wenn es möglich war, sogar auf höherwertige - Höfe unterzubringen.
Gab es für einen Sohn keine Möglichkeit, einen eigenen Hof zu verwalten, so blieb er entweder unverheitatet als Knecht auf
dem elterlichen Hof oder aber er verdiente sich seinen Unterhalt als Häusling bei anderen Bauern. Manche Häuslinge übten
dabei auch einen handwerklichen Beruf aus. Dies machten ansonsten noch die Brinksitzer, da deren Landwirtschaft nicht immer
genug für die Familie abwarf.
Durch die Abstammung schafften aber einige Kinder von Häuslingen wieder den gesellschaftlichen Aufstieg. Hermann Diedrich
von Engeln (1771 - 1848) vom Vollmeierhof Nr.109 in Martfeld lebte nach seiner Heirat mit Beke Adelheid Wetje (1774 - 1840)
vom Großbrinksitz Nr.1 in Hustedt als Häusling in Hustedt. Sämtliche Töchter aus dieser Ehe heirateten wieder auf Höfen.
Ihnen blieb ein Leben als Häuslingsfrau erspart. An diesem Beispiel kann man erkennen, daß auch die Abstammung einen hohen
Status genoß. Die Abstammung zählt auch in meinem nächsten Beispiel. Die Söhne des Vollmeiers Johann Erdwig Meyer
(aus Martfeld stammend) vom Hof Nr.9 in Ritzenbergen aus dessen zweiter Ehe wurde bei der Erbschaft übergangen. Den Hof
erhielt deren ältere Schwester aus erster Ehe. Trotz ihres Status als Häusling heirateten sie Meiertöchter aus Ritzenbergen.
Später gelang wieder ein Familienzweig in den Besitz eines Großbrinksitzes in Wulmstorf.
Viele Häuslinge nahmen am Siebenjährigen Krieg (1756 - 1763) teil und erhielten als Belohnung für ihren Dienst Land. Dies
war wenig, doch genug, um eine eigene Hofstelle aufzubauen. Viele der damals entstandenen kleinen Ortschaften wurden
Soldatensiedlung genannt. Als Beispiel werden hier Büngelshausen, Neu - Holtum und Adolfshausen (erst 1800 gegründet)
aufgeführt.
Doch nicht nur durch Abstammung, Landzuweisung oder Neugründung einer Stelle nach ca. 1835 konnten Häuslinge auf alte
Hofstellen gelangen. Der besitzlose Carsten Bielefeld († 1683) erwarb 1677 den Brinksitz Nr.62 in Wechold.
Ähnlich erging es den Martfelder Häusling Albert Pickenpack. Er übernahm gegen 1662 den Kleinbrinksitz Nr.93 in Martfeld.
Wie er in den Besitz kam, ist ungewiß. Es konnte aber auch gegenteilig aus gehen. Die Vollkötnerstelle Nr.6 in Martfeld war
um 1685 eine sehr große Stelle und kam einem Meier gleich. Doch der baldige Hofbesitzer Rendig Wacker (1668 - 1757) trieb
die Stelle durch unglückliche Handelsgeschäfte, nachteiligen Pachtungen und übermäßigem Bauen mit 3.000 Taler Schulden
in den Konkurs. Der Hof wurde 1753 für 1.000 Taler verkauft. Die einstmals angesehene Familie Wacker musste fortan als
Häuslinge leben. Dieses Schicksal konnte auch nicht durch Heiraten zweier Söhne mit zwei Schwestern vom Vollmeierhof Nr.10
in Schwärme aufgehalten werden. Immerhin wurde ein Enkel später zweiter Lehrer in Martfeld. Die übrigen Nachfahren mussten
noch 100 Jahre warten, bis sie immerhin eine Anbauerstelle bewirtschafteten.
In der heutigen Zeit gibt es keine Höfeklassen mehr. Auch keine Häuslinge. An deren Stelle sind sozusagen die Mieter
getreten. Während vor Hunderten von Jahren die Häuslinge dem Bauern ihre Arbeitskraft lieh, zahlt heute der Mieter dem
Vermieter Geld für die Inanspruchnahme von Wohnraum. jetzt werden viele Nebengebäude von Bauernhöfen zu Mietwohnungen
umgebaut.
Eines hat sich jedoch gravierend geändert: Der Grundbesitzer steht gesellschaftlich nicht über dem Mieter.
Henns Harries
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Blatternepidemie im Kirchspiel Martfeld 1791/92
30.24
Bei krankheitsbedingten Todesursachen werden heutzutage in den Medien vorzugsweise Krebs oder AIDS genannt. Diese waren
vor Jahrhunderten jedoch noch unbekannt. Damals verursachten Masern, Ruhr, Frieseln, Schwindsucht oder die Blattern die
meisten Tote.
Die Blattern - besser bekannt als Pocken - sind eine Viruserkrankung. Weil sie sich mit dem Blut im Körper verbreiten,
spricht man von einer Zyklischen Krankheit. Diese Viren verbreiten sich nur in menschlichen und tierischen Zellen. Die
Vermehrung läuft in fünf Phasen ab, wobei die letzte Phase diejenige ist, bei der die Wirtszelle schließlich platzt und
weitere Viren freisetzt.
Der Krankheitsverlauf
Die Übertragung der Viren erfolgt durch eine Tröpfcheninfektion mit der Atemluft, d.h. bei jedem Hustenstoß des Kranken
werden massenhaft Erreger ausgeschleudert und von anderen Personen eingeatmet. Weiterhin kann die Infektion auch durch eine
Inhalation von Staub eintreten. Da Pusteleiter an Kleidern und Bettzeug monatelang infektiös bleiben können, sind die
Pocken hochgradig ansteckend.
Die Inkubationszeit beträgt zehn bis fünfzehn Tage. Danach treten in den ersten vier Tagen die ersten Krankheitserscheinungen
auf:
plötzliches hohes Fieber, Übelkeit, Erbrechen, Nasenbluten sowie Schnupfen und Husten.
Später folgen dann die Hautentzündungen (blass-rote Bläschen). Diese bereiten Schmerzen und beim Abheilen der Pusteln
Juckreiz. Diese Pusteln füllen sich schließlich mit Eiter. In dieser Zeit leiden die Patienten an Verwirrtheit,
Desorientierung und Wahnvorstellungen. Die Pusteln werden zum Ende der Krankheit hin zu Krusten und Schorfen, die nach dem
Abfall tiefe und hässliche Narben hinterlassen.
Verläuft die Krankheit sehr schwer, können Folgeschäden wie Augenschäden (bis zur Erblindung), Taubheit, Lähmungen und
Hirnschäden auftreten. Im schlimmsten Fall muss der Patient mit dem Tode rechnen.
Auswirkungen
Vor allem im 18. Jahrhundert wüteten die Pocken. Schätzungsweise 400.000 Europäer jährlich wurden jener Zeit von ihnen
getötet. Sie waren so stark verbreitet, dass Kinder teilweise erst nach dem Überleben der Krankheit zur Familie gerechnet
wurden.
In Intervallen von vier bis sechs Jahren kam es immer wieder zu Pockenepidemien. Sie hatten einen großen Anteil an der
Säuglings- und Kindersterblichkeit. Schätzungsweise jedes neunte Kind starb an ihnen, bevor es das zehnte Lebensjahr
vollendet hatte. Deutschland verlor zwischen 1794 und 1796 rund 200.000 Menschen an der Krankheit. Die Impfung gegen diese
Krankheit begann erst kurze Zeit später. Zur Pflicht wurde sie z.B. 1803 in Preußen, 1807 in Bayern und Hessen.
In den Kirchenbüchern des Kirchspiels Martfeld wurde erst ab den 1770er Jahren durchgängig die Todesursache niedergeschrieben.
So sind uns Pockenerkrankungen aus den Jahren 1780, 1783, 1784 und 1786 bekannt. In den ersten drei Jahren waren es noch
einzelne Todesfälle, während im Jahre 1786 bereits eine erste Epidemie grassierte und eine größere Zahl an Leben forderte
(31 Kinder, davon in Martfeld 11, in Hollen und Loge jeweils 7, in Tuschendorf 4 und in Hustedt 2).
Die größte Pockenepidemie in Martfeld trat 1791/92 auf. Zwischen dem 13.09.1791 und dem 21.04.1792 starben 84 Kinder im
Kirchspiel Martfeld an den Blattern. Davon in Martfeld 42 (50%), in Kleinenborstel 19 (22,6%), in Hustedt 8 (9,5%), in
Hollen 7 (8,3%), in Normannshausen 3 (3,6%). in Tuschendorf 3 (3,6%) und in Loge 2 (2.4%).
Da zu jener Zeit fast jeder erwachsene Einwohner ob der Häufigkeit der Krankheit bereits einmal an den Pocken erkrankt war,
befiel sie fast ausschließlich die Kinder.
Makabererweise war der Tod der eigenen Kinder durch die Pocken oder anderer Krankheiten ein "Alltagsgeschäft". Durch das
häufige Auftreten dieser Krankheiten gewöhnte man sich an diese Abläufe. Doch trotz allem wurde jeder Verlust mit Trauer
begleitet. Manche Familien hatten Glück und alle Kinder überlebten die Krankheiten, andere jedoch musste teilweise bei
einer Epidemie gleich mehrere Kinder zu Grabe tragen.
1791/92 traf es besonders die Familie des Kleinbrinksitzer Cord Henrich Heins auf dem Hof Nr.21 in Kleinenborstel. Er verlor
seine bisherigen drei Kinder am 30.11.1791 (Sohn Rennig) und am 02.12.1791 (Tochter Anne Elisabeth und Sohn Johan Friedrich).
Weitere Familien in Kleinenborstel und Martfeld verloren jeweils zwei Kinder.
Festzustellen ist, dass keines der verstorbenen Kinder das zehnte Lebensalter vollendet hatte. Das älteste Kind war Rennig
Heins aus Kleinenborstel mit acht Jahren und fünf Monaten. Das jüngste Kind war Herman Carsten Henrich Tobek aus Martfeld,
welches gerade einmal sechs Wochen alt geworden war. Durchschnittlich hatten sämtliche Kinder ein Alter von drei Jahren.
Auf dem Bild kann man ersehen, in welchem Raum die Blattern 1791/92 wüteten. Da uns nur die Verstorbenen bekannt sind und
nicht sämtliche Patienten, kann nur vermutet werden, dass gerade im Bereich der Westernheide noch viel mehr Kinder befallen
waren.
Es ist besonders die Anhäufung der Todesfälle im Westen des Dorfes auffällig. Im östlichen Bereich sind gerade einmal sechs
Todesfälle aufgetreten. Es ist hierbei zu beachten, dass vierzehn Kinder keinem Gebäude zugeordnet werden konnten, da deren
Eltern Häuslinge waren und deren Wohnraum unbekannt ist.
Henns Harries
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Mordt und Thodschlagh beim Fastnachtsreiten
34.22
Obwohl der Brauch des "Fastnachtreitens" schon seit 1612 verboten war - wegen daraus entstehenden groben Unfugs, "auch
Mordt und Thodschlagh", wurde er noch zu Ende des Dreißigjährigen Krieges allenthalben ausgeführt, wie es das "Clage undt
Bruchregister" des Amtes Thedinghausen berichtet.
Die Knechte und Haussöhne eines Dorfes sattelten Fastnacht ihre Pferde, holten von einem vorher bestimmten Bauern einen
Schinken und sammelten Mettwürste. Sie ritten dabei durch die große Haustür auf die Diele. Dabei wurde auch sehr viel Bier
getrunken, man nannte dies "Gilde halten". Dabei waren auch andere Personen aus der Nachbarschaft. So wird aus Schwarme
berichtet: " Der Pastor (Roselius) hat mitgesoffen". Was nun alles bei solch einem Brauch passieren konnte, sei im folgenden
von Fastnacht 1642 berichtet.
Die Martfelder (die Namen sind am Textende aufgeführt, Anm. der Redaktion) "haben Fastelabend geritten«, ihr Ziel war Cord
Maßbruch in Einste, ein gebürtiger Martfelder. Maßbrüch hatte die Martfelder gebeten, sie möchten den Schinken durch ein
oder zwei Personen holen lassen, er wolle ihnen auch zu Martfeld ein halbe Tonne Bier spendieren, und ließ diese Bitte durch
seinen Schwiegervater Masemann noch mal ein paar Tage zuvor wiederholen, weil es im Amt Thedinghausen verboten sei.
Doch die Martfelder denken anders. "So sein sie doch den Dienstag nach Einste gar so stark gekommen, undt ob sie woll den
Schinken, undt das Bier alle ausgetrunken gehabt parlamentiret und gescholten, ob sie ihre Pferde weger einer halben Tonne
Bier reiten sollten, ihnen gehöre eine gantze Tonne«.
Der Hausbesitzer versteckt sich vor ihren Drohungen. Die Martfelder "sind aus und wieder in das Haus geritten, Mestprügell
und Forken in Händen gehabt, [...] undt wegreiten wollen, indem wären die Hiddesdorfer gekommen, Mettwurst zu sammeln«. Die
Martfelder lassen diese wegreiten, folgen ihnen aber auf des Nachbarn Hof "und haben sich durcheinander geschlagen, wie die
Nachbarn solches gehört, sein sie dahin gangen, sie von einander zu halten [...] als sie nun dahinkommen haben drei Kerls
vor tot gelegen, und sein die andern mit ihren Pferden darüber geritten, wie nun einer von ihnen gesagt: sie sollten den
Kerl von Martfelde uffheben, daruff einer geantwortet, was an einem Kerle wäre gelegen, und sehr gefluchet".
Einer von den Martfeldern fordert von den Hiddestorfern einen Wettritt, welches abgeschlagen wird, weil die Pferde dazu
nicht trainiert seien. In der Zwischenzeit ist Cord Maßbruch wieder aufgetaucht, und bittet die Martfelder als seine
ehemaligen Nachbarn, doch Frieden zu halten, wenn sie es wegen der Hiddestorfer nicht tun wollten, so möchten sie es doch
seinetwegen tun. Es half alles nicht, es wurde immer schlimmer. Ein Mann wird vom Pferd heruntergeschlagen, nach dem
anderen mit Messern gestochen.
Die Hiddestorfer, welche nicht in den Händen hatten, versuchen mit ihren Pferden vom Hof zu fliehen, und drängen auf die
Straße. Johann Dunker von Hiddestorf springt vom Pferd und will über den Zaun fliehen, auf dem Zaun bekommt er einen Stich
in die linke Brust, er hat offenbar die gesammelten Mettwürste bei sich. Ein Martfelder ruft "nehmt dem Schelm die Würste",
dies gelingt nicht, ein anderer entkommt mit den Würsten in Stretmanns Haus.
Nun wird erst recht auf die verbleibenden Hiddestorfer eingeschlagen und gestochen, diese fliehen mit Hilfe Johann
Buschmanns in den Nachbarhof." [...] aber die Martfelder auch auf ihn gefallen, undt ihn tot haben wollen, daß er fünf
gefährliche Wunden, zwei ins Haupt mit ein Meßer gestochen, zwei in der linken Schulter, und uff der rechten Schulter ein
gefährlichen Stich. Albert Klinker hat auch hin Stratmanns Hof eine gefährliche Wunde hinten aufs Haupt biß uff die
Hirnschale undt fingerlang".
Es wird noch berichtet, dass die Martfelder schon vor ihrem Ausritt den Vorsatz zu Gewalttaten gehabt hätten, auch "wenn
ihrer etliche bleiben sollten". Die Martfelder wichen schließlich der Übermacht der Einster und der dort einquartierten
kaiserlichen Soldaten.
Namentliche Aufzählung der Martfelder Fastnachtreiter:
Carsten Reuter mit 2 Söhnen, Reineke Harries, Johann Cöster mit dem Stiefsohn, Johan Alemsdorf, Carsten Cöster,
Johan Cordeß Knecht, Friederich Broigerßen, Peter Cöster, Johan Knüppell, Johan Wöleke, Gödeke Meyer beim felde Sohn, des
Meyers Schäfer, des Meyers Knecht, Friederich Kuhle, Wilcken Knüppels beide Söhne, Friedrich Pepers Sohn, Reiner Heidtman
und Reiner Nordtman.
Gerhard Kastens
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Kinderjahre in Martfeld Mitte des 19. Jahrhunderts
34.26
Ausschnittsweise möchte ich aus einem vierundsechzig Seiten umfassendes Pamphlet die Kinderjahre von Heinrich Peper
(1842 - 1918) in Martfeld vorstellen. Seine Lebenserinnerungen schrieb er in seinem 76. Lebensjahr, also kurz vor seinem
Tod, sodass er seine Aufzeichnungen nicht mehr abschließen konnte. Doch bevor seine frühen Jahre beschrieben werden sollen,
möchte ich ganz kurz auf sein Leben eingehen.
Heinrich Peper wurde am 26.11.1842 als Sechstes von acht Kindern des Brinksitzers Heinrich Peper und dessen Frau Anne
Adelheid Meyer vom Hof Nr.113 in Martfeld geboren, die ab ca. 1840 Verbindungen zu der Brüdergemeinde hatten (in deren
Lehre werden Rechtfertigung und Erlösung durch den Tod von Jesus Christus am Kreuz betont, die Heilandsliebe und das Wirken
des Heiligen Geistes). Dies wird sich auch auf sein gesamtes Leben auswirken, was wir später in seiner Beschreibung sehen
werden.
Da er nach Beendigung der Schule körperlich noch klein und schwach war und auch keine sonderliche Neigung zum Schmiedehandwerk
hatte, welches über mehrere Generationen von seiner Familie ausgeübt wurde, entschloss er sich, in Oldenburg den Beruf des
Malers zu erlernen. Weitere Aufenthaltsorte waren danach u.a. Berlin, Hannover, Stuttgart, Basel, Straßburg und Bremen, wo
er das Malerhandwerk ausübte. Später dann erhielt er ein Angebot, als Lehrer und Erzieher an der Unitätsanstalt in Niesky,
Oberlausitz zu wirken, was er auch annahm. Er starb am 21.10.1918 in Königsfeld im Schwarzwald.
Doch hier nun die Beschreibung seiner Kinderjahre in eigenen Worten:
"Von meiner frühesten Kindheit an durfte ich die allerzärtlichste Liebe und Fürsorge meiner Eltern genießen. Auch wurde
mir die treue Pflege und Wartung meiner beiden älteren Schwestern Anna und Margarethe zur Teil. Allein hätte des Herrn
Auge nicht über mich gewacht, so wäre ich wohl schwerlich behütet worden. Denn ich war ein gesundes, aber auch ein ganz
besonders lebhaftes Kind. Gar oft schwebte schon mein junges Leben in Gefahr. Diese glücklichen Kinderjahre waren bald
verflogen, dann folgten die schon ernster werdenden Schuljahre. Längst schon hatte ich mich auf die Schule gefreut,
vielleicht auch aus dem Grunde, weil ich mir einbilden mochte, dass ich von da an zu den »Großen« gezählt werden würde,
denn das unselige "Großwerdenwollen" regte sich schon frühzeitig auch bei mir.
Ob ich dazu mehr veranlagt war, als etwa andre Kinder in demselben Alter, weiß ich nicht, aber sicher wurde ein gewisser
Hochmut frühzeitig in mir geweckt und auch genährt. Es mögen zum Teil die vielen Fremden, welche im elterlichen Hause viel
aus- und eingingen, oder auch die Gesellen und Tagelöhner, welche die Eltern in jenen Jahren mit am Tisch halten mussten,
mit ihren Schmeicheleien mitverantwortet haben, dass ich schon frühzeitig zur Einbildung neigte. Auf jeden Fall ist es mir
im späteren Leben immer wieder schwer geworden, dieses mein Grundverderben unter das Kreuz Christi zu bringen. Damals
freilich ahnte mein junges Herz von folgenden Verderben noch nichts, vielmehr lebte ich in der Kindeseinfalt fröhlich und
glücklich dahin. Dies mag auch eine Erfahrung aus meinem Leben bestätigen.
Nach Einführung in die "Kleine Schule", welche etwa von sechzig bis siebzig Kindern im Alter von sieben bis zehn Jahren
besucht und von einem Lehrer geleitet wurde, fiel es mir bald auf, wie fast alle meine Mitschüler sich oft roh und gottlos
benahmen und wie sei bei jeder Gelegenheit fluchten. Besonders waren es die größeren, älteren Kinder, aber am schlimmsten
taten es die größeren Knaben und Mädchen aus der "Großen Schule", mit denen ich täglich den halbstündigen Schulweg zu gehen
hatte. Ja, diese fluchten nicht nur, sondern gebrauchten auch oft sehr hässliche Worte und besonders schmutzige und
unzüchtige Redensarten, sodass meine Seele davor schauderte und erbebte. Unsre Eltern hatten uns Kinder besonders sorgfältig
vor allen Bösen zu bewahren gesucht. Jetzt war dies nicht mehr möglich.
Ich litt schwer darunter und suchte darum nach Möglichkeit, denen von der großen Schule aus dem Weg zu gehen. Zu dem Zweck
benutzte ich öfter einen Umweg, der mich durch den Garten unsers Nachbarn Ehlers (Hof Nr.110, Anm. der Red.) führte. Dort
bemerkte ich eines Morgens unter einem Apfelbaum hübsche, rotbackige Äpfel. Die Versuchung, solche aufzuheben, wandelte mich
an, denn die unseren waren noch nicht reif. Da ich in meiner Umgebung niemand ansichtig wurde, griff ich rasch zu und ließ
von den Äpfeln einige in meine Tasche gleiten. Aber sofort merkte ich, dass mein Herz stärker zu klopfen begann, und dass
meine Wangen rot und heiß wurden. Wohl hatte kein menschliches Auge mein Tun sehen können, aber ich wusste, Gott hatte es
gesehen, und es war mir, als sage mir eine innere Stimme:"Heinrich, jetzt hast du gestohlen." Sofort waren meine Beine
bleischwer geworden, und ich stand still und seufzte: "Lieber Heiland, hilf mir." Im tiefen Gefühl meiner Schuld drehte ich
sofort um, ging genau an die Stelle zurück, wo ich die Äpfel aufgelesen hatten, und genau dort ließ ich sie auch wieder
ins Gras fallen. Sofort wurde es mir auch wieder leichter ums Herz, ja eine hohe Freude und unaussprechliche Wonne erfüllte
es bis hin zur Schule.
Dort wurde mir die Freude zuteil, dass ich an diesem Tage um zwei Plätze hinaufrücken durfte. Oder war es vielleicht Zufall?
Nein, der Herr belohnte meinen kleinen kindlichen Gehorsam. Und noch eine Gnade folgte nach. Von dem Tage an hatte ich Mut
und Kraft, den gewöhnlichen Schulweg mit den bösen Kindern gehen und ihren Spott ertragen zu können.
Die Aufgaben in der kleinen Schule waren der Zeit entsprechend sehr gering. Sie bestanden in Übungen von Lesen und Schreiben
und Singen von Liedern. Und da Unterricht nur in den Vormittagen erteilt wurde, hatte ich daneben viel freie Zeit zum
Spielen und auch zum Helfen bei häuslichen Arbeiten. Und wo hätte es sich besser herumtollen und spielen lassen, als in
unserem eigenen Hause mit den angehörenden Nebengebäuden und in den sie umgebenden Höfen und Gärten, wozu auch die freiliegenden
Schmiede gehörte. In meinen Kindheitstagen war überhaupt "Smetshus" oder die Schmiede der Sammel- und Tummelplatz der
umwohnenden Jugend. Die lieben Eltern gewährten uns Kinder unbegrenzte Freizeit zum Spielen. Dabei standen wir selbst mit
unsern Spielgenossen stets unter ihrer Aufsicht. Dagegen wurde es uns nicht gestattet, in Nachbarhäusern zu spielen.
Die Eltern suchten uns immer wieder Freude zu bereiten. Ein etwas Nichtgehorchenwollen gab es auch bei mir nicht. Demnach
kam es einige Male vor, dass ich vom Vater gezüchtigt wurde. Zu dem Zweck musste ich mir selbst jedes Mal einen frischen
Stock schneiden und ihn dem Vater überreichen. Ach, das war dann ein tränenreicher Gang. Aber Vater ließ auch öfter Gnade
vor Recht ergehen und dann wanderte der Stock ungebraucht ins Feuer, und ich kam mit einer ernsten Ermahnung davon. Die
liebe Mutter war stets außerordentlich sanft und mild in ihrem ganzen Wesen. Aber auch sie wusste uns zu einem unbedingten
Gehorsam und in der Furcht des Herrn zu erziehen. Was wunder, wenn wir unsere Eltern mit der ganzen Seele eines guten Kindes
liebten.
In meinem zehnten Jahr wurde ich von der kleinen in die große Schule versetzt. Dort herrschte ja im allgemeinen mehr
Ordnung, auch wurde der Unterricht mit mehr Ernst gehandhabt. Zu den bisherigen Fächern kamen noch Rechnen, auch etwas
Geschichte und Geographie etc. Leider war die Zahl der Kinder, 140-150 Knaben und Mädchen zusammen, für einen Lehrer viel
zu groß, als dass er dem einzelnen Kinde hätte die nötige Beachtung zuwenden können. Unser Herr Kantor war gewiss ein
tüchtiger Lehrer, aber er war leider kein frommer Mann. Ihm war das lebendige Christentum verhasst. Dies trat gelegentlich
beim Unterricht deutlich zu Tage. Da pflegte er sich mit Vorliebe bei den Sekten aufzuhalten. Da nun mein Vater eine
Versammlung in seinem Hause leitete, wurde auch er als ein Quäker bezeichnet.
Eine Unterrichtsstunde dieser Art ist mir besonders eindrücklich geblieben. Der Kantor hatte wieder einmal die Sekten
genannt, und als er dann fragte, ob es in Martfeld auch solche scheinheiligen Leute gäbe, riefen einige meiner Mitschüler:
"Quäker, hier sitzt einer!" Damit wurden sofort aller Augen auf mich gerichtet. Dann riefen die hinter mir sitzenden:
"Quäker, steh auf! Quäker, steh auf!" Ein allgemeiner Tumult entstand. Der Kantor lachte laut bei "diesem Spaß" so sehr,
dass er sich kaum zu fassen wusste. Dann aber gebot er Ruhe. Am Schluss dieser Schulstunde eilte ich nach Hause und klagte
es meiner Mutter. Sie suchte mich zu trösten, indem sie sagte, das geschehe um des Heilands Willen. Bald darauf hörten wir
die andern Mitschüler singend vorbeiziehen. Sie sangen: "Quäkerpastor achtern isernen Dor" ((vor unserem Hof hatten wir
nämlich ein eisernes Tor).
Durch solchen Spott des Kantors und meiner Mitschüler ließ ich mich aber durchaus nicht abschrecken, vielmehr ging ich nach
wie vor gern zur Schule, lernte mit Fleiß und Lust meine Lektion und erntete dabei manches Lob meines Lehrers.
Dann aber fand es mein treuer Heiland für gut, mir, den zwölfjährigen Knaben, einen Hemmschuh anzulegen. Ich bekam das
Wechselfieber in der mannigfaltigsten Form. Die Krankheit dauerte fast ohne Unterbrechung 1½ Jahre, und meine bisher
blühende Gesundheit erlitt eine schwere Schädigung. Mein Wachstum stand längere Zeit völlig still, und
auch meine geistigen Kräfte haben wohl infolge der vielen Fieber gelitten. Dies trat deutlich zu Tage, als ich
später wieder die Schule besuchte. Da litt ich nach geistiger Anstrengung sehr oft an Migräne.
Dies war umso schlimmer, als ich gerade damals auch den Konfirmandenunterricht zu besuchen hatte. An sich hätte ich
nicht viel versäumt, wenn ich demselben überhaupt nicht hätte anwohnen können, denn unser damals schon
zweiundachtzigjähriger, geistig schon sehr geschwächter Herr Pastor hätte ja überhaupt keine Unterricht
mehr erteilen sollen. Er war oftmals nicht mehr fähig, die große Zahl der Kinder in Ordnung zu halten. Während
des Unterrichts kam es öfter zu sehr ärgerlichen Auftritten. Mal waren Knaben und Mädchen durch einen Gang
in der Schule getrennt, aber dennoch spielten und scherzten sie miteinander. Es wurden Zettel mit schlechten Witzen hin und
her gewechselt. Es wurde gepfiffen, gesungen, mit Händen und Füßen getrommelt, mit Knallbüchsen
geschossen und das alles während des Unterrichts und der Katechese.
Der Herr Pastor schien es nicht zu merken. Nur, wenn der Lärm zu groß wurde, oder wenn die Geschosse der
Knallbüchsen ihn direkt ins Gesicht trafen, dann konnte auch er zornig werden, so sehr, dass er selbst davonlief. Da
sahen wir ihn hastig nach seinem Stock greifen und mit dem Ausruf: "Nun will ich euch gar nicht konfirmieren" hinter der
Türe verschwinden. Dann freilich entstand plötzlich eine unheimliche Stille im Schulsaal Aber nicht lange,
dann kehrte der gute Mann auch schon zurück mit den Worten: "Nun, liebe Kinder, ich will es euch noch mal verzeihen".
Damit begann er wieder den Unterricht.
Unter diesen Umständen war es für mich kein großer Verlust, wenn ich meines häufigen Kopfwehs wegen
den Unterricht versäumen musste. Ja, ich habe es als eine besondere Gnade vom Herrn ansehen gelernt, wenn der
Unterricht öfter ausfallen musste. Endlich kam der Tag, da auch ich zum erstmaligen Genuss des heiligen Abendmahls
gelangen sollte. Aber ich besinne mich nicht, an dem Tag einen tieferen Eindruck empfangen zu haben. Die kirchlichen
Verhältnisse in Martfeld während meiner Kindheit waren die denkbar traurigsten. Gottlob fand ich im Elternhaus
reichlichen Ersatz. Hier las unser Vater jeden Morgen und zwar gleich nach dem Frühstück in Gegenwart sämtlicher
Hausgenossen die Losung und einen Abschnitt aus der Heiligen Schrift vor und hielt ein kurzes Gebet.
Hier endet in der Lebensgeschichte des Heinrich Peper die Abhandlung über seine Kinderjahre. Die weiteren Kapitel
gehen auf den Verlust seiner Eltern, seinen beruflichen Werdegang und seine Wanderjahre ein. Interessant für uns ist
hierbei der Bericht über die damaligen Beerdigungsriten in Martfeld. Deshalb wollen wir zum Abschluss dieses Berichtes
den Autor noch mal mit seinen eigenen Worten das Geschehene schildern lassen.
Nach ländlicher Sitte war der Sarg in der Mitte unserer großen Hausdiele aufgestellt. Eine Anzahl Kerzen auf
hohen Kandelabern umgaben den Sarg. Rechts und links standen je zwei Reihen langer Tische und Bänke für die
große Trauerversammlung, welche dort gespeist und getränkt wurde. Zahlreiche Verwandte und Freunde wurden noch
besonders in den einzelnen Zimmern unseres Hauses untergebracht. Gegen ein Uhr erschien der Herr Kantor mit einer Anzahl
größerer Schulkinder. Nachdem auch sie alle mit Kaffee und Kuchen bewirtet waren, trat der Leichenbitter vor
und forderte diejenigen, welche den Verstorbenen noch einmal ansehen wollten, auf, heranzutreten, da der Sarg jetzt
geschlossen werden müsse.
Dann wurden vom Kantor und den Kindern einige Sterbe- und Auferstehungslieder angestimmt. Danach erhoben sich alle Anwesenden
und der Trauerzug begab sich nach dem Friedhof; der Sarg wurde von den nächsten Nachbarn getragen. Hier wurde er in
feierlicher Prozession einmal ganz um die Kirche und dann erst ans Grab getragen. Dort wurde die Liturgie der Hannoverschen
lutherischen Landeskirche gebetet und die Personalien vorgelesen, wobei der Kinderchor wiederholt seine Weisen sang.
Zugleich wurde der Sarg ins Grab gesenkt und dieses wurde auch gleich in Anwesenheit der Leidtragenden zugemacht. Danach
begaben sich alle bis auf die Kinder in die Kirche, wo noch eine ausführliche Leichenpredigt gehalten wurde. Nach
Schluss des Gottesdienstes kehrte der größere Teil der Versammlungsbesucher nochmals ins Trauerhaus zurück.
Hier wurden sie nochmals ausführlich bewirtet und erst gegen Abend kehrten alle wieder in ihre eigenen Häuser
zurück.
Henns Harries
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Auf den Spuren des Großvaters
Briefe und Bilder aus dem zweiten Weltkrieg bringen
ukrainische und deutsche Jugendliche in Kontakt.
35.14
Die Ukraine ist eines der Länder, die am meisten unter dem zweiten Weltkrieg gelitten haben. Nach 1941 starben hier fünf
bis sieben Millionen Menschen, Städte und Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht. Das fruchtbare Land sollte helfen,
Soldaten und deutsche Bevölkerung zu versorgen, viele junge Menschen wurden zur Zwangsarbeit ins Reich gebracht.
Auch über 60 Jahre nach Kriegsende ist das alles präsent, wenn man als Deutscher in die Ukraine kommt. Besonders präsent,
wenn man als Enkel eines Mannes reist, der zur deutschen Verwaltung in der Ukraine gehört hat. Zusammen mit einer
Schulklasse aus Münster war ich in dem Ort zu Besuch, in dem mein Großvater über ein Jahr lang gearbeitet hatte.
Angefangen hat alles mit einem Packen Briefe und Fotos, die mein Großvater Johann Bösche hinterließ. Schilderungen des
Alltages in einem ukrainischen Dorf namens Iwankiw, rund 100 Kilometer nördlich der Hauptstadt Kiew gelegen. Dort war er
ein reichliches Jahr lang als Mitarbeiter des deutschen Gebietslandwirts beschäftigt. Die Fotos zeigen deutsche Soldaten
und Zivilbeamte, ihre Arbeit und Freizeit, Dorfansichten und die Einheimischen, die sich mit den Deutschen arrangieren
mussten.
Mein Onkel Harald stellte sich die Frage, ob es in Iwankiw heute noch Menschen gibt, die sich an diese Zeit erinnern, die
vielleicht sogar noch Menschen kennen, die auf den Bildern zu sehen sind. Er nahm Kontakt zur ukrainischen Nationalstiftung
für Verständigung und Aussöhnung auf, die deutsche Entschädigungszahlungen für Zwangsarbeiter auszahlt, aber auch humanitäre
Programme finanziert und Kontakte zwischen beiden Ländern organisiert. Die Mitarbeiterinnen fanden Schulklassen in Münster
und in Iwankiw, die sich für die Bilder und Texte interessierten und die Auswertung übernahmen. Höhepunkt der gemeinsamen
Forschung war der Besuch der deutschen Schüler in der Ukraine.
Iwankiw ist heute ein ausgewachsenes Dorf mit rund 10.000 Einwohnern - und gleichzeitig Hauptort des flächenmäßig größten
Landkreises der Ukraine. Zum Kreis gehören alle Gebiete, die durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verstrahlt wurden.
Neben dem Denkmal für die Opfer des zweiten Weltkrieges gibt es in Iwankiw denn auch ein Mahnmal für alle, die bei der
Explosion des Atommeilers ihr Leben ließen. Auf dem zentralen Dorfplatz überwacht immer noch eine Leninstatue das Treiben
in Geschäften und Internetcafes, den Straßenverkehr aus Kleinbussen, russischen Lastwagen und westlichen Autos.
Der Besuch der deutschen Gruppe sorgte für Aufsehen - "was wollen die hier, 60 Jahre nach dem Krieg?" Die Schüler hatten
Bilder, Briefe und ukrainische Dokumente aus ukrainischen Archiven zu einer Ausstellung zusammengestellt, die im Heimatmuseum
präsentiert wurde - und bei der Eröffnung dicht umlagert war.
Besonders die älteren Einwohner waren neugierig - andererseits bedeutete es für sie eine große Überwindung, Kontakt zu den
deutschen Besuchern aufzunehmen. Zu sehr schmerzen Erinnerung an Krieg, Zwangsarbeit, Ermordungen. Viele hatten als
Partisanen gegen die deutschen Truppen gekämpft oder waren als Zwangsarbeiter eingesetzt worden. Wir fanden uns in der Rolle
von Diplomaten wieder, die nicht nur Gast sind, sondern auch Repräsentant.
In den Gesprächen stellte sich heraus: Der Alltag der deutschen Besatzungszeit ist bislang wenig erforschtes fehlen Dokumente,
Bilder, Erinnerungen. Die Briefe und Bilder helfen, diese Erinnerungslücken zu schließen. Die Schilderungen früherer
Partisanen bildeten den Kontrast zu den Briefen meines Großvaters. Dieser berichtete von verstärkten Angriffen der Partisanen,
die schließlich sogar eine neugebaute Brücke in Brand setzten und damit den Weg nach Kiew unterbrachen. Für die Partisanen
ein großer Erfolg - der erst jetzt mit den ausgewerteten Bildern gezeigt werden kann.
Ansonsten steht in den Briefen der Alltag im Vordergrund: Mein Großvater fragte nach dem Leben in Martfeld und auf dem
heimatlichen Hof, schilderte Büroarbeit und Dienstreisen nach Kiew, äußerte sich zum einfachen Leben der ukrainischen
Bevölkerung und der guten Bodenqualität. Im Herbst 1943 endete die Tätigkeit - die Front rückte näher, die zivile deutsche
Verwaltung verließ die Ukraine fluchtartig. Mein Großvater hatte ein Bild dabei - eine gemalte Ortsansicht von Iwankiw, die
er einem örtlichen Maler abgekauft hatte.
Nachdem sie jahrzehntelang in Loge auf dem Dachboden stand, kehrte sie mit unserer Reise wieder in die Ukraine zurück - als
Gastgeschenk und neues Ausstellungsstück im Heimatmuseum.
Das Fazit der Reise: Es war beeindruckend zu sehen, wie Briefe und Fotos aus der Besatzungszeit heute helfen, Zeitzeugen und
Schüler aus beiden Ländern zusammen zu bringen, Vorurteile abzubauen und freundschaftliche Kontakte ermöglichen. Kontakte,
die weiter gepflegt werden - noch in diesem Jahr wird die Schulklasse aus der Ukraine zu einem Gegenbesuch in Deutschland
erwartet.
Jan Bösche
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Wer war Friedrich Joloff?
Ein bekannter Schauspieler in Martfeld beigesetzt
38.12
Vor etwas mehr als zwanzig Jahren am 5. Januar 1988 starb Friedrich Joloff im Seniorenheim in Kleinenborstel und wurde auf
dem Martfelder Friedhof beigesetzt. Nur ein schmuckloses Grab ohne Stein erinnert an einen großen Schauspieler, der hier
seinen Lebensabend verbrachte.
Er wurde am 14. Dezember 1908 als Friedrich Hans Jolowicz in Berlin geboren. Nach seiner Ausbildung an der Schauspielschule
des Deutschen Theaters - unter anderem bei Lothar Müthel - trat er an verschiedensten Berliner Bühnen mit zunächst kleineren
Rollen auf Mit Beginn des Nazi - Regimes wurde er ab 1933 mit einem Auftrittsverbot belegt; einigen Quellen zufolge soll
seine Verbindung zu homosexuellen Kreisen der Grund hierfür gewesen sein.
Friedrich Joloff emigrierte nach Italien, wurde dort mit Beginn des 2. Weltkrieges zur Wehrmacht eingezogen. Erst nach
Kriegsende und seiner Entlassung aus amerikanischer bzw. kanadischer Kriegsgefangenschaft konnte er ab 1947 seine Karriere
als Schauspieler fortsetzen. Am Theater sah man ihn in vielen klassischen Rollen, so beispielsweise als "Conti" in Lessings
"Emilia Galoti", als "Arnold" in Hauptmanns "Michael Cramer" oder als "Trigorin" in Tschechows "Die Möwe".
Populär wurde Friedrich Joloff jedoch durch den Film - nicht zuletzt aufgrund seines markanten Äußeren, in zahlreichen, auch
internationalen Streifen mimte er in prägnanten Nebenrollen den Bösewicht und Schurken. Sein Leinwanddebüt hatte er 1953 in
dem britischen Film "Desperate Moment" an der Seite von Dirk Bogarde gegeben, es folgte die Rolle des Theo in "Die Halbstarken"
(1956) mit Horst Buchholz. Mit Marion Michael spielte er in "Liane die weiße Sklavin" (1957), Veit Harlan besetzte ihn als
Verführer Dr. Boris Winkler in seinem Anti-Schwulen-Film "Anders als du und ich" (1957) und mit Hollywoodstar Ernest Borgnine
stand er für den Thriller "Man On A String" (1960, Geheimakte M) vor der Kamera. In dem Wallace-Krimi "Die Tür mit den
sieben Schlössern" (1962) mimte er einen zwielichtigen Hausmeister, zwei Jahre später war er in "Das Wirtshaus von Dartmoor"
der undurchsichtige, ehemalige Gefängniswärter Simmons, der in der Nähe des Zuchthauses Dartmoor ein Gasthaus betreibt.
Yves Allegret gab ihm den Part des Aristopoulos in seiner spannenden Literaturverfilmung "Johnny Banco" (1967, Jonny
Banco - geliebter Taugenichts) mit Horst Buchholz in der Titelrolle, in Wolfgang Beckers Thriller "Ich schlafe mit meinem
Mörder" (1970) stand er dann mal auf der Seite der Guten und spielte einen Kommissar. Zu Joloffs letzten Arbeiten für das
Kino zählen die Filme "Käpt'n Raubbein aus St. Pauli" (1971) und "La Venganza del doctor Mabuse" (1972, Dr. M schlägt zu).
Auch das Fernsehen bot dem Schauspieler mit den markanten Gesichtszügen ab den 60er Jahren ein breites Betätigungsfeld.
Neben Auftritten in so beliebten Krimi - Reihen wie "Derrick", "Der Alte" oder "Dem Täter auf der Spur" erlebte man Joloff
beispielsweise 1963 in dem mehrteiligen Durbridge-Straßenfeger "Tim Frazer" als Kapitän Nikiyan, drei Jahre später erlangte
Joloff mit seiner Rolle des Oberst Henryk Villa und Chef des Galaktischen Sicherheitsdienstes in "Raumpatrouille - Die
phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion" enorme Popularität. Durch das 2004 in die Kinos gekommene Filmremake
"Raumpatrouille Orion - Rücksturz ins Kino" war sein Name auch Jahre nach seinem Tod wieder in aller Munde.
Bis Ende der 1970er Jahre folgten zahlreiche eindrucksvolle Nebenrollen; in Wolfgang Beckers mehrteiligen Krimis "Der Tod
läuft hinterher" (1967) und "Babeck" (1968) wirkte er ebenso mit, wie in Harald Vocks "Ein Sarg für Mr. Holloway" (1968).
In Herbert Reineckers dreiteiligem TV-Krimi "11 Uhr 20" (1970) sah man Joloff als "Leiche" Dr. Arnold Vogt, einer seiner
letzten Fernsehauftritte; danach wurde es still um den beliebten Schauspieler.
Neben seiner umfangreichen Arbeit als Schauspieler war Friedrich Joloff vor allem in den 50er Jahren ein vielbeschäftigter
Synchronsprecher; so lieh er beispielsweise Orson Welles, Vittorio Gassman, Richard Basehart, James Mason, Peter Cushing,
Christopher Lee, John Barrymore, Jack Palance und Vincent Price seine Stimme.
Henns Harries
(Quelle:www.steffie-line.de)
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Transformator Denkmal in Hustedt.
38.6
Insgesamt stand der Transformator von 1913 bis 2007, also 94 Jahre in Hustedt. Nach der Modernisierung der Stromanlagen wurde
der damit überflüssige Turm am 21. August 2007 mit einem großen Bagger abgerissen.
Um der Nachwelt eine kleine Erinnerung an den Transformator zu schaffen, beschlossen Heinrich Leiding, Horst Lässig,
Hans-Hermann Wolf und Heiko Döhrmann ein Miniaturtransformator als Denkmal an den Turm zu errichten. Bereits ein paar Monate
nach dem Abriss wurde das Fundament gegossen. Während dessen lief die Arbeit an der Säule auf Hochtouren. Selbst an kleine
Details wurde gedacht. So ist zum Beispiel der alte Blitzableiter des Transformators in die Säule eingegossen.
Im Juni 2008 war es dann schließlich soweit. Die Dorfbevölkerung wurde per Handzettel über die Einweihung des Turms informiert.
So versammelten sich auch ca. 60 Leute, Bürgermeisterin Marlies Plate und Wilfried Nordbruch vom HVV um das Denkmal
feierlich einzuweihen. Nach der Einweihung ging es zu einem Umtrunk ins Dorfgemeinschaftshaus in Hustedt.
An dem Miniaturturm ist auch eine Eisentafel angeschlagen. Sie reiht die Ereignisse des Transformators in chronologischer
Reihenfolge auf. Darauf ist zu lesen, dass im Jahre 1912 insgesamt neun Haushalte den Vertrag für den Bau eines Transformators
unterschrieben. Ein Jahr darauf wurde der Turm gebaut. Wiederum ein Jahr später, am 24.03.1914 wurde der Strom eingeschaltet.
Nach und nach kamen dann immer mehr Haushalte dazu. Auch die Strompreise von damals und heute sind verewigt worden.
Dirk Bröer
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Die Ära Gasthaus "Zur Eiche" ist zu Ende
Heinrich Leiding am 28. Februar 2003 für immer die Pforten
22.14
Es war am 17 April 1873. Das Haus Nr. 11 in Hustedt ging in den Besitz der Familie Leiding. Johann Rennig Leiding,
Urgroßvater des jetzigen Besitzers Heinrich Leiding, kaufte die Hofstelle vom damaligen Eigentümer Dieter Heinrich Freymut.
Der Wert des gesamten Anwesens, 2 Hpts, 20 a, 13 m2, war 1.200 Taler.
Im Hause befand sich zu der Zeit eine Gastwirtschaft und ein Hockenhandel (Gemischtwaren). Der nächste Konzessionsträger
war im Jahre 1890 Heinrich Leiding (Senior). 1906 wurde das Haus umgebaut und ein Viehstall kam hinzu. Ein Jahr später,
1907, gab es dann auch den elektrischen Strom und eine Telegraphenstelle wurde errichtet. Nochmals 20 Jahre später wurde
dann eine öffentliche Viehwaage gebaut. Im Jahre 1931 wurde im Hause eine Poststelle errichtet und eine Zentralheizung
eingebaut. 1941 verstarb Heinrich Leiding und sein Erbe ging an seinen Sohn Hermann Leiding, der seit 1937 mit Helene
Leiding, geb. Böttcher, verheiratet war. 3 Söhne gingen aus dieser Ehe hervor. Heinrich, Rolf und Reinhold. Die nächste
Konzession ging dann auf den Namen Hermann Leiding.
1953 wurde das Haus nochmals umgebaut. Dabei ist die Gastwirtschaft und der Gemischtwarenladen vergrössert und somit der
damaligen Zeit angepasst worden. Sieben Jahre später wurde nochmals gebaut. Ein modernes Clubzimmer wurde der Gastwirtschaft
angegliedert. Außerdem wurde für den Schützenverein ein damals moderner Schießstand für Kleinkaliber und Luftgewehre gebaut.
Vier Familienmitglieder waren zu der Zeit im Hause beschäftigt und waren Allrounder, denn jeder mußte alles können
Landwirtschaft, Gemischtwaren, Gastwirtschaft, Post und die Viehwaage. Außerdem die Geschäftszeit von 7 Uhr morgens bis 10
Uhr abends. Hermann Leidings Sohn, Heinrich Leiding und jetziger Eigentümer, wurde nach seiner Lehre als Kaufmann gleich
mit im Hause integriert.
1967 wurde als erstes die Poststelle aufgelöst, 1980 die Landwirtschaft und schließlich 1985 die Viehwaage. Im Jahre 1983
starb Hermann Leiding und seine Frau Helene verstarb 1991. In dieser Zeit wurde dann auch der Gemischwarenladen aufgegeben.
Der verbleibende Geschäftszweig Gastwirtschaft wird seit 1983 von Heinrich Leiding geführt.
Da jetzt, nach fast 130 Jahren die Gaststätte aufgegeben wird, verlieren nicht nur der Schützen- verein und die Feuerwehr ihr
Vereinslokal, sondern auch die bis zuletzt treu gebliebenen Stammgäste ihr Domizil. Familie Heinrich Leiding bedankt sich,
auch auf diesem Wege bei allen, die der Gaststätte "Zur Eiche" bis zuletzt die Treue gehalten haben.
Dirk Bröer
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